Sexualität im Mittelalter

Grundlagen über Sex im Mittelalter

Wenn wir heute an Sexualität in Verbindung mit Mittelalter denken, haben wir zwei gegensätzliche Vorstellungen:

1. Die Kirche prägt die Gesellschaft mit strengen Vorschriften, die nichts Sexuelles zulassen. Allein der Gedanke an sexuelle Dinge ist eine Sünde.

2. Die Menschen leben ihre Sexualität derbe aus. Bauern treiben es hinter den Büschen. Priester verführen Frauen, die zur Beichte kommen und junge Burschen besuchen verheiratete Frauen, wenn deren Männer außer Haus sind.

Das sind zwar zwei völlig verschiedene Verhaltensweisen, die aber nebeneinander in der mittelalterlichen Gesellschaft existierten. Vergleicht man das mit der Einstellung heute, stellt man fest, dass auch in unserer Gesellschaft verschiedene Auffassungen von Sexualität herrschen. Z. B. im eigenen Verwandtenkreis: Der eine Onkel besucht Swingerclubs, der andere Onkel hat etwas gegen Sex vor der Ehe.

Das sind zwar zwei extreme Beispiele, doch daran wird deutlich, dass verschiedene Auffassungen zur Sexualität innerhalb einer Gesellschaft existieren können.

bild 226: mann und frau lieben sich im jungbrunnen

Bild 226: In einem Jungbrunnen vergnügen sich Männer und Frauen miteinander in der Öffentlichkeit. Ausschnitt aus einem Fresko im Castello della Manta. (Asti, 14. Jahrhundert).

Inhalt

Der Unterschied zwischen Mann und Frau

Die erste, strenge Einstellung zur Sexualität erwartete man im Mittelalter von der Frau. Sie durfte es sich nicht erlauben, ihre geheimen Wünsche auszuleben. Während der Mann nur seinen natürlichen Trieb befriedigen wollte, und nicht schlecht angesehen wurde, wenn er seine Sexualität auslebte (ausgenommen Mönche).

Sex zählte im Mittelalter nicht als etwas, das zwei Menschen miteinander taten, sondern als etwas, das der Mann mit der Frau tat. So ist der Mann immer der aktive Part und die Frau der passive Part. Wenn ein Mann also den passiven Part einnahm, z. B. beim Oralverkehr, dann galt er als abnormal. Er hatte dann gegen die natürlichen Begebenheiten gehandelt.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass man im Mittelalter die Meinung vertrat, Frauen seien lüsterner als Männer. Diese Meinung wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit von Mönchen verbreitet. Denn ein Mönch darf keinen Sex haben. Wenn er aber eine Frau sieht, wird er sexuell stimuliert. Diese Bedürfnisse muss er aber unterdrücken und somit gibt er der Frau die Schuld, die ihn (weil sie lüsterner ist) verführen möchte. [S. 17ff]

bild 228: höllenstrafen für huren und spieler

Bild 228: Hier wird der Einfluss der Kirche offenkundig. Eine Hure und ein Spieler müssen Höllenqualen erleiden für ihr sündhaftes Leben. Aus dem Tafelbild „Jüngstes Gericht“ in Regensburg, ca. 1480.

Sexualität damals und heute

Während des Mittelalters (500-1500) wurden die grundsätzlichen Normen zur Sexualität gelegt, deren Überbleibsel an Gedankengut noch heute in unseren Köpfen festsitzen und somit unser Handeln in sexueller Hinsicht beeinflusst.

Großen Einfluss auf das Sexualleben hatte die christliche Kirche. Und alle europäischen Staaten haben ungefähr diejenigen Vorstellungen übernommen, die im Mittelalter geprägt wurden.

Schon im Frühmittelalter gab es die Mehrfachehe und das Konkubinat unter dem hohen Adel. Die Kirche wollte nur noch die Einehe anerkennen, doch der Adel bestand weiterhin auf seinem Recht zur Vielehe. So konnte die Kirche im frühen Mittelalter ihre Moralgesetze nur den Laien aufzwängen, die zwar gute Christen sein wollten, jedoch mit den damit verbundenen Einschränkungen Schwierigkeiten hatten.

Das 12. Jahrhundert scheint relativ wenige Repressionen zu kennen. Erst in der Mitte des 13. jahrhunderts scheint eine repressivere Ära anzubrechen Städte begannen, die Prostitution und andere Bereiche des Sexualverhaltens zu reglementieren. Kirchliche Gerichtshöfe bestraften nun Ehebruch, „Unzucht“ und andere Sünden.

Die Kirche wollte Normen durchsetzen und stellte Sexualität als etwas Sündiges und Böses dar. Doch viele Bereiche der Gesellschaft beachteten dies kaum. Es gab also vielfältige Ansichten über die Sexualität – genau wie heute.

In den letzten 500 Jahren, seit dem Ende des Mittelalters, änderte sich unser Bild über die Sexualität. So wurde beispielsweise in der Renaissance das Zölibat durch den aufkommenden Protestantismus abgewertet, die sich entwickelnden Wissenschaften dienten als neue „Meinungsmacher“ und die Verbreitung der Frauenrechte veränderte unser Bild über Frauen in jüngster Vergangenheit.

So hat diese Kultur, die vor 500 Jahren unterging, so einiges mit unserer Kultur gemein. Wir entwickelten uns aus ihr, haben ihre Sprache übernommen und das Gedankengut fortgeführt und doch berühren uns Quellen aus jener Zeit als weit entfernte, unrealistische und zugleich faszinierende Vorstellungen. Die vergangenen 500 Jahre trennen uns vom alten deutschen Reich und unseren Vorfahren – und zugleich von einer anderen Welt. [S. 11ff]

Badehäuser

Die Badestuben oder Badehäuser waren im Mittelalter nicht nur gesellschaftlicher Treffpunkt, sondern wurden auch zur Behandlung von KRankheiten durch den Bader genutzt und von einigen Badern auch als Bordell betrieben. In diesem Fall hatte der Bader weibliche Angestellte, die die männlichen Besucher gegen Bezahlung sexuell befriedigten. Die Badehäuser entwickelten sich im Hochmittelalter und hatten ihre Blüte im Spätmittelalter. Zu Beginn der Neuzeit verschwanden sie aber wieder von der Bildfläche aus zwei Gründen: 1. Die Preise für Holz, das zum Beheizen der Räume benötigt wurde, stiegen immens an, da das Holz knapp wurde. 2. Die Badehäuser galten als Ansteckungsherde für gefährliche Krankheiten, vor denen die Menschen im Mittelalter besonders Angst hatten.

In den Badestuben wurde nicht nur in Wasser gebadet, sondern hauptsächlich Dampfbäder genommen. Die Besucher nahmen sich ihre Utensilien, die sie im Badehaus benötigten, von zuhause mit. Im Badehaus trug man ein Tuch um den Körper oder war ganz nackt. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass in Badestuben beide Geschlechter verkehrten. Hier erkennen wir die Ungezwungenheit, mit der die Menschen des Mittelalters ihre von Gott gegebenen Körper präsentierten. Heute geben wir uns kaum noch mehreren Menschen eine Blöße. Auch vergnügten sich Manche vor den Augen aller anderen Badegäste offensichtlich mit sexuellen Praktiken. [S. 14ff]

bild 227: im badehaus hatten menschen auch sex

Bild 227: Szene in einem Badehaus. Bedienstete bringen Essen und Getränke für die zahlenden Gäste, die gleichzeitig im Wasserbad mit Prostituierten sexuellen Vergnügungen nachgehen. Buchmalerei von S. Marmon aus dem späten 15. Jahrhundert.

Pädophilie im Mittelalter

Dass das Mittelalter für uns eine andere Welt ist, wird umso klarer, wenn wir folgenden Abschnitt betrachten. Pädophilie wird heute als psychische Krankheit angesehen. Im Mittelalter scheinen aber Erwachsene ohne Strafe sexuellen Kontakt zu Kindern gehabt zu haben.

Die Gemeinsamkeit darin zwischen Mittelalter und Heute ist, dass sexuelle Gewalt an Kindern oft härter bestraft wurde als an Erwachsenen. Der große Unterschied zu heute lag jedoch im Mittelalter darin, dass Menschen schon viel früher als erwachsen und somit geschlechtsreif angesehen wurden. Mädchen waren mit 12 Jahren heiratsfähig, Jungen mit 14. Vor allem in adligen Kreisen wurde die Ehe schon in diesem Alter praktiziert. Was in unserer westlichen Kultur heute unvorstellbar ist, war damals Gang und Gäbe und sorgte wohl kaum für großes Aufsehen.

Menschen, die Sex mit Kindern hatten, wurden auch nicht als pädophil bezeichnet. Die Gerichtsakten des Mittelalters geben zwar einige Beispiele, in denen Kinder unter 12 Jahren vergewaltigt wurden, ausschlaggebend aber ist, ob der/die Vergewaltiger/in sein Opfer als Kind wahrgenommen hat. War dem nicht so, konnte man auch keine Pädophilie unterstellen. Und tatsächlich waren Kinder im Mittelalter schon sehr viel früher „reif“ – zumindest in der Wahrnehmung der Gesellschaft. Man sah Kinder als kleine Erwachsene an. Sie wurden früher mit verantwortungsvollen Aufgaben betreut und Mädchen wurden darauf vorbereitet, mit nur 12 Jahren einen Haushalt zu führen. Deshalb war die Pädophilie im Mittelalter auch nicht so verbreitet, wie man annehmen könnte. Denn die Erwachsenen hatten in ihrer Wahrnehmung dann Sex mit „kleinen Erwachsenen“ und nicht mit Kindern.

Der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter lag im Mittelalter viel früher als heute. So werden heute unsere Kinder in allen erdenklichen Lebenslagen davon fern gehalten, sexuelle Informationen, Bilder, Filme oder gar Erfahrungen zu sammeln. Im Mittelalter haben Kinder jedoch schon von Anfang an den realen Sex zwischen Tieren oder Menschen beobachten können. In den Bauernhäusern gab es keine Privatsphäre, so dass Kinder den Eltern beim Sex zuhören oder gar zuschauen konnten. Ein zwölfjähriges Kind war dadurch damals aufgeklärter als heute. Heute kommen unsere Kinder mit sexuellen Themen hauptsächlich durch die Medien in Kontakt. Viel spielt sich dadurch in der Fantasie ab. Im Mittelalter gab es keine Medien, die die Phantasie anheizten. Die Kinder waren schlicht und einfach mit realer Sexualität konfrontiert. [S. 266, 316f]

Gesellschaftliche Auswirkungen

Im Mittelalter heirateten Kinder mitunter schon mit 12 bzw. 14 Jahren, was in manchen Fällen vermutlich auch zu sexuellen Kontakten führte – was für die heutige Zeit unvorstellbar scheint. Was bedeutete das für die damalige Gesellschaft im Gegensatz zu unserer heutigen? Um darüber etwas sagen zu können, müssen wir wissen, ob das Vorhandensein von kindlicher Sexualität in der Bevölkerung wahrgenommen wurde und ob dadurch überhaupt etwas anders war, als es ohne gewesen wäre. Außerdem müssen wir noch wissen, ob es den Kindern geschadet hatte, frühe sexuelle Erfahrungen zu machen.

Das Erstere können wir kaum nachprüfen und auch die zweite Frage lässt sich kaum bis gar nicht beantworten. Dazu müssten wir nämlich Beschreibungen von Personen haben, die kindliche Sexualerfahrungen gemacht hatten. Da diese aber nicht existieren, müssen wir darauf schließen, dass psychische Schäden von vornherein gar nicht auffallen konnten, weil es normal war und niemand überhaupt erst nach einem Zusammenhang zwischen kindlicher Sexualität und späteren psychischen Schäden suchte (Wir reden hier nicht von Vergewaltigungen). Oder aber es war schlicht und einfach nicht schädlich für die damaligen Kinder, da die gesamte Gesellschaft nichts Schlimmes daran fand. Aber auch die Nicht-Existenz von Beurteilungen beweist nicht das Nicht-Vorhandensein von negativen psychischen Folgen. Also entweder können wir die Folgen von kindlicher Sexualität für die Gesellschaft des Mittelalters nicht herausfinden oder es gab keine negativen Folgen.

Quelle

  • Karras, Ruth Mazo: Sexualität im Mittelalter. Artemis & Winkler Verlag. Düsseldorf, 2006.

2 Comments:

  1. was haben denn sie für probleme, brustwarzen zu zensieren???

    was haben denn sie für probleme, brustwarzen zu zensieren???

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