Bauern im Mittelalter

Einführung

Trotz der großen Bedeutung der Städte ab dem 11. Jahrhundert muss Deutschland für die Zeit des Mittelalters als ein agrarisches Land bezeichnet werden. Der Bauernstand bildete bis weit in die Neuzeit hinein die zahlreichste Bevölkerungsschicht und bildet daher für lange Zeit die natürliche Reserve der geballten Arbeitskraft eines Volkes.

Inhalt


Die Stellung der Bauern

Die bäuerliche Entwicklung bewegte sich zeitlich und räumlich überaus ungleich. Große Unterschiede rechtlicher und sozialer Art bestanden zwischen West und Ost, zwischen Altdeutschland und dem neuen Kolonialland. Von großer Bedeutung für die Stellung des Bauern war der Charakter der Grundherrschaft. Die vollwertig freien Bauern der altgermanischen Zeit schmolzen in den mittelalterlichen Jahrhunderten auf eine kleine Zahl zusammen. Die große Mehrheit des bäuerlichen Standes befand sich vielmehr in einem Abhängigkeitsverhältnis von der Grundherrschaft, das vom 10. bis zum 12. Jahrhundert ständig wuchs. Im 13. und 14. Jahrhundert ging die Abhängigkeit, allerdings nur auf altdeutschem Boden, erheblich zurück. Im ostdeutschen Kolonialland dagegen dehnte sie sich besonders stark aus. Die wichtigste und zahlreichste Gruppe der Hörigen bildeten die Zinsbauern, deren Abhängigkeit aber nur bedingt war und die sich vielfach den freien Bauern näherten, während die eigentlich unfreien auf den Fronhöfen selbst in voller Abhängigkeit vom Grundherrn tätig waren. Dieses Abhängigkeitsverhältnis von der Grundherrschaft hat sich in mehrfachem Auf und Ab bewegt.

bild 211: bauern bei der gartenarbeit

Bild 211: Bauern bei der Gartenarbeit. Auch der Wiesen- und Gartenkultur galt die bäuerliche Arbeit, eifrig gefördert von den Klöstern, die ihr größte Aufmerksamkeit zuwandten. Haue, Hacke und Beil waren dafür die unentbehrlichen Werkzeuge. (Zeichnung der Dresdner Bilderhandschrift des Sachsenspiegels)

Anfangs war die Unfreiheit sehr groß. Mit der Abkehr des Adels von agrarischer Tätigkeit und mit dem Emporkommen des Landesfürstentums milderte sie sich außerordentlich, wuchs aber gegen Ende des Mittelalters wieder vielfach an. Indessen wie beim Adel spielte beim Bauerntum die rechtliche Stellung überhaupt nicht die entscheidende Rolle. Vielfach lebte der unfreie Bauer in besseren Verhältnissen als der freie, und was im Osten als günstig angesehen werden kann, muss im Westen ungünstig beurteilt werden. Entscheidend vielmehr für die wirkliche Lage des Bauernstandes war die soziale Stellung. Diese aber war im früheren Mittelalter im ganzen besser als im späteren, und die bäuerliche Entwicklung bewegte sich somit von dieser ausschlaggebenden Seite gesehen in stetem Niedergang.

Der Bauernstand als solcher mit seiner Arbeit verfiel zunehmender Missachtung und die Bedrückung des Bauerntums durch Staat, Grundherrschaft und Stadt wuchs seit dem 13. Jahrhundert unaufhörlich. So sammelten sich zu Ende des Mittelalters in der deutschen Bauernschaft gegen die besitzenden Klassen, besonders gegen die adligen und geistlichen Grundherren, sowie gegen die Großkaufmannschaft der Städte, eine scharf oppositionelle Gesinnung und ein geradezu revolutionärer Hass, die von den Volkspredigern genährt an der Schwelle der Neuzeit zu blutigen Ausbrüchen führten.

bild 212: bauern bei der feldarbeit

Bild 212: Bauern bei der Feldarbeit. Das ganze Mittelalter hindurch blieb die Wirtschaftsweise der Bauern einfach und bewahrte im Grunde unverändert die altväterliche Tradition; nur die fortgeschritteneren Betriebsmittel der Grundherrschaft wirkten leise vervollkommnend ein. Die wichtigste Tätigkeit war der Ackerbau, bei dem bereits alle heute üblichen Getreide- und Fruchtarten in Anwendung waren (bezogen auf das Jahr 1912). Mit dem Pflug, der seit der Karolingerzeit seine abgeschlossene Form erhalten hatte und mit Ochsen bespannt war, öffnete man das Erdreich. (Zeichnung der Dresdner Bilderhandschrift des Sachsenspiegels)

bild 213: bauern bei der aussaat

Bild 213: Bauern bei der Aussaat. Die von Ochsen oder Pferden gezogene Egge wirkte beim Säen mit. (Zeichnung aus dem Luzerner Schilling)

bild 210: raufende bauern

Bild 210: Raufende Bauern. Schon im Mittelalter war der Bauer der Hüter der alten Sitte. Jäh hielt er an der Tradition fest und er zumal bewahrte treu Überlieferungen und Nachklänge der heidnischen Zeit. Trotz mancher Einwirkung des Ritters und Bürgers blieb seine Lebensweise einfach und bescheiden. Seine Kleidung war ein schlichtes, graues Arbeitsgewand, und nüchtern und still lebte er dahin. Wegen der Einförmigkeit seines Daseins neigte er indessen dazu, bei besonderen Gelegenheiten es umso ärger zu treiben. Dann tanzte er die derben und manchmal anstößigen Tänze, deren bildliche Darstellungen meist einer späteren Zeit angehören; dann erging er sich in Unbotmäßigkeit und Rohheit. Namentlich die Kirchweihfeste waren die Schauplätze dieses ausgelassenen und zuchtlosen Lebensgenusses. Aber vielfach werden die von bürgerlicher und adliger Seite stammenden Beschreibungen solcher Bauernfeste in Wort und Bild, aus der dem Bauernstande entgegengebrachten Missachtung heraus, die dabei vorgekommenen üblen Dinge übertrieben haben. Auch der humorvollen Darstellung einer vorm Dorfwirtshaus sich abspielenden Rauferei zwischen zwei beim Kegelspiel in Streit geratenen Bauern ist angesichts des etwas bedenklich zerzausten Zustandes der beiden Kämpfer eine kleine satirische Beimischung nicht abzusprechen. (Kupferstich eines niederdeutschen Meisters des 15. Jahrhunderts)

Freie, Hörige und Leibeigene

Die Bauern, der „armselige und mühsame“ Stand der „armen Leute“, wie sie im Mittelalter genannt wurden, zerfielen zu Anfang und während des Mittelalters in drei Gruppen. Sie waren entweder Freie, Hörige oder Leibeigene.

Die freien Bauern

„Freie Bauern“ gab es nicht sehr viele. Von jedem Abhängigkeitsverhältnis frei erhalten hatten sich namentlich die Ditmarsen zwischen Elbe und Eider und die Stedinger an der Wesermündung. Sie saßen als freie Grundherren auf ihren uralten Höfen und bildeten ein freies Bauerntum, das auf den Reichstagen eigene Vertreter hatte. Auch in Westfalen, sowie an den südlichen Grenzmarken des Reiches, im jetzigen Bayern und Österreich, namentlich aber in der heutigen Schweiz erhielten sich bis zum 14. Jahrhundert freie Bauerngemeinden. Sie hatten das Recht, nur von ihresgleichen nach dem Volksrecht gerichtet zu werden, vor Gericht Zeugnis abzugeben, bei den kaiserlichen Gerichten Berufung einzulegen und über öffentliche Angelegenheiten in freien Versammlungen sich zu beraten. Sie galten unter sich den Rechten nach gleich und ebenbürtig.

Die freien Bauern aber unterschieden sich von den übrigen nicht allein dadurch, dass sie im Besitz aller Volksrechte waren, sondern sie zeichneten sich auch durch ihren Wohlstand und ihre Lebensweise aus, die an Prunk und Üppigkeit vielfach derjenigen des Adels gleichkam. Nicht selten heiratete ein armer Ritter eine reiche Bauerntochter. Auch versuchten namentlich die süddeutschen Bauern den Adeligen und Vornehmen in Tracht und Sitten nachzuahmen, was ihnen oft viel Spott einbrachte.

Die hörigen Bauern

Die „hörigen Bauern“ standen meistens zu größeren Besitzungen, den so genannten Fronhöfen, in einer Art Lehnsverhältnis. Sie bebauten die Ländereien eines Bauernhofes zu ihrem Nutzen und leisteten dafür an den Fronhof Abgaben oder Frondienste. Die Abgabe bestand in Feldfrüchten, Haustieren, Geflügel, auch wohl Erzeugnissen des Handwerks, wie Tüchern, Pelzwerk, Kleidungsstücken oder Haus- und Küchengerät. Die Lieferungen erfolgten zu bestimmten Terminen, hier und dort wöchentlich, an anderen Orten täglich, so dass der herrschaftliche Hof das ganze Jahr hindurch mit allem Nötigen versehen war. War der Fronherr nicht fortwährend anwesend, so wurden die Lieferungen vielfach nur zu den Zeiten geleistet, wenn er den Fronhof besuchte. Solche „Hoftage“, wie sie genannt wurden, fielen meistens auf die hohen Feste. Mit der Zeit wurden diese Lieferungen vielfach in Geldabgaben verwandelt und „Zins“ oder Steuer genannt. Da der Zins zu denselben Zeiten abgeliefert werden musste, wie früher die Naturallieferungen, so erhielt er oft den Namen der Tage, wie Osterzins, Michaelisschilling, Martinspfennig usw.

bild 214: spinnendes bauernpaar

Bild 214: Spinnendes Bauernpaar.Auch dem Weber und Schneider machten die Bauern bis in späte Zeiten hinein Konkurrenz. Der Spinnrocken und die Spinnstube spielen im deutschen Bauernleben früherer Jahrhunderte eine große Rolle und namentlich die Frau war an den langen Herbst- und Winterabenden eifrig mit der Handhabung der Spindel beschäftigt; dass auch der Mann und das Kind daran Anteil halten, zeigt unsere Abbildung. (Holzschnitt aus Sebastian Münsters „Cosmographie“. Basel 1544)

Frondienste

Zu den Frondiensten gehörte die Verpflichtung, Botengänge zu tun, Pferde auf bestimmte Zeit dem Fronhof zur Verfügung zu stellen, zu gewissen Tagen in der Woche oder Stunden am Tag die Ländereien des Fronhofes zu pflügen, zu säen, zu ernten, zu dreschen oder Fuhren zu leisten, auch beim Fischfang oder bei der Jagd behilflich zu sein, ja sogar zum Vergnügen der Herrschaft vor derselben „Frontänze“ zu machen. Zu den Frondiensten waren nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen verpflichtet. Die Kinder der Hörigen mussten, wenn sie erwachsen waren, der Herrschaft zum Dienst angeboten werden, und erst wenn diese sie ablehnte, konnten sie anderweitig vermietet werden.

Alle diese Verhältnisse waren freilich in den verschiedenen Gegenden Deutschlands durchaus nicht gleichmäßig geregelt, sondern wichen sehr voneinander ab. Überall jedoch waren die Hörigen an den ihnen überwiesenen Grund und Boden gebunden; nur durften sie von ihren Herren nicht willkürlich behandelt werden. Ihr Nachlass gehörte den Erben; doch mussten diese dem Herrn das beste Stück Vieh und ein Stück aus dem Hausrat des Verstorbenen ausliefern, eine Pflicht, die man mit dem Namen „Besthaupt“ bezeichnete.

Die Leibeigenen

Am wenigsten Freiheit und Selbstständigkeit besaßen die „Leibeigenen“, unter denen sich verschiedene Abstufungen fanden. Auf der niedrigsten Stufe standen diejenigen, die ohne Bewilligung des Herrn sich nicht verehelichen durften, körperlichen Züchtigungen unterworfen waren, vom Gut vertrieben oder verkauft, ja sogar in der ältesten Zeit ohne Strafe getötet werden konnten. Ihr Nachlass gehörte dem Herrn. Die Leibeigenschaft vererbte sich auf die Kinder. Doch waren auch die Rechte des Herrn dem Leibeigenen gegenüber überall sehr verschieden; häufig waren die letzteren ganz seiner Willkür preisgegeben, bis später immer häufiger „Rechtssatzungen“ erlassen wurden, die die Leibeigenen zu schützen versuchten.

Am meisten standen sie im unmittelbaren Dienst ihres Herrn als Köche, Bäcker, Schweine-, Ochsen- und Schafhirten oder als Handwerker; anderen dagegen, war ein Grundstück zum eigenen Anbau übergeben gegen bestimmte Dienste und Abgaben, wie den Hörigen. In Süddeutschland zahlte ein Unfreier von einer ihm übergebenen Hufe jährlich als Zins: 15 Eimer Bier, 1 Schwein, 2 Malter Brot, 5 Hühner, 20 Eier; außerdem mussten er und seine Frau wöchentlich je drei Tage auf dem Hof ihres Herrn Frondienste tun. Daneben hatte er alljährlich eine größere oder geringere Summe dafür zu zahlen, dass sein Herr ihm Schutz angedeihen ließ. Diese Abgabe hieß der „Leibzins“.

bild 208: viehhaltung der bauern

Bild 208: Viehhaltung der Bauern. Eine große Rolle in der ländlichen Wirtschaft spielte die Viehhaltung und der mittelalterliche Bauer besaß schon die Mehrzahl des heute in der Landwirtschaft gepflegten Viehs: Pferd, Rind, Ziege, Schwein und alle Arten Geflügel. Die in altgermanischer Zeit vielfach betriebene Viehzucht überließ er freilich den Grundherrschaften, die übrigens ihrerseits auch nur in zweiter Linie sich damit beschäftigten. (Zeichnung aus der Dresdner Bilderhandschrift des Sachsenspiegels)

Die Entwicklung des Bauernstandes

Da die Rechte der Herren den unfreien Bauern gegenüber nicht gleichförmig geregelt, sondern überall verschieden und vielfach durchaus willkürlich bestimmt waren, so ist es natürlich, dass die Lage der letzteren in den meisten Gegenden eine recht trostlose war. Die Zahl der eigentlichen Freien wurde immer kleiner; mehr und mehr waren sie zu „Zinsbauern“, diese zu Hörigen und diese wieder zu Leibeigenen herabgesunken. Es kam häufig vor, dass Zinsbauern, die ihrer Verpflichtung nicht nachkamen, in Leibeigenschaft gerieten; andere, die verschuldet oder verarmt waren, begaben sich freiwillig in die Hörigkeit eines Mächtigen, um Schutz zu erlangen. Auch die Kirche nahm solche gern als Leibeigene an.

Die Bauern im Hoch- und Spätmittelalter

Mit der Zeit, als der Luxus und die Lebensbedürfnisse des Adels zunahmen, versuchte man, die Bauern immer mehr auszupressen, so dass sich die Abgaben der zinspflichtigen und leibeigenen Bauern immer mehr erhöhten und viele nichts als das nackte Leben zu fristen im Stande waren. Dazu kam, dass die Behandlung der Bauern seitens der Adeligen auch sonst sehr rücksichtslos, ja oft sehr roh war. Besonders wurde die Jahdliebhaberei der letzteren für das arme Bauernvolk zu einer gewaltigen Plage. Nicht allein, dass bei den zahllosen Jagden die Äcker des Landmannes zerstampft und verwüstet wurden; auch das zahlreiche Wild fügte der Feldfrucht großen Schaden zu. Und doch durfte der Bauer kein Stück des edlen Wildes anrühren. Tat er es, tötete er gar eins, so traf ihn für seinen Frevel die schwerste Strafe. Nicht selten kam es vor, dass man einen solchen Unglücklichen einem aufgefangenen Hirsch auf den Rücken band und diesen laufen ließ, bis er mit dem verstümmelten Körper des Armen im Waldesdickicht zusammenbrach.

Dieser Druck bewirkte die Bewegung der Bauern im 16. Jahrhundert, die bezweckte, sich von einem Teil der unerschwinglichen Lasten zu befreien. Die Lehre von der evangelischen Freiheit ließ in ihnen das Verlangen rege werden, auch von dem Druck der Hörigkeit der weltlichen Herren und Fronhöfe frei zu werden. Die Bauern wollten wohl den Zehnten weiter zahlen, aber der willkürlichen Besteuerung und der entwürdigenden Frondienste enthoben sein, auch Jagd und Fischerei frei haben. Doch ging der Versuch fehl. Der Bauernkrieg, der so viel Blut kostete und so manche Unmenschlichkeit und Grausamkeit im Gefolge hatte, wurde bald gedämpft, da es den Aufständischen sowohl an kundigen Führern, als auch an der nötigen Zucht fehlte. Bald herrschten dieselben Zustände wie zuvor wieder; ja vieler Orten wurden sie noch schlimmer. Das bezeugt ein Schriftsteller vom Jahre 1545, indem er über die Bauern der damaligen Zeit schreibt:

„Der vierte Stand ist derjenige der Menschen, die auf dem Feld sitzen und in Dörfern, Höfen und Weilern sitzen und Bauern genannt werden, weil sie das Feld bauen und zur Frucht bereiten. Diese führen gar ein schlecht und niederträchtig Leben. Es ist ein jeder von dem andern abgeschieden und lebt für sich selbst mit seinem Gesinde und Vieh. Ihre Wohnungen sind schlechte Häuser, von Kot und Holz gemacht und mit Stroh gedeckt. Ihre Speise ist schwarzes Roggenbrot, Haferbrei oder gekochte Erbsen und Linsen. Wasser und Milch ist fast ihr alleiniger Trank. Eine Zwilchjoppe, ein Paar Bundschuh und ein Filzhut ist ihre Kleidung. Diese Leute haben nimmer Ruhe. Früh und späg hangen sie der Arbeit an. Sie tragen in die nächste Stadt zu verkaufen, was sie übrig haben vom Felde oder von dem Vieh, und kaufen, was sie bedürfen; denn sie haben keine oder gar wenig Handwerksleute unter sich. Ihren Herren müssen sie oft das ganze Jahr hindurch dienen, das Feld bauen, säen, die Frucht abschneiden und in die Scheuer führen, Holz hauen und Gräben machen. Es giebt nichts, was das arme Volk nicht thun muß und aufschieben darf. Dies mühselig Volk der Bauern, Köhler und Hirten ist ein sehr arbeitsam Volk, das jedermanns Fußhader ist und mit Fronen, Zinsen, Steuern und Zöllen hart beschwert und überladen.“

bild 209: hausschlachten

Bild 209: „Hausschlachten“. Die bäuerliche Arbeit umfasste ursprünglich alle gewerbliche Tätigkeit, soweit sie für den Haushalt in Betracht kam, wie denn daran erinnert sein mag, dass auch das städtische Handwerk sich aus der Hausarbeit herausgelöst hat; in großem Umfang blieb dieser Zustand das ganze Mittelalter über bestehen. Ein Hausschlachten, wie es noch jetzt auf dem Lande üblich ist und wie es im Mittelalter gewiss auch viel in den Städten abgehalten wurde, bedeutet letzten Endes einen Eingriff in die Tätigkeit des Fleischers. (Holzschnitt des Tübinger Kalenders von 1518)

Eine andere Schilderung gibt uns in spöttischer Weise ein Bild von einem Bauernhaus zu Zeit des 30jährigen Krieges:

„Das Haus ist mit Lehm bemalt und anstatt des unfruchtbaren Schiefers, kalten Bleis und roten Kupfers mit Stroh gedeckt, darauf das edle Getreide wächst. Die Mauer ist nicht mit Steinen, sondern aus Eichenholz aufgeführt, die Gemächer sind von Rauch ganz geschwärzt. Die Tapeten sind Spinngewebe, die Fenster aus Hornscheiben oder Papier.“

Dabei herrschte viel Unwissenheit und Aberglaube unter dem Bauernvolk. Die Erziehung der Kinder war furchtbar verwahrlost; sie wuchsen auf wie das liebe Vieh und kannten oft weder „Gott noch Menschen, weder Himmel noch Hölle, weder Gutes noch Böses.“

Es gab auch angenehme Bedingungen für Bauern

Aber nicht überall war die Lage der Bauern so traurig. Es gab bereits viele Bauerngemeinden, die zu städtischem Gebiet gehörten, oder die durch Ansiedler aus den Niederlanden gebildet und von der Hörigkeit befreit waren. Die meisten dieser Bauern standen in Erbpacht, d. h. sie entrichteten für das von ihnen bebaute Grundstück einen mäßigen, aber bestimmt festgesetzten Zins und konnten von ihrem Pachtgut nicht vertrieben werden, das auf ihre Nachkommen überging.

Solche Bauerndörfer gestalteten sich in ihrem Aussehen sehr freundlich und zeugten von Wohlstand. Ein breiter Graben, ein Zaun oder eine Wand von Lehm oder Stein umgrenzte die Stätte des Dorfes. An den Hauptstraßen hingen Tore, die zur Nacht geschlossen wurden. In der Regel war der Kirchhof mit besonderer Mauer geschützt; er bildete mehr als einmal die letzte Zuflucht der Bewohner in Zeiten der Not. Dorf und Flur wurden durch Nacht- und Tagwächter behütet. Die Häuser waren zwar nur aus Holz und Lehm in ungefälliger Form, oft in engen Dorfstraßen zusammengedrängt; aber sie waren nicht arm an Hausrat und Bequemlichkeiten. Schon standen Obstbaumpflanzungen um die Dörfer und viele Quellen ergossen ihr klares Wasser in steinerne Tröge. Auf den Düngerstätten der eingefriedeten Höfe tummelten sich große Scharen von kleinen Geflügel; auf den Stoppelfeldern lagen mächtige Gänseherden und in den Ställen standen die Gespanne der Pferde weit zahlreicher als jetzt. Große Gemeindeherden von Schafen und Rindern grasten auf den steinigen Höhenzügen und fetten Riedgräsern. Die Wolle stand gut im Preis und an vielen Orten wurde auf die Zucht feinwolliger Schafe gehalten. Die deutschen Tuche waren berühmt und Tuchwaren der beste Ausfuhrartikel. Die Bebauung der Äcker war sorgfältig; Weizen, Waid, Karde, Raps, Rüben, Flachs, Hirse, Bohnen bildeten die Fruchtarten des Ackers. Daneben wurden Reben und Hopfen gebaut, ebenso bessere Obstsorten; ja der Weinbau war sogar verbreiteter als jetzt.

bild 207: bauern bei der weinlese

Bild 207: Bauern bei der Weinlese. Hervorragende Bedeutung erlangte der Weinbau, den die Klöster auf deutschem Boden einführten und der in einzelnen Gegenden die wichtigste bäuerliche Tätigkeit wurde. Getreide und Wein entwickelten sich bei der steigenden Bodenkultur auch zu wertvollen Produkten des Handels und machten einen großen Bestandteil der zumal von der Hanse vertriebenen Exportwaren aus. (Miniatur „September“ eines niederländischen Gebetbuchkalenders im bayrischen Nationalmuseum in München)

Schluss

Somit fehlte es um das Jahr 1600 stellenweise dem Bauernstand durchaus nicht an Wohlstand. Aber der traurige Krieg von 1618 bis 1648 brachte für das arme Landvolk so viel Elend und Unglück mit sich, dass nach demselben die Zustände des 15. Jahrhunderts in fast gleich trauriger Beschaffenheit wiederkehrten und die Abhängigkeit an vielen Orten wieder nur noch drückender wurde.

Quelle:

  • Herre, Paul. Deutsche Kultur des Mittelalters im Bilde. Leipzig: Verlag von Quelle und Meyer, o. J

2 Comments:

  1. Diese konstruktive Kritik…..

  2. Hat mir sehr geholfen….DANKE!!!

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