Die Psychiatrie im Mittelalter

Einführung

Die moderne Psychiatrie, also die Behandlung und Heilung psychischer Krankheiten, wurde erst im 18. Jahrhundert begründet.

Aber schon in der Antike waren psychische Krankheiten bekannt und man versuchte, psychisch Kranke Menschen mit einigen Therapieformen zu heilen. Darunter fielen Massagen, Aderlässe oder Diäten. Man erkannte schon damals, dass psychische Störungen aus dem Gehirn kamen und versuchte die Hinraktivität der Erkrankten zu fördern und hoffte, damit eine Besserung (Normalisierung) des Erlebens und Verhaltens beizuführen. Außerdem benutzte man schon in der Antike die heilende Wirkung des Gesprächs bei schwächer Erkrankten.

Es wurden bisher jedoch keine Nachweise für Heilanstalten der Antike gefunden. Ein sehr großer Teil des gesamten Wissens ging in Europa durch die Wirren der Völkerwanderung verloren. Die gebildete und dekadente, antike Gesellschaft wurde von „wilden“ Völkern überrannt und das neu geordnete Europa hatte das Wissen der Römer verloren. Darunter fiel auch das Wissen, Kranke zu heilen, ganz zu schweigen von psychisch Kranken. Im darauf folgenden Frühmittelalter steht das neu geordnet Europa am Anfang eines langen und schweren Weges, Kultur und Wissen zurückzuerobern.

In gebildeten Kulturen wurden im Mittelalter Heilanstalten für psychisch Erkrankte erbaut. Dort wurden die Kranken gepflegt und es wurde sanft mit ihnen umgegangen. Europa zählte nicht zu den gebildeten Kulturen. Hier hatten die Menschen Angst vor psychisch Erkrankten, weil sie die Krankheiten nicht verstanden und daher auch nicht wussten, wie sie mit ihnen umgehen sollten.

Inhalt

Die Besessenheit Geisteskranker und der Exorzismus im Früh- und Hochmittelalter

Als Erklärung für Abnormalitäten psychisch Kranker Menschen wussten die Menschen des Mittelalters keine andere Erklärung, als dass sie vom Teufel oder einem bösen Geist besessen sein müssten. Wie die unchristlichen Völker der Völkerwanderung in Europa mit Geisteskranken umgingen, wissen wir nicht. Aber seit dem das Christentum die deutschen Länder durchzog, wurden Teufelsaustreibungen immer dann vorgenommen, wenn man sich keine andere Erklärung für die Geisteskrankheit machen konnte. Das Christentum berief sich nämlich auf eine Textstelle aus der Bibel, in der Jesus einen „besessenen“ Jungen heilt. Die Krankheit des Jungen, die in dieser Textstelle beschrieben wird, war in Wahrheit eine Epilepsie. Da die Menschen im Mittelalter das aber nicht wussten, wandten sie diese „Teufelsaustreibung“ nicht nur auf Epileptiker, sondern gleich auf alle Geisteskrankheiten an. Die Textstelle (aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 9, Vers 37 ff.) lautet wie folgt:

„37 Als sie am folgenden Tag den Berg hinab stiegen, kam ihnen eine große Menschenmenge entgegen.38 Da schrie ein Mann aus der Menge: Meister, ich bitte dich, hilf meinem Sohn! Es ist mein einziger.
39 Er ist von einem Geist besessen; plötzlich schreit er auf, wird hin und her gezerrt und Schaum tritt ihm aus dem Mund, und der Geist quält ihn fast unaufhörlich.
40 Ich habe schon deine Jünger gebeten ihn auszutreiben, aber sie konnten es nicht.
41 Da sagte Jesus: O du ungläubige und unbelehrbare Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein und euch ertragen? Bring deinen Sohn her!
42 Als der Sohn kam, warf der Dämon ihn zu Boden und zerrte ihn hin und her. Jesus aber drohte dem unreinen Geist, heilte den Jungen und gab ihn seinem Vater zurück.
43 Und alle gerieten außer sich über die Macht und Größe Gottes. (…)“

Man kann sich nun vorstellen, wie Epileptiker und „tobende“ Geisteskranke gefesselt wurden und mit Gebeten überhäuft wurden. Man galt erst als geheilt, wenn der Teufel tatsächlich ausgetrieben war. Und da diese Form der „Heilung“ nicht erfolgversprechend war, muss es oft eine lange und qualvolle Zeit gedauert haben, bis man die Kranken in Ruhe ließ – so fern sie nicht schon vorher an Unterernährung oder Wassermangel gestorben sind.

Das erste Ziel dieser „Heilmethode“ war es übrigens nicht, den Kranken wirklich zu heilen, sondern seine Seele zu retten.

Der Glaube an heilende Reliquien im Früh- und Hochmittelalter

Da die Menschen nicht wussten, wie sie den psychisch Kranken helfen sollten, gab es noch eine andere Macht, von der sich die Menschen des Mittelalters Heilung erhofften: Heilende Reliquien. Reliquien sind Überreste von Heiligen, meist Knochen oder Sargnägel, die sich über tausende Jahre halten konnten. Wenn man nun diese heiligen Reliquien berührte, so würde der heilige Geist in den Körper des Erkrankten fahren und die böse Krankheit verdrängen – so dachte man. Ein berühmter Ort für eine solche Reliquie, die Geisteskranken helfen sollte, war ein Ort in Belgien namens Gheel. Die Legende besagt, dass dort die heilige Dymphna begraben liegt. Sie soll in Irland von ihrem Vater sexuell missbraucht worden sein, was ihr schwere seelische Schäden verursachte. Nach dem Tod ihrer Mutter wollte ihr Vater sie heiraten, doch floh sie von zu Hause nach Antwerpen in Belgien., aber ihr Vater folgte ihr und holte sie in Gheel ein, wo er ihr auch gleich den Kopf abschlagen ließ.

Daraufhin pilgerten Menschen zu ihrem Grab und flehten dort um Hilfe für ihre Angehörigen. Sie hofften, der Geist der Dymphna würde sich der Erkrankten annehmen, weil sie selbst schwere seelische Schäden erlitten hatte und daher vielleicht die Geisteskranken besser verstehen könnte.

Da so eine Pilgerreise ohne Verkehrsmittel damals lange dauerte, mussten die Angehörigen mit ihren „Irren“ in nahe gelegenen Bauernhäusern übernachten. Dafür gaben sie den Bauern Geld. Und da sie ihren psychisch kranken Schützling so lange wie möglich der heilenden Wirkung der Dymphna aussetzen wollten, blieben sie für mehrere Tage in dem Bauernhaus. Die Bauern erkannten, dass das eine gute Einnahmequelle war und boten den Angehörigen an, den Geisteskranken gegen Bezahlung längerfristig unterzubringen – damit er der heilenden Wirkung der heiligen Dymphna ausgesetzt sei.

Die Angehörigen dachten, sie machen ein gutes Werk und konnten, so böse es auch klingt, Ruhe vor ihren Geisteskranken haben, auch wenn sie sie sehr liebten. Die Geistesgestörten lebten dann beim Bauer und halfen oft bei der Feldarbeit, was dem Bauer natürlich gefiel. Deshalb können wir davon ausgehen, dass die Bauern auch nur Geistesgestörte aufnahmen, die körperliche Arbeit verrichten konnten. Diese Aufnahme in Bauernhäuser wird auch als Vorläufer der heute erneut praktizierten Familienpflege gesehen.

Die Irrenhäuser der Städte ab dem 12. Jahrhundert

Zur gleichen Zeit wie die Irrenhäuser entstanden auch die ersten größeren Städte. Ich gehe davon aus, dass die Irrenhäuser der Städte nur errichtet wurden, um die psychisch Kranken und andere unangenehme Menschen von dem öffentlichen Leben auszuschließen. Das öffentliche Leben der Stadt sollte den Normalzustand wahren können. Denn in den „Irrenhäusern“ wurden nicht nur Geisteskranke, sondern in Epidemiezeiten auch Lepra- und Pestkranke untergebracht; oder einfach Reisende, die nichts anderes fanden. Schwer Geisteskranke wurden in normalen Krankenhäusern nicht aufgenommen.

Ärztliche Versorgung erfuhren in diesen Häusern nur die körperlich Kranken. Ärzte wussten immer noch nicht, wie man psychisch Kranken Menschen helfen sollte. Aufgenommen wurden auch nur die „ruhigen“ Irren. Die „tobenden“ Geisteskranken wurden vor den Toren der Stadt ausgesetzt, ins Stadttor oder in kleine Käfige oder Kisten gesperrt. Sie lebten also wie in Gefangenschaft, oft an Ketten und bekamen nur spärliche Mahlzeiten – alles in allem ein Menschen unwürdiges Leben.

Andere Geisteskranke, die komische Bewegungen oder Handlungen durchführten, wurden in Käfigen auf öffentlichen Plätzen präsentiert. Man hoffte, dass sie komisch sein würden und so zur Belustigung der Bevölkerung beitragen würden. Man machte sich noch keine Gedanken, welchen Schmerz die Angehörigen dabei empfinden mussten, wenn ihr geliebter Verwandter so zur Schau gestellt wurde.

Die Geisteskranken wurden also von der Gesellschaft isoliert, um den Anschein der Normalität zu bewahren. Anders ging man mit Irren in islamischen Ländern um. Dort wurde schon im 10. Jahrhundert ein psychiatrisches Pflegeheim errichtet. Grundlage dafür war wohl der islamische Glaube, dass Geistesgestörte Gesandte Gottes seien. So pflegte und beruhigte man sie.

Die Inquisition – Geisteskrankheit als Ketzerei im Hoch- und Spätmittelalter

Die zunehmende Welle der Inquisition ab dem 11. Jahrhundert forderte viele Todesopfer in Deutschland. Verfolgt wurden alle anders Denkenden, Ungläubigen und leider auch psychisch Kranken. Die psychisch Kranken wurden als vom Teufel besessen angesehen und der Satan musste vernichtet werden. Die Angst vor dem Bösen und dem Höllenfeuer, die von der katholischen Kirche verbreitet wurde, führte schließlich dazu, dass man Geisteskranke, die nicht geheilt werden konnten, lieber verbrannte, als ständig der Gefahr ausgesetzt zu sein, der Satan könne durch den Geisteskranken schlimme Dinge auf Erden anrichten.

Es gab auch viel Selbstjustiz der Menschen, da nicht wirklich geregelt war, was genau Ketzerei war und wer betroffen war. So konnte es vorkommen, dass ein psychisch Kranker eines Tages ohne Vorwarnung seiner Familie entrissen und von einer Menschenmenge aus dem Haus gerissen und öffentlich Verbrannt wurde. Somit bekämpften die Menschen ihre Unsicherheit und die „eingeimpfte“ Angst vor dem Bösen.

Im 13. Jahrhundert entstanden dann Ketzergesetze, die etwas Licht in die Verfahren brachten und nur der Obrigkeit erlaubten, die Verfolgungen anzuordnen. Nach diesen Gesetzen wurde es aber leider auch erlaubt, psychisch Kranke Menschen zu foltern, um sie zur Aussage zu bewegen, der Satan sei in ihnen. Danach konnten sie guten Gewissens verbrannt werden. Zwischen dem 15. Jahrhundert und dem 17. Jahrhundert wurden auf diese Weise tausende von Geisteskranken Menschen gefoltert und verbrannt.

Fürsorge der psychisch Kranken im Hoch- und Spätmittelalter

Zum Glück gab es auch noch eine andere Bewegung zur gleichen Zeit: Das Aufkommen der Wissenschaften, der Geistestätigkeit und der Fürsorge.So fühlten sich die freien Reichsstädte dazu verpflichtet, die psychisch Kranken zu versorgen. Sie wurden dann in Domspitälern untergebracht. Diese waren jedoch wieder nicht ausschließlich für Geisteskranke, sondern ebenso für arme und alte Menschen.

Auch wurden psychisch Kranke nun vermehrt in Klöstern untergebracht, wo die Behandlung hieß: „Ruhe, Gebet und Demut“. Bürgerhospitäler wurden eröffnet für sie und christliche Orden verpflegten die Irren und Ausgestoßenen. So lebten psychisch gestörte Menschen im Spätmittelalter also in einem Spannungsfeld zwischen Verfolgung durch die Inquisition und der Pflege durch geistliche Orden.

Eine weitere Behandlungsmethode für Geisteskrankheiten

Wir haben ja schon davon gesprochen, dass der Satan oder der böse Geist bei psychisch Kranken entfernt werden musste. Dies sollte hauptsächlich mithilfe des Exorzismus geschehen. Eine andere Möglichkeit aber, um den bösen Geist entweichen zu lassen, war das Aufbohren des Schädels. Durch das entstandene Loch konnte dann der böse Geist entweichen – so die Vorstellung des Mittelalter.

Um den Schädel zu öffnen, gab es verschiedene Methoden, wie z. B. Das Aufbohren, das kontinuierliche Aufschaben des Schädelknochens oder das Aufsägen. Die Kranken wurden dabei an einen Stuhl gefesselt und mussten die Schmerzen und die Angst ohne Narkose aushalten.

Schlusssatz

Was muss ein psychisch kranker Mensch denken, der wegen seiner Krankheit viel zu leiden hatte und dann noch verfolgt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird? Endlich Erlösung oder wie ungerecht die Welt doch ist!? Wir können froh sein, in einer Welt zu leben, in der man psychisch Kranke nicht mehr verfolgt; eine Welt in der wir verstehen wollen und forschen, was hinter diesen Krankheiten steckt. Und es bleibt nur noch zu hoffen, dass in diesem Fall die mittelalterlichen Zustände nie wieder eintreten mögen.

4 Kommentare:

  1. hallo bin 1959 Geboren und muss gleich sagen das es ja Grausam war Behinderte oder Geisteskranke einfach zu verbrennen.Ich hatte mal fast so was ähnliches,ich weiß von meiner Mutter das ich als Baby die Nabelschnur um den Hals hatte und an jeder Hand hatte ich 6 Finger,die wurden mir aber als Baby gleich entfernt.Dann bin ich mit 2 oder 3 Jahren aus dem Fenster der Erdgeschoss Wohnung Gefallen und hatte einen Schlüsselbeinbruch,das weiß ich von meiner Mutter her.und wie ich etwas Älter war kam ich 1975 in die Psychiatrie nach Schleswig Hesterberg,weil ich leider viel Mist gemacht habe.und musste dort bis 1979 bleiben,und wurde dort auch von einem Psychiater entmündigt.Und in der Zeit habe ich viel Leid gesehen,weil es mir nicht ganz so schlecht ging.Heute habe ich zum Glück ein normales Leben,ich wurde in den 90er`n vom Amtsgericht wiederbemündigt ,da ich selbst einen Antrag gestellt hatte.Und Heute haben wir 2015 und bin zwar Arbeitssuchend habe aber keine Einschränkungen mehr und bin DJ und Glücklich.Aber ich kann in etwa erahnen wie es den Irren oder Geisteskranken ergangen sein muss,nur weil sie meinen man sei vom Satan Verfolgt.so dieses zu diesem Thema,liebe Grüße von klaus aus HL.

  2. Wir leben teilweise immernoch im Mittelalter

    Heutzutage werden „Patienten“ fast genauso wie im Mittelalter gefoltert. Mit teilweise auch tödlichen Folgen. Und zwar mit Neuroleptika „Medikamenten“. Die Psychiater machen teilweie auch nix anderes als eine „Hexenjagd“
    MfG …

  3. Wir leben teilweise immernoch im Mittelalter

    Oder das Gehirn mit Elektroschoks „grillen“ und dann denken das es dem „Patienten“ durch die dann entstandene geistige Behinderung besser geht ? Wie krank ist das denn !
    MfG …

  4. Mittelalter heute.

    Wurde mein Beitrag gelöscht ? Darf die Wahrheit nicht bekannt werden ? „Patienten“ weden heutzutage mit Neuroleptika bzw. Elektroschocks gefoltert bis sie „einknicken“ und dem „Arzt“ recht lassen. Egal ob er Recht hat oder nicht. Eltern können zB auf diese Weise ungestraft ihre Kinder bis zum Tod foltern lassen. Das ist genauso grausam und Verbrecherisch wie im Mittelalter.
    Mfg …

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