Minnesang

Was ist eigentlich Minnesang?

Minnesang ist eine Form von gesungener Poesie, die an den Höfen des Adels im deutschen Sprachraum im Mittelalter aufgeführt wurde. ‚Im deutschen Sprachraum‘ heißt, dass es Minnesang auch in Gebieten gab, die zu anderen Ländern gehören, wie Österreich, Belgien oder den Niederlanden. ‚Im Mittelalter‘ heißt in diesem Fall: ab ca. 1150 bis zum beginnenden 14. Jahrhundert.

Im Minnesang wird öffentlich, also vor Publikum, nach bestimmten Regeln über die Liebe geredet, meist wird eine adlige Frau verehrt, ihre hervorragenden Eigenschaften gelobt und um ihre Zuneigung gebeten. Die im Minnesang auftretenden Figuren sind Adlige. Das Besondere an dieser Poesie sind die ausgefeilten Reime, die komplexe Bildersprache und der durchdachte Aufbau. Minnesang war eine Kunst der hochstehenden Gesellschaft; wer sie zu würdigen wusste oder sogar selbst solche Gedichte erfinden und singen konnte, bewies dadurch seinen ritterlichen Wert. Minnesang war also nicht wirklich dazu gedacht, das Herz einer Frau zu erweichen und ihre Liebe zu gewinnen.

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Wie hörte sich Minnesang an?

Leider wissen wir nicht viel darüber, wie sich Minnesang angehört hat. Es sind uns viele Minnesang-Texte überliefert worden, aber fast keine Melodien. Wenn man Minnesang heutzutage aufführen möchte, muss man also entweder die wenigen vorhandenen vollständigen Lieder singen, oder man muss neue Melodien zu den Texten machen, für die es keine Melodien gibt. Ein Lied vom Minnesänger Heinrich von Veldeke ist hier zu hören:

Warum sollte man aber den Text so vertonen und nicht anders? Was wissen wir eigentlich über die Musik aus dieser Zeit?

Vermutlich wurde Minnesang von Fideln oder anderen leisen Instrumenten begleitet, oder auch ganz ohne Begleitung gesungen. Sehr wahrscheinlich wurden die Lieder von einem einzelnen Sänger vorgetragen. Chöre, viele oder laute Instrumente sind unwahrscheinlich, weil man dann den Text nicht mehr verstehen würde, der im Minnesang sehr wichtig ist.

Die Melodien selbst klangen auch anders als heutzutage Melodien klingen. Das wissen wir, weil zwar kaum Melodien für Minnesang überliefert wurden, aber dafür andere Melodien aus dieser Zeit. Es gab zum Beispiel die sogenannte Sangspruchdichtung, das sind Texte mit moralischem Inhalt oder Lobgesänge auf Fürsten. Viele davon sind in der Jenaer Liederhandschrift überliefert.

Der Kanzler: 3 Minnesänger. Abbildung aus dem Codex Manesse.

Wir haben auch sehr viele Melodien aus Frankreich, wo zu dieser Zeit die Trobadors (Troubadoure) aktiv waren. Wir wissen, dass diese Musik die Minnesänger beeinflusst hat, vielleicht sogar das Vorbild für den deutschsprachigen Minnesang war. Schließlich gibt es noch die Kirchenmusik aus dieser Zeit. Da die Minnesänger diese Musik sehr viel hörten, kann man davon ausgehen, dass sie ihre Melodien beeinflusst hat. Wenn man all das zusammennimmt und sich viel mit dieser Musik beschäftigt, kann man neue Melodien komponieren, die so ähnlich klingen, wie damalige Melodien vermutlich geklungen haben.

Es gibt zum Beispiel Bilder, wie das hier gezeigte, auf denen Sänger und Instrumente abgebildet sind: Fideln, Trommeln, Harfen und andere.

Wer hat Minnesang gesungen?

Der Sänger war oft wohl gleichzeitig der Dichter, er sang also seine eigenen Lieder – wenn man auch sicher die Lieder anderer Dichter gesungen hat. Er wird in den allermeisten Fällen ein Mann gewesen sein, da eine anständige Frau nicht öffentlich auftreten würde. Der Sänger war entweder ein Adliger, oder es war ein fahrender oder ein am Hof angestellter Dichtersänger. Ein angestellter Sänger sang gegen Geld oder andere Vergünstigungen – einen neuen Mantel zum Beispiel. Ein adliger Ritter sang, um zu zeigen, dass er würdig und kultiviert war, etwa so wie er an Turnieren teilnahm, um seine Ritterlichkeit zu beweisen. In der berühmtesten Handschrift, in der uns Minnesang überliefert ist, der Großen Heidelberger Liederhandschrift (oder Manesse-Handschrift), findet man viele Gedichte von Adligen, sogar Fürsten, aber auch viele von fahrenden Sängern. Beides war also üblich.

Was sind die Themen dieser Lieder?

Leid und Qual

In den Liedern des Minnesangs gibt es bestimmte Begriffe und Situationen, die immer wieder auftauchen. Besonders wichtig ist das Leid, das der Mann durch die Abweisung der Frau erfährt. Oft glaubt er sogar, daran sterben zu müssen, und beklagt sich bitter über die Hartherzigkeit seiner Angebeteten.

Vil süeziu senftiu toterinne,
war umbe welt ir toten mir den lip,
und i’uch so herzeclichen minne,
zeware, frouwe, gar für elliu wip?
[…]
Du süße, sanfte Töterin,
warum wollt Ihr mich töten,
wo ich Euch so von Herzen liebe,
in Wahrheit, Herrin, über alle Frauen?
[…]

(aus: Her Heinrich von Morungen, Vil süeziu senftiu toterinne)

Die schönen und guten Frauen

Er lobt andererseits ihre Schönheit, Tugend und Güte, sie ist stets der Inbegriff dessen, was eine Frau sein soll. Die Tugend der hochstehenden Frau (vrouwe) ist aber genau der Grund, aus dem der werbende Mann nie erhört werden kann.

[…]
so lieplich reine,
gar wiplich lobesan.
Ine wige ez doch nicht kleine
daz ich si so mac han.
Nu muoz si mir doch des gunnen,
swie sere si sich frömdet mit:
doch gan si mir nicht der rechten wunnen,
der ich ie muote zir.
[…]
[..]
so lieblich rein,
so weiblich rühmenswert.
Ich schätze es zwar nicht gering,
dass ich sie so haben darf.
Das sollte sie mir doch gönnen,
auch wenn sie sich mir entzieht:
aber sie gönnt mir nicht die rechte Freude,
die ich seit je von ihr begehrte.
[…]

(aus: Meister Johans Hadloub, Ach mir was lange)

Sommer und Winter

Die Jahreszeiten werden sehr oft als Einleitung in das Lied verwendet: Im Frühling und Sommer gibt es Hoffnung, die Wärme und das gute Wetter sind gut für die Liebe. Allerdings leidet der Mann trotzdem, weil er nicht erhört wird.

[…]
Da wilent lac der sne,
da stat nu grüener kle,
er touwet an dem morgen.
Swer nu welle, der vröwe sich,
niemen noet es mich:
ich bin unledic von sorgen.
[…]
Wo einst der Schnee lag,
da steht nun grüner Klee,
der Tau liegt auf ihm am Morgen.
Wer nun will, der mag sich freuen,
aber niemand nötige mich dazu:
Ich bin nicht frei von Sorgen.

(aus: Heinrich von Veldeke, Swer mir schade an miner vrowen)

Sommer und Winter

Im Winter wird sein Leid noch durch die Kälte und die abweisende Natur erhöht – der Winter ist kalt und grausam wie seine Dame.

Mir ist vmmaten leyde
daz der kalde winder
verdervet lechter blomen vil,
noch so tvinghet mich ein
selentlicher arebeyt.
[…]
owe, daz de gute mit ir willen
daz vor treyt!
Ich leide maßlos darunter,
dass der kalte Winter
die vielen bunten Blumen verdirbt,
außerdem bedrängt mich eine
sehnsuchtsvolle Qual.
[…]
O weh, dass die Gute das auch noch
mit Vorsatz betreibt!

(aus: Neidhart, Mir ist ummaten leyde)

Man muss sich dabei vor Augen halten, dass das Wetter in der damaligen Zeit viel wichtiger für die Menschen war, denn die Burgen waren kaum heizbar und es gab nur wenig künstliches Licht, so dass es im Winter kalt, zugig und dunkel war; keine guten Bedingungen für den Minnedienst.

Wach auf, mein Schatz

Wenn der Mann doch einmal erhört wird, und er über Nacht bei ihr bleiben kann, muss ein Freund oder die Zofe der Frau darauf achten, dass er vor Tagesanbruch aufbricht. In den sogenannten Tageliedern geht es um diese Situation: Die Lerche singt, der Wächter ruft und warnt die Liebenden, dass bald der Tag anbricht, worauf diese sich nur sehr ungern trennen.

Wahtaer, du singest
daz mir manege vröude nimt
unde meret mine clage.
Maere du bringest,
der mich leider niht gezimt,
iemer morgens gegen dem tage.
Diu solt du mir verswigen gar.
Daz biut ich den triuwen din:
des lone ich dir als ich getar.
Also belibet hie der selle min.
Wächter, du singst,
was mir manche Freude nimmt,
und meine Trauer vermehrt.
Du bringst Nachricht,
die mir leider nicht willkommen
immer morgens vor dem Tag.
Die sollst du mir lieber verschweigen.
Das gebiete ich dir in deiner Treue:
ich lohne es dir, wie ich kann.
Und so bleibt mein Freund hier.

(aus: Her Wolfram von Eschenbach, Sine clawen durch die wolken sint geslagen)

Treue, Beständigkeit und Freude

Die Treue (triuwe) und die Beständigkeit (staete) sind auch wichtige Begriffe. Der Ritter ist treu und beständig der Dame gegenüber, egal wie sie sich ihm gegenüber verhält. Wichtig ist aber auch die Freude (vröide): Obwohl der Ritter durch den Minnedienst leidet, erfährt er doch auch Glück und Freude dabei – entweder die schmerzhafte Freude, seine Angebetete von Weitem zu sehen, oder auch die viel konkretere Freude, die Nacht mit ihr verbringen zu dürfen.

Der blideschaft sunder riuwe hat
mit eren hie, der ist riche.
Daz herze, da diu riuwe inne stat,
daz lebet jamerliche.
Er ist edel unde vruot,
swer mit eren
kan gemeren
sine blitschaft, daz ist guot.
Wer Freude ohne Leid hat,
hier mit Ehren, der ist reich.
Das Herz, in dem das Leid wohnt,
das lebt jammervoll.
Er ist edel und weise,
wer mit Ehren
kann mehren
seine Freude, das ist gut.

(aus: Heinrich von Veldeke, Der blideschaft sunder riuwe hat)

Wo kann man mehr über Minnesinger lernen?

Die Texte der Minnesang-Gedichte findet man leicht, man kann zum Beispiel in der Stadtbücherei nach Büchern über Minnesang suchen. Da es sehr viele Bücher zum Thema Minnesang gibt, hier nur zwei Beispiele:

„Minnesang“ – Günther Schweikle
„Einführung in den Minnesang“ – Gaby Herchert

Etwas über Minnesang als Musik zu lernen ist schon schwieriger, weil man so wenig darüber weiß. An der Schola Cantorum Basiliensis – der Hochschule für alte Musik in Basel – kann man mittelalterliche Musik studieren. An der Akademie Burg Fürsteneck gibt es eine zweijährige Fortbildung zur Musik des Mittelalters für Musiker mit Marc Lewon und Uri Smilansky, ein Block handelt dabei von Minnesang. Auf Burg Fürsteneck gibt es außerdem immer im Frühling und im Herbst Wochenendkurse zu verschiedenen Bereichen mittelalterlicher Musik, die für Interessierte gedacht sind, die keine professionellen Musiker sind.

Um einen Eindruck zu bekommen, wie sich Minnesang anhörte, bieten sich z.B. folgende CDs mit guten Interpretationen an:

  • „Neidhart“ – Ensemble Leones
  • „Codex Manesse“ – I Ciarlatani
  • „Trobadors! Trouveres! Minnesänger!“ – Ensemble für Frühe Musik Augsburg
  • „Minnesang – Die Blütezeit“ – verschiedene Künstler, enthält Stücke der beiden vorigen CDs
  • „Minnesang in Südtirol“ – Ensemble Unicorn

 

Über die Autorin

Regina Schmidt ist die Sängerin der Early Folk-Band Short Tailed Snails und das Zentrum des Ensembles La Lauzeta. La Lauzeta widmet sich der einstimmigen Musik des Mittelalters: Minnesang und die Lieder der Troubadoure, die einstimmigen Virelais von Guillaume de Machaut, Pilgerlieder, Volkslieder und liturgische Gesänge. Außerdem beschäftigt sie sich mit altenglischer und althochdeutscher Dichtung aus dem frühen Mittelalter.

5 Comments:

  1. Fand diese Seite super, werde die Minnesangaufnahme der 12. Klasse vorspielen.

  2. Sehr gut verständlicher Text, auch als „Sekundärquelle“ für die Uni geeignet ;)
    Danke für die Literaturhinweise!
    LG, Nelly

  3. warum heißt did so??

    also ick habe mir letztens gefragt, wat dis soll mit diese musik :P

  4. Diese Minnegesänge sind einfach der Hamma!!!! Kann ein Leben ohne diesen Gesang net mea vostelle. Ds is guta Stoff, z.B zum Hausaufgaben machen oder wenn ich mal wieder traurig bin.

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