Pest im Mittelalter

Die große Pestepidemie

Die Pest, die Europa zwischen 1347 und 1352 heimsuchte, stellt eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte dar. Männer, Frauen und Kinder jeden Standes wurden unversehens, meist innerhalb weniger Stunden, von dieser neuen, schmerzhaften, ansteckenden und unheilbaren Krankheit hinweggerafft. (Es ist bei den Historikern umstritten, ob es bereits zwischen dem 6. und 14. Jahrhundert Pestepidemien in Europa gab.) Angehörige, bei denen nur annähernd erste Krankheitssymptome auftraten, wurden ausgestoßen. Man starb alleine inmitten eines gewaltigen Massensterbens. Moralgesetze und Verantwortungsgefühl wurden aufgrund der gewaltigen Todesangst außer Kraft gesetzt. Panik und Mitleidlosigkeit gingen einher mit der Abwendung von den Mitmenschen und der Verrohung der Sitten. Doch auch Flucht in überzogene Gläubigkeit und Selbstgeißelung waren keine Seltenheit.

Inhalt

Die Pest aus medizinischer Sicht

Die Pest ist eine Infektionskrankheit, wird also von einem lebendigen Organismus hervorgerufen und ist somit gewissen biologischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Dabei spielen die vorherrschenden Temperaturen und die Niederschlagsmenge gewichtige Rollen. „In den kälteren Breiten trat die Pest (…) fast ausschließlich im Sommer epidemisch auf, nur in der heißen Jahreszeit war es für die Überträger warm und feucht genug.“ Unmittelbar damit verbunden ist die Entwicklungsdauer der Flöhe (Rattenfloh: Xenopsylla cheopis; Menschenfloh: Pulex irritans). Flöhe, die zur Gattung der Ektoparasiten gehören, schmarotzen von außen an ihrem Wirt. Sie können aber selber in ihrem Inneren Parasiten beherbergen, beispielsweise das Pestbakterium. Lange Zeit stritten sich die Rattenfloh-Theoretiker mit den Menschenfloh-Theoretikern darüber, welche Gattung die Pest übertrage, da bereits damals bekannt war, dass die Rattenpest oft der Menschenpest voranging.

1894 entdeckte der Schweizer Tropenarzt Alexandre Yersin in Hongkong den Pesterreger (Yersinia pestis). Wohl wenige Tage vorher gelang dies dem Japaner Shibasaburo Kitasato ebenfalls in Hongkong.

Formen der Pest

Beulenpest

Diese Form der Pest ist gekennzeichnet durch das Anschwellen der Lymphknoten in der Leistengegend, unter den Achseln oder am Hals. Zwischen dem ersten und dem sechsten Tag der Infektion verfärbt sich die Einstichstelle des Flohbisses aufgrund einer Nekrose bläulich-schwarz, wodurch die Pest auch den Namen „Der Schwarze Tod“ erhielt. Der Krankheitskeim wird von einem tierischen Vektor übertragen, meist einem Floh. Die Übertragungsweise der Beulenpest ist umständlich und langwierig. Die Seuche gilt nur im geringen Maße infektiös und führt in 50 bis 90% zum tödlichen Ende.

Primäre Lungenpest

Die Lungepest dagegen greift erheblich rascher um sich und kann durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. Diese Form kommt relativ selten vor. Die tatsächliche Auswirkung in den Jahren 1347 bis 1353 sind nicht bekannt. Sie dürfte aber nur in geringem Maße Verbreitung gefunden haben. Im Einzelfall kam es immer zum Tode.

Allgemeine Pesteptikämie

Diese Form verursacht eine Überschwemmung des ganzen Körpers mit dem Pestbakterium und verbreitet sich über das Blut. Der Ausgang vor Einsatz von Antibiotika verlief stets tödlich.

Der historische Hintergrund

Das ganze 14. Jahrhundert war von Krisen gezeichnet, von denen die Pest zwar einen erheblichen, aber doch nur einen Teil darstellt. In den Jahren nach 1315 kam es in weiten Teilen Europas zu einer langanhaltenden Hungersnot. Das Klima veränderte sich. Die Bevölkerung ging zurück und es brachen regional begrenzte Seuchen aus, die einen sprunghaften Anstieg der Morbidität verschiedener Städte hervorrief.

Ursprung und Verbreitung

Im Jahre 1347 belagerten die Tartaren die Handels- und Hafenstadt Caffa. Als bei ihnen die Pest im Lager ausbrach, katapultierten sie die Leichen über die Mauern in die Stadt. Durch diese frühe Form der „biologischen Kriegsführung“ breitete sich in Caffa der Schwarze Tod aus und die flüchtenden Genuesen verschleppten diesen nach Italien und somit Europa. Vor allem über die Seewege verbreitete sich die Pest. Frankreich, Spanien, England, die Niederlande, das Reich und die südskandinavischen Länder wurden nacheinander von ihr befallen bevor sie 1353 ihre letzten Opfer in Rußland forderte. Präsent blieb diese Pandemie bis zum 19. Jahrhunderts (selbst im 20. Jahrhundert gab es noch Einzelfälle) und trat teils als Beulenpest und teils als Lungenpest auf.

Demographische Folgen

Die Auswirkungen der Pest waren verheerend. Nach der älteren Forschung sind rund 30% der Gesamtbevölkerung Europas zwischen 1348 und 1353 gestorben. Dabei ist zu bedenken, daß es erhebliche Unterschiede von Stadt zu Stadt und von Region zu Region gab. Manche Städte hatten Sterberaten von 75%. Die Historiker kämpfen hier aber mit großen Schwankungen von bis zu 500% im Einzelfall. Besonders betroffen waren Berufsgruppen, die häufig mit Kranken und Toten in Kontakt kamen oder Gemeinschaften, die auf engem Raum in schlechten hygienischen Verhältnissen lebten. Vor allem waren bei den Folgeepidemien wie 1361/1362 ältere Menschen gefährdet und junge, die noch keinen Kontakt mit der Seuche gehabt hatten.

Kulturgeschichtliche Erklärungsansätze und Auswirkungen

Die Zeitgenossen nahmen den Schwarzen Tod als Strafe Gottes auf für die Sündhaftigkeit der Menschen. Diese Ansichten sind in unzähligen Bildern, Skulpturen und Gedichten verarbeitet und kommen im Laufe der Jahrhunderte immer wieder vor. Der personifizierte Tod, der in Form eines nackten Skelettes oder des bemäntelten Sensenmannes auftritt, kam zur weiten Verbreitung, auch wenn es diese Kunstform bereits vorher gab. Kirchengemälde, die Schutzpatrone wie den heiligen Sebastian oder den heiligen Rochus (Pestheilige) abbilden, zeugen zudem von der Katastrophe. Die Pfeile in seinem Martyrium symbolisieren die Seuche.

Gegenmaßnahmen

Die Medizin war praktisch machtlos gegenüber der Pest und konnte nur minimale Erfolge erzielen. Dennoch wurden von den Menschen verschiedene Versuche unternommen, diese abzuwenden und die „Sündenböcke“ zu bestrafen. So kam es zu wohl organisierten Pogromen an den Juden, die als Brunnenvergifter galten. Die Reinigung von Körper, Seele und Geist ging einher mit der Intoleranz gegenüber Fremden und Andersdenkenden. „Verschmutzung bezeichnete alles, was anders war, und Gesundheit verwies auf Reinheit und Konformität.“Zur gleichen Zeit traten Geißler (Flagellanten) in Europa auf. Trotz öffentlicher Ablehnung dieses Verhaltens waren sie im Zuge der Pest geläufig. Durch die Selbstpeinigung ihres Körpers wollte sie das Missfallen Gottes besänftigen und die Seuche abwenden. Damalige Ärzte, die auf der Grundlage der Säfte- und Temperamentlehre (Diese geht von einem Überschuss an feucht, warmen Blut aus.) praktizierten, sahen den Aderlass als Heilpraktik vor, die den Körper allerdings zusätzlich schwächte.Andere Erklärungsansätze sah man in einer ungünstigen Konstellation der Gestirne, die sich durch schlechte Luft (Miasma-Lehre) äußerte. Auf ihrer Basis wurden die charakteristischen Schutzanzüge geschaffen in deren schnabelförmigen Gesichtsmasken Gewürze und Riechstoffe waren, welche die Luft reinigen sollten. Die Quarantäne wurde erheblich weiterentwickelt und Ausräucherungen der „befallenen Häuser“ sollten das Ausbreiten der Seuche verhindern.Als bestes Mittel galt die schnelle und weite Flucht und eine späte Heimkehr (Cite, Longe, Tarde).

Wirtschaftliche Auswirkungen

Infolge des massenhaften Sterbens veränderten sich auch die ökonomischen Rahmenbedingen. Die Löhne stiegen aufgrund des akuten Arbeitskräftemangels enorm an. Es wurde daraufhin eine auf die Situation angepaßte Arbeitsgesetzgebung entwickelt, die den Arbeitszwang verfügte, die Mobilität regelte und Preise und Löhne festlegte. Zudem gab es wissenschaftliche und technologische Entwicklungssprünge, die den personellen Kräftemangel langfristig ausglichen. Die gleichzeitige Abwanderung von Landarbeitern in die Städte führte zum langfristigen Zusammenbruch des feudalen Systems des Mittelalters.

Auswirkungen auf die heutige Zeit

Die Pest hat eine bleibende Wirkung auf die Gegenwart und hinterließ den Nachgeborenen vor allem ein emotionales Moment. Obwohl die Menschen im Westen meinen, dass die meisten Krankheiten und Seuchen eingedämmt sind, verbreitet sich doch verhältnismäßig schnell ein Gefühl von Panik bei vergleichsweise „harmloseren“ Krankheiten wie der Immunschwäche HIV/AIDS, der neuen Creutzfeldt-Jakob-Variante BSE oder der Hühnerseuche SARS. Zudem kommt die Möglichkeit von Mutationen der bereits „überwundenen“ Seuchen.

Ein relativ aktuelles Beispiel soll verdeutlichen, dass sich die Verhaltensmuster seit dem Mittelalter nur wenig geändert haben und die Pest den modernen Geist noch nicht losgelassen hat: Die Welt war geschockt, als man den Ausbruch der Beulenpest in Westindien in der Region Mumbai (Bombay) vermutete. Die Flüge nach Kalkutta und ganz Indien wurden ausgesetzt. Pakistan dagegen, das Mumbai näher liegt als Kalkutta, wurde weiter bereist. Die Reaktion war also eine Quarantäne eines Nationalstaates ohne die Berücksichtigung der geographischen Gegebenheiten. Die Ansteckungsgefahr war minimal. Wissenschaftler und Ärzte sahen keine Bedrohung, aber trotzdem führte die Erwähnung der Beulenpest zu einer staatlichen Panik. Fälle der Seuche aus den Rocky Mountains dagegen führten und führen nicht zu regelrechten Reiseverboten, geschweige denn gegenüber den gesamten USA. Dies mag auch an der Ansicht liegen, Indien sei ein verschmutztes, unsauberes Entwicklungsland, das eine unterentwickelte medizinische Infrastrukturbesitzt. Nur im historischen Kontext ist verständlich, dass der „saubere Westen“ vor dem „verschmutzten, unsauberen Entwicklungsland“ geschützt werden musste, was tatsächlich unlogisch und unnötig war. Daran erkennt man die ungemein profunde Wirkung der Pest auf die Psyche des Westens.

Fazit

Vieles im Zusammenhang mit der Pest ist rätselhaft und unklar. Mediziner wie Historiker sind sich noch immer uneins über diese Krankheit, deren Verbreitung und Auswirkungen. Da es nur chronikalische Überlieferungen über die Totenzahlen in den Städten gibt (die Mehrheit der Bevölkerung lebte auf dem Lande), werden alle uns bekannten Größen fragwürdig. Neuere Forschungen setzen deshalb die Meßlatte tiefer an. Hinzu kommt eine Neubewertung der übrigen Sterbeursachen wie andere Krankheiten, Krieg, falsche Behandlung, Hungersnot oder Gewaltanwendung. Zweifellos beschäftigt die Pest die Menschheit bis zum heutigen Tage und steht für die Seuche des Mittelalters par excellence. Die größte Hinterlassenschaft dieser Krankheit ist wohl die Erinnerung an die zerstörerische Macht. Furcht als Erbe von vierhundert Jahren „Schreckensherrschaft. „Furcht vor Krankheit, Furcht vor Verschmutzung, Furcht vor Außenseitern, Furcht vor Unterschiedlichkeit, Furcht vor Ärzten, Wissenschaftlern und Politikern. In den Häusern durch den Staat abgeschottet, vom Klerus und den Ärzten verlassen, auf ihren Krankenbetten kauernd, lernten die Menschen des Westens, der durchschlagenden Macht der Pest und den meisten Versuchen, sie zu verhindern, zu misstrauen und sie zu fürchten.“

Definition: Seuche

Als Seuche wird nach medizinischer Definition die plötzliche Erkrankung zahlreicher Menschen an einer Infektionskrankheit bezeichnet. Abhängig von der zeitlichen Gebundenheit und geographischen Ausdehnung einer Seuche wird unterschieden in Endemie, Epidemie und Pandemie. Während der Begriff der Endemie ständig präsente Erkrankungen in einem begrenzten geographischen Gebiet fasst, handelt es sich bei der Epidemie um ein deutlich gehäuftes, zeitlich und örtlich begrenztes Auftreten von infektiösen Erkrankungen. Als Pandemie wird schließlich die Ausbreitung einer Infektionskrankheit über großflächige geographische Gebiete wie Länder oder Kontinente bezeichnet.“

Quellen

  • Die Quellenangaben für diesen Essay sind leider nicht verfügbar.

9 Kommentare:

  1. Peter Immelmann

    Wirklich sehr informativ und gut geschrieben! +1

  2. Ich selbst hatte vor einem Jahr einen seltenen Mandelkrebs.
    Ich glaube immer noch daran, daß der Krebs das gleiche ist wie die Pest.
    Mir wurde das Rauchen sofort verboten, weil das die Ursache sei.
    Ich hatte mich nicht geäußrt, weil ich noch nie geraucht hatte!!!!
    Also Frage: Was Können „Fachärtze“ wirklich?
    Nur „Dumm daherreden“- nichts weiter!

  3. Super gemacht. Ich suchte und suche noch Material zu dem Thema für eine Ausstellung, insbesondere die Pest in Sachsen. Auf alle Fälle habe ich hier Anregung bekommen, wie man das Thema informativ und leicht verständlich darstellen kann. Danke

  4. Hallo Anonymous, auch wir planen für 2016 eine Ausstellung zum Thema „Die Pest in Mitteldeutschland“ mit Schwerpunkt Erzgebirge. Es wäre sicher für beide Seiten interessant und nützlich, wenn wir uns mal kurzschließen könnten. Hinterlasse doch einfach mal hier eine Nachricht, ob Du Interesse hast.

  5. danke für die infos

  6. Keine Bilder

    bilder wären nett

  7. Rechtschreibfehler sollten beglichen werden

  8. Hallo,
    wann und wo findet diese Ausstellung statt?
    Haben Sie auch Infos zur Pest in Freiberg?
    Freundliche Grüße M. Sturm

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