Deutsche Sprache im Mittelalter

Die Entwicklung der deutschen Sprache

Die Germanen legten mit ihrem Einfluss als teilweise Vorfahren der Deutschen den Grundstein für die deutsche Sprache. Zu Beginn der Besiedlung Deutschlands überwogen, wie bei einem jugendlichen Volk natürlich, Gemüt und Fantasie, der ganze Sinn war auf das Anschauliche und Sinnliche gerichtet, dem Abstrakten ganz abgewandt. „Grund“ bezeichnete noch nicht die Ursache, sondern ausschließlich den Grund und Boden, und unter „Ursache“ verstand man nur die Veranlassung zu einem Streithandel.

Inhalt

Die Sprache der germanischen Stämme

Nicht abstrakte Rechtsregeln stellte man auf, sondern man fasste die Erfahrungen in kurzen, sprichwortartigen Wendungen zusammen, die immer auf den einzelnen Fall gehen („Wo kein Kläger ist, ist kein Richter!“) und umgab jede Rechtshandlung mit sinnvollen und sinnbildlichen Bräuchen. Mit dem Speer empfing der König seine Gewalt, der Jüngling die Waffenmündigkeit, der Mann das verlobte Weib, mit einer Erdscholle der Erwerber den Grund und Boden, mit einem Halm der Gläubiger das Pfand des Schuldners.Die Sprache reihte die vokalreichen, klangvollen Worte in kurzen, einfachen Sätzen ohne logische Verbindung aneinander und betonte dabei stets die Hauptsache, die Stammsilbe.

Schon hatte sich auch eine eigentümliche poetische Form herausgebildet, die auf demselben Prinzip beruhte. Die dem Sinne nach wichtigsten Silben wurden durch den gleichen Anfangslaut zu Verszeilen verbunden, wobei nur die betonten Silben gezählt wurden, und in diesem „Stabreim“ (Alliteration) fasste der Germane überhaupt gern Namenreihen und Begriffe zusammen (Segestes, Segimerus, Segimundus oder Haus und Hof, Leib und Leben, Kind und Kegel, d. i. uneheliches Kind, Nacht und Nebel und andere mehr). Lieder erklangen den Göttern oder den Helden zu Ehren, wie vor allem dem Armin.

Die Schrift kannten die Germanen; und zwar hatten sie die Zeichen (Runen) offenbar aus dem lateinischen Alphabet in eckige Formen umgebildet, weil sie mit einem spitzen Werkzeug zunächst in Holz, namentlich Buchstäbe (daher Buchstabe) eingerissen oder eingeschnitten wurden (writân, rizzan, reißen für schreiben und zeichnen). Doch diente diese Schrift noch nicht zu Aufzeichnungen, sondern nur zur Benennung des Besitzers eines Stückes und zum Loswerfen, wobei jede Rune ihre besondere begriffliche Bedeutung hatte. Sie wurde, wie es scheint, zuerst im 2. Jahrhundert den nördlichen und östlichen Stämmen bekannt, von denen sie sich dann nach dem Westen verbreitete.[1]

Die Sprache der Goten während der Völkerwanderung

Da die Germanen schon frühzeitig sich in verschiedene Stämme teilten, nahm auch die Volkssprache eigentümliche Gestaltungen an. Zur Zeit der Völkerwanderung war der Stamm der Goten der mächtigste unter den Deutschen und ihre Sprache ist die älteste, von der wir eine Probe besitzen. Die Goten waren die ersten Germanen, die das Christentum annahmen. Einer ihrer Bischöfe, Wulfila (d. i. Wölflein), übersetzte um das Jahr 380 n. Chr. Die Bibel in das Gotische und von Teilen dieser Bibel sind noch heute mehrere Handschriften erhalten. Das Vaterunser in gotischer Sprache mag ein Beispiel geben, wie die gotische Sprache damals klang:

„Attaunsar, thu in himinam.veihnainamô thein,
(Vater unser, du inHimmeln,geweihet werde Name dein,)

qvimai thiudinassus theins; vairthaivilja theins, sve in
(es komme Herrschaft dein;es werdeWille dein, wie im)

himina,jahana airthai; hlaif unsarana, thana sinteinan,
(Himmel, auch auf Erden;Brot unseres, das fortwährende,)

Gif uns himma daga;jahaflêtuns, thatei skulans
(gib uns an diesem Tage; und erlasse uns, dass Schuldige)

sijaima, svasvê jah veis aflêtam thaim skulam unsaraim;
(wir seien, sowieauch wirerlassen den Schuldigern unseren;)

jah ni briggais uns in fraistnbujai,aklausei uns
(und nicht bringe uns in Versuchung, sondern löse uns)

afthamma ubilin; untê theina ist thiudangardijah mahts
(von dem Übel;denn deinist Herrscherhaus und Macht)

jah vulthus in aivins. Amen.
(und Glanz in Ewigkeit.Amen.)“

Als sich dann in der Folge die germanischen Stämme mit romanischen Elementen vermischten, kamen zu der deutschen Volkssprache der Goten lateinische Worte und Sprachelemente anderer Völker hinzu, so dass sich an den Grenzen Deutschlands verschiedene Sprachen bildeten, die nur noch schwach die deutschen Sprachstämme erkennen lassen.

Entstehung der europäischen Sprachen

In Frankreich entstand die französische Sprache durch Vereinigung der Sprache der Franken mit dem Latein der Römer. In Italien entstand die Sprache durch die Vereinigung der Sprache der Langobarden mit der dem Latein der Römer. Auf der pyrenäischen Halbinsel entstand aus der Sprache der Westgoten, mit romanischen Elementen vermischt, das Spanische. Dagegen bildete sich in den Ländern östlich vom Rhein im Lauf der Jahrhunderte eine Sprache, die die verschiedenen Mundarten der deutschen Stämme nach und nach vermengte, und die im Gegensatz zu der Sprache der Gelehrten und Geistlichen, dem Lateinischen, die deutsche, d. i. Volkssprache (von diet = Volk) genannt wurde.

Unter den Franken entwickelt sich das Hochdeutsch und das Niederdeutsch

Unter der Vorherrschaft der Franken, namentlich unter Karl dem Großen, wurde das Fränkische die vorherrschende Mundart; daneben erhielten sich auch der allemannische und der bayrische Dialekt. Diese drei Mundarten, die vornehmlich im südlichen Teil Deutschlands gesprochen wurden, nennt man (von der geografischen Beschaffenheit des Landes ausgehend) zusammen das Hochdeutsche. Gleichzeitig mit dieser Sprache entwickelte sich im nördlichen Deutschland, namentlich in den Gebieten der Sachsen, Friesen und Angeln, die niederdeutsche Sprache.

Der Unterschied dieser beiden Arten des Deutschen besteht hauptsächlich darin, dass das Hochdeutsche, das im gebirgigen Süddeutschland gebildet worden ist, härtere Laute hat und vorherrschend mit Brust und Kehle gesprochen wird, während der den nördlichen, ebenen Gegenden angehörigen niederdeutschen Sprache weichere Laute eigentümlich sind, die zumeist mit Zunge und Gaumen gesprochen werden. Aus der niederdeutschen Sprache ist das jetzige Plattdeutsche, das Holländische und teilweise das Englische entstanden.

Eine Probe aus dem Niederdeutschen ist die folgende Stelle aus dem „Heliand“, einem Gedicht, das das Leben des Heilands nach den vier Evangelien zum Inhalt hat und wahrscheinlich von einem sächsischen Bauern um das Jahr 840 verfasst worden ist:

„Tho umbi thana neriendon Kristnâhor gêngun
(Daum denheilbringendenChrist näher gingen)

Sulikegisidôs,so he im selbogrikos,
(solche Gefährten, die er sich selbst erkor,)

waldandundar them werode. Stodun wîsaman,
(der Waltende unter demVolke.Es standen die weisen Männer,)

gumonumbi thana godessunu gernoswido,
(die Mannen umden Gottes Sohn begierig sehr,)

werôs anwilleon, was imtherô wordô niud;
(die Männer williglich, es war ihnen nach den Worten Verlangen;)

thahtun endi thagôdun,hwat imthiodôdrohtin;
(sie sannen und schwiegen, wasihnen der Völker Herrscher)

weldi,waldandself,wordun kudian,thesun
(wollte, der Waltende selber, mit Worten künden, diesen)

liudiun te liobe.
(Leuten zu Liebe.“)

Die althochdeutsche Sprache

Die Sprache, in der das Fränkische die vorherrschende Mundart war, nennt man das Althochdeutsche. Ihre Zeit reicht etwa bis zum Jahre 1100. Eine Probe des Althochdeutschen ist folgende Stelle aus dem Gedicht Muspilli (Weltuntergang), das Ludwig der Deutsche (843-876) eigenhändig niedergeschirieben haben soll:

„Der Antichristo stet pî demo Altfiante
Der Antichrist steht beidemAltfeind

Stet pî demo Satanase, der iman farsenkan scal:
Steht beidemSatan,der ihn versenken soll:

Pidin scaler in deruunîcstetiuunt pivallan
Deshalb soller auf derKampfstätte wund hinfallen

Enti indemo sinde sigalôs unerdan.
Und für dies Mal sieglos werden.

Sar sodaz Hliases pluot in Erda kitriufit…
Wenn dann desEliasBlutauf die Erde träuft…“

Die mittelhochdeutsche Sprache

Vom 12. Jahrhundert an beginnt, mit der Blütezeit der hohenstaufischen Kaiser, die schwäbische Mundart die Vorherrschende zu werden. Das hierdurch entstehende Hochdeutsch, das von 1100 bis 1500 die Schriftsprache war und in der namentlich der Minnegesang, sowie die großen Volks- und Kunstepen (Nibelungenlied, Gudrunsage, Parzival usw.) geschrieben sind, nennt man das Mittelhochdeutsche. Wie das folgende Beispiel zeigt, nähert sich dieses Hochdeutsch schon bedeutend dem unsrigen.

Preis des deutschen Landes (Von Walter von der Vogelweide)

Ich han lande vil gesehen,
unde nam der besten gerne war:
übel müeze mir geschehen,
künde ich ie mîn herze bringen dar,
daz im wol gevallen
wolde fremeder site.
nu waz hulfe mich ob ich unrehte strite?
tiuschiu zuht gât vor in allen.

Von der Elbe unz an den Rhîn
und her wider unz an Ungerlant
sô mugen wol die besten sin,
die ich in der werlte hân erkant.
kann ich rehte schouwen
guot gelaz unt lîp,
fem mir got, sô fwüere ich wol daz hie diup wîp
bezer sint danne ander frouwen.

Tiusche man sint wol gezogen
rehte als engel sint diu wîp getân.
swer si schildet, derst betrogen:
ich enkan sin anders niht verstan.
tugent und reine minne,
swer die suochen will,
der sol komen in unser lant: da sit wünne vil.
lange müeze ich leben dar inne!

Die Übersetzung lautet:

Ich hab’ Lande viele gesehen,
und der besten nahm ich gerne wahr:
übel müsse mir’s ergehen,
könnte ich mein Herz je bringen dar,
dass ihm wohl gefallen
wollte fremde Sitte.
Nun was hülfe mir’s, wenn ich [auch] unrecht stritte?
Deutsche Zucht geht vor in allem.

Von der Elbe bis zum Rhein
Und her wieder bis ans Ungerland,
da mögen wohl die besten sein,
die ich in der Welt je hab’ erkannt.
Kann ich recht erschauen
Gute Gestalt und Leib:
Nun, bei Gott! So schwör ich wohl, dass hier das Weib
besser ist denn sonst die Frauen.

Deutscher Mann ist wohl gezogen,
deutsches Weib wie Engel angetan;
wer sie schilt, der ist betrogen,
anders kann ich niemals ihn verstahn.
Tugend und reine Minne,
wer die suchen will,
der soll kommen in unser Land, da ist der Wonne viel.
Lange müsse ich leben drinne!

Die neuhochdeutsche Sprache

Martin Luther

Seit 1500 begann das Neuhochdeutsche die Schriftsprache zu werden, die hauptsächlich durch Luther Eingang fand. Sie ist eine der köstlichsten Gaben, die wir der Reformation und ihrem großen Führer verdanken. Luther gebrauchte nicht nur in seinen Predigten, sondern auch in seinen Schriften die deutsche Sprache und es waren in den ersten zwanzig Jahren der Reformation mehr deutsche Schriften erschienen, als vorher seit Erfindung der Buchdruckerkunst. Während in den vorigen Jahrhunderten die frühere Schriftsprache sich allmählich verloren hatte und die Mundarten immer häufiger zu schriftlichen Darstellungen verwendet worden waren, schuf Luther eine einheitliche Sprache, die alle Anhänger der Reformation bald zu ihrem Vorbild nahmen.

Er legte die obersächsische Mundart (die um Meißen herum gesprochen wurde) seiner Sprache zu Grunde und zwar in der Ausbildung, die sie in der sächsischen Kanzlei erhalten hatte. Dadurch gelang es ihm, eine Sprache zu bilden, die durch ihre künstlerische Vollendung, ihren Wohlklang, ihre Kraft und Beweglichkeit die Bewunderung der Zeitgenossen erregte und ihre Nacheiferung hervorrief. Dies bewirkte er vorzüglich durch seine Bibelübersetzung, die der neuhochdeutschen Sprache die allgemeinste Verbreitung sicherte, da die Bibel bald das beliebteste Volksbuch wurde. Das lag nicht allein darin begründet, dass das Volk ein eifriges Verlangen trug, die göttlichen Wahrheiten kennen zu lernen, sondern auch darin, dass Luthers Sprache durchaus volkstümlich war; das Volk erkannte sie als die seinige wieder.

Eine Probe von Luthers Sprache ist die folgende Stelle aus seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ vom Jahre 1520, die uns zugleich ein Bild der damals gebräuchlichen Orthographie gibt:

„Wir sollten auch, wo die hohen schulen fleyßig weren in der heyligen schrifft, nit dahin schicken yderman, wie jtzt geschicht, da man nur fragt nach der menige, vnd ein yder wil einen doctor haben, ßondern allein die allergeschicktisten, in den kleynen schulen vor wol ertzogen, daruber ein furst oder radt einer stadt solt acht haben vnd nit zulassen, zusenden, dan wol geschickte. Wo aber die heylige schrifft nit regieret, da rad ich furwar niemand, das er sein kind hyn thue. Es muß vorterben allis, was nit gottes wort on unterlaß treybt; darumb sehen wir auch, was fur volck wirt vnd ist in den hohen schulen. Das ist niemand schuld, den des babsts, bischoff vnd prelaten, den solch des iungen volcks nutz befohlen ist. Dan die hohen schulen sollten ertzihen eytel hochvorstendige leut in der schrifft, die do mochten bischoff vnd pfarrer werden, an der spitzen stehen widder die ketzer vnd teuffel vnd aller welt. Aber wo findt man das? Ich hab groß sorg, die hohen schulen sein große pforten der hellen, ßo sie nit emßiglich die heylig schrifft vben vnd treyben vnß iunge volck.“

Hans Sachs

Ein anderes Beispiel von einer Mundart der Sprache des 16. Jahrhunderts zeigt das folgende Gedicht des Meistersängers Hans Sachs:

„Da nah aufferden gieng Christus
Vnd auch mit ihm wandert Petrus,
Eins tags aus eim dorff mit ihm gieng.
Bey einer wegscheyd Petrus anfieng:
„O Herre Gott vnd meyster mein,
Mich wundert sehr der güte dein.
Weil du doch Gott allmächtig bist,
Läßt es doch gehen zu aller frist
In aller Welt gleich wie es geht,
Wie Habacuck sagt der Prophet:
Frefel vnd gewalt geht für recht;
Der gottloß obervortheilt schlecht.“

Sprachvermischungen ab dem dreißigjährigen Krieg

Wallenstein

Luthers Sprache ist mit wenig Abweichungen noch die unsrige; sie ist die Sprache, in der unsere größten Dichter ihre unsterblichen Schöpfungen geschrieben haben. Aber im 17. und 18. Jahrhundert hatte das Neuhochdeutsche noch manche Gefahr zu bestehen, die es zu untergraben drohte, ehe es zu uns kam. Vor allen Dingen war es die zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges entstandene Nachahmungssucht der Deutschen, die der edlen Sprache Luthers den Untergang drohte. Ein Heer von italienischen, spanischen, französischen und lateinischen Wörtern drängte sich mit den vielen fremdländischen Kriegern in Deutschland ein. Wie sehr das Deutsche zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit fremden Wörtern untermischt war, zeigt uns folgender Brief Wallensteins an den Kaiser:

„…So hat sich der König*) bei dieser impressa (italienisch: Unternehmung) gewaltig die Hörner abgestoßen, indem er allen zu verstehen gegeben, er wolle sich des Lagers bemächtigen oder kein König sein, er hat auch damit sein Volk über die Maßen discouragiret (französisch: entmutigt), daß er sie so hazardosamente (spanisch: desaströs) angeführt, daß sie in vorfallenden Occasionen (lat.: Gelegenheiten) ihm desto weniger trauen werden, und ob zwar Ew. Maj. Volk valor (ital., span.: Macht) und courage (franz.: Mut) zuvor überflüssig hat, so hat doch diese occasion sie mehr assecuriret (lat.: versichert), indem sie gesehen, wie der König, so alle seine Macht zusammengebracht, repussirt (franz.: zurückgeschlagen) ist worden, daß Praedicat (lat.: Bezeichnung) invictissimi (lat.: unbezwinglich) nicht ihm, sondern Ew. Majestät gebühret.“

*) Es ist von Gustav Adolf die Rede, den Wallenstein bei Nürnbergbesiegt hatte.

Ein Dichter zu dieser Zeit klagt:

„Solche Sprachverkätzerung istanzeigung genug der Vntrew, die du deinem Vaterlande erweisest; deine ehrlichen Vorfahren sind keine solche Mischmäscher gewesen, wie ihr jetzt mit einander seit.“

Friedrich der Große

Diese Sucht, die deutsche Sprache mit fremden Wörtern zu vermengen, setzte sich noch bis in das 18. Jahrhundert fort, wie folgendes Schriftstück Friedrichs des Großen beweist, der infolge dieser Verunglimpfung unserer schönen Sprache sehr gering von ihr dachte. Er schrieb einem Grafen Schulenburg, als dieser für seinen Sohn, weil derselbe vom Adel sei, um eine Offiziersstelle bat:

„Junge Grafen, die nichts lernen, seind Ignoranten (Unwissende) bei allen Landen, in England ist der Sohn des Königs nur Matrose auf ein Schiff, um die Manoevres (Übungen) dieses Dienstes zu lernen. Im Fal nun einmal ein wunder geschehen und aus einem Grafen etwas werden sollte, so Mus er sich auf Titel und geburth nichts einbilden, den das seind nur narrenspossen, sondern es kömt nur allezeit auf sein Merit personnel (persönliches Verdienst)an.“

Schluss

Wir haben hier gesehen, wie sich die Sprache der Deutschen in verschiedenen Etappen entwickelte. Die Ursprungssprache der Germanen in der Antike wurde während der Völkerwanderung und im Frühmittelalter durch verschiedene Einflüsse bis zum Althochdeutsch entwickelt. Im Hochmittelalter setzte sich das Mittelhochdeutsch durch, das die Minnesänger für ihre Lieder gebrauchten. In der Neuzeit, und gleichzeitig mit der Reformation kam dann das Neuhochdeutsche auf. Die Reinheit des Neuhochdeutschen litt bis heutzutage unter der Beimengung verschiedener Wörter aus anderen Sprachen. Durch den großen Einfluss der Amerikaner auf Deutschland entstehen seit dem 2. Weltkrieg auch immer mehr englische Begriffe, die sich unter unsere deutschen Wörter mischen.

Darum ist es um so erhebender, wenn wir in den herrlichen Schöpfungen unserer großen Geisteshelden vor dem 2. Weltkrieg unsere schöne Sprache in ungetrübter Reinheit erschauen können, wovon das folgende Gedicht Schenkendorfs zum Schluß eine Probe sein mag:

„Muttersprache, Mutterlaut,
Wie so wonnesam, so traut!
Erstes Wort, das mir erschallet,
Süßes, erstes Liebeswort,
Erster Ton, den ich gelallet:
Klingest ewig in mir fort!

Ach wie trüb ist meinem Sinn,
Wenn ich in der Fremde bin,
Wenn ich fremde Zungen üben,
Fremde Worte brauchen muß,
Die ich nimmermehr kann lieben,
Die nicht klingen als ein Gruß.

Sprache, schön und wunderbar,
Ach, wie klingest du so klar!
Will noch tiefer mich vertiefen
In den Reichtum, in die Pracht;
Ist mir’s doch, als ob mich riefen
Väter aus des Grabes Nacht.

Klinge, klinge fort und fort,
Heldensprache, Liebeswort!
Steig empor aus tiefen Grüften,
Längst verscholl’nes, altes Lied;
Leb’ auf’s neu in heil’gen Schriften,
Daß dir jedes Herz erglüht!

Überall weht Gottes Hauch,
Heilig ist wohl mancher Brauch;
Aber soll ich beten, danken,
Geb ich meine Liebe kund:
Meine seligsten Gedanken
Sprech ich wie der Mutter Mund.[2]

Quelle:

[1] Prof. Dr. Otto Kämmel: Spamers illustrierte weltgeschichte; mit besonderer Berücksichtigung der Kulturgeschichte, v.3, Seite 32/33; Leipzig: Otto Spamer Verlag, 1896

[2] Böe, A. Kulturbilder aus Deutschlands Vergangenheit für Schule und Haus. 2., vermehrte und verbesserte Auflage. Leipzig: Verlag von Gustav Gräbner, 1896.

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