Heinrich IV.

Einführung

Hört nun die Geschichte der tiefen Erniedrigung und des Elends des unglücklichsten deutschen Kaisers, der bei einer besseren Erziehung vielleicht einer der würdigsten und größten Regenten geworden wäre. – Ich rede von Heinrich IV., dem Sohn Heinrichs III., der uns auch darum merkwürdig erscheint, weil er sich mehrere Male in Nürnberg aufgehalten hat und die an diesem Kaiser besonders hängenden Städte, also auch Nürnberg in seine Geschichte vielfach verflochten sind.

Inhalt

Heinrich IV. wird mit 12 Jahren entführt

Er war, wie ich euch schon gesagt habe, zur Zeit, als sein Vater starb, erst fünf oder sechs Jahre alt; seine Mutter Agnes musste daher die Regierung führen. Aber die Erzbischöfe von Köln und Mainz, der Erzbischof von Bremen, der Herzog Otto von Bayern und der Markgraf Ekbert von Sachsen hätten gern die Reichsverwaltung und womöglich auch den jungen Prinzen in ihrer Gewalt gehabt.

Sie beschlossen daher insgeheim, ihn der Mutter zu entführen. Am Ende wurde sie zu einem Freudenfest nach Kaiserswerth am Rhein eingeladen. Da sie gar nichts Böses ahnte, erschien sie auch ohne Bedenken. Aber siehe da, man lockte den munteren Heinrich, der damals 12 Jahre alt war, auf ein prächtiges Jagdschiff und, unter dem Vorwand, ihn auf dem Rhein eine Spazierfahrt machen zu lassen, ruderte man, so schnell es die Arme der rüstigen Ruderknechte vermochten, den Strom hinauf nach Köln. Umsonst schrie die Mutter nach ihrem Sohn, der Sohn nach der Mutter; umsonst versuchte der junge Prinz, als er das Schelmstück merkte, in den Fluss zu springen; der Markgraf Ekbert zog ihn wieder heraus und er bekam seine trostlose Mutter Agnes nie wieder zu sehen.

Heinrich wird erneut entführt

Anstatt im Freien herum zu springen, zu fahren, zu reiten, zu spielen, wie er es gewohnt war, musste er jetzt, gleich einem Gefangenen, dasitzen und sich im Singen und Beten üben, denn Hanno (so hieß der Erzbischof von Köln, in dessen Gewalt er war) hatte im Sinne, einen Pfaffenknecht aus ihm zu machen, der sich ganz nach dem Willen der Geistlichkeit lenken ließe.

Als aber einst Hanno eine Reise nach Rom vorgenommen hatte, kam Adelbert, Erzbischof von Hamburg und Bremen, entführte ihm den jungen Prinzen und erzog ihn nach ganz anderen Grundsätzen. Von Andachtsübungen war jetzt nicht mehr die Rede. Er ließ unserem Heinrich alle ersinnliche Freiheit mit lockeren Gesellschaftern, erlaubte ihm Vergnügungen aller Art und gewöhnte ihn an ein üppiges, liederliches Leben. Adelbert hasste die deutschen Reichsfürsten und verachtet die Päpste.

Er bemühte sich daher, ihnen an Heinrich einen recht furchtbaren Zuchtmeister zu erziehen, sich selbst aber einen mächtigen Freund an ihm zu machen. Er bestärkte ihn in dem Glauben, ein deutscher Kaiser sei unumschränkter Herr; er könne tun, was er wolle und habe nicht nötig, jemanden zu schonen oder ein gutes Wort zu geben; jede Widersetzlichkeit gegen seinen Willen sei ein Verbrechen, das die schärfste Ahndung verdiene. – Dies alles merkte sich Heinrich und nahm sich vor, von den schönen Grundsätzen, die ihm beigebracht wurden, bald nützlichen Gebrauch zu machen. Sein Vater hatte schon die deutschen Fürsten hart genug behandelt; er aber wollte noch ganz anders mit ihnen umspringen.

Heinrich kommt erst mit 16 Jahren frei

So herrschte Gregor beinahe unumschränkt über die abendländische Christenheit. Aber die griechische Kirche wollte diesen neuen Monarchen nicht anerkennen. Sie hatte schon vorher die Gemeinschaft mit der römischen Kirche aufgehoben und war glücklich, diesem geistlichen Despoten nicht untertan zu sein. Sie behielt ihren eigenen Patriarchen und seit jener Zeit blieben beide Kirchen getrennt bis auf den heutigen Tag.

Heinrich beschwört einen Krieg mit den Sachsen und den Thüringern herauf

Der vertriebene Otto suchte eine Zuflucht bei dem sächsischen Erbprinzen Magnus. Heinrich überzog diesen deswegen mit Krieg und nahm beide gefangen. Durch so viele Gewalttätigkeiten machte er sich halb Deutschland zum Feind. Am lautesten murrten die Sachsen, die ihren Prinzen wieder haben wollten. Um sie besser im Zaum zu halten und sie, wo möglich, ganz unter seine Botmäßigkeit zu bringen, legte er in ihrem Land, besonders am Harz, viele feste Schlösser an, die er mit fränkischen Truppen besetzte. Seine Kriegsleute durchstreiften von da aus die umliegenden Gegenden, beraubten und brandschatzten die Landleute, zwangen sie an dem Festungsbau zu arbeiten und zu fröhnen.

Darüber gingen die bedrückten Sachsen und Thüringer immer mehr die Augen auf. Sie sahen, dass es auf ihre gänzliche Unterjochung abgesehen war und machten Anstalten zur Gegenwehr. So entstand ein Bund aller sächsischen und thüringischen Grafen und Bischöfe, an dessen Spitze sich der frei gewordene Graf Otto von Nordheim befand. Sie erließen an Heinrich ein ehrerbietiges, aber nachdrückliches Schreiben, worin sie verlangten, er möchte ihnen ungesäumt den Erbprinzen Magnus herausgeben, die festen Schlösser in ihrem Land niederreißen lassen, seine schlechten Ratgeber entfernen und die Maitressen abdanken.

Heinrich war ganz außer sich über die Kühnheit, womit sich diese Leute gegen ihn vernehmen ließen und antwortet den Abgeordneten mit stolzer Verachtung und mit Drohungen. Aber plötzlich sah er ein Heer von 60.000 Sachsen und Thüringern gegen Goslar anrücken, wo er sich damals aufhielt. Er entfloh auf eines seiner Bergschlösser, die Harzburg; aber die Feinde folgten ihm auf dem Fuße nach und kaum konnte er durch die dicksten Wälderund Bergschluchten ihren Nachstellungen entgehen. Sie ließen ihn fliehen und taten jetzt selbst, was er nicht hatte in der Güte tun wollen. Alle festen Schlösser in Sachsen wurden von ihnen geschleift und der Erde gleich gemacht.

Heinrich rächt sich für die Niederlage

Wütende Rachgier kochte in Heinrich IV. Herzen. Er wollte ein Heer sammeln und die erlittene Beleidigung blutig an den Sachsen und Thüringern rächen; aber alles blieb kalt bei seinem Rasen; niemand wollte mit ihm zu Felde ziehen. So sah er sich genötigt, vor der Hand Frieden zu machen, bis es ihm im Jahre 1075 gelang, durch Bitten und Versprechungen die Fürsten zu bewegen, ihn mit einem Heer zu unterstützen.

Die Sachsen wurden jetzt in der Schlacht an der Unstrut (1075) glücklich geschlagen und auseinander gejagt. Ihre Anführer ließen sich von den deutschen Fürsten bereden, persönlich vor Heinrich zu erscheinen und um Gnade zu bitte. Heinrich aber, anstatt sich durch eine großmütige Verzeihung auf immer mit ihnen auszusöhnen, dachte unedel genug, sie alle gefangen zu nehmen und in ganz Deutschland verteilen zu lassen.

Durch diese leidenschaftliche Härte empörte und erbitterte er aufs Neue alle Gemüter. Die Sachsen, die sich auf keine andere Art Hilfe zu verschaffen wussten, wandten sich mit ihren Klagen nach Rom.

Papst Gregor mischt sich ein

Zu Heinrichs Unglück saß damals ein ehemaliger französischer Mönch und geborener Italiener namens Hildebrand auf dem päpstlichen Stuhl. Die Deutschen nannten ihn auch den Papst Höllenbrand, denn wirklich schien er eine Geburt der Hölle zu sein. Er war von der Rechtmäßigkeit der geistlichen, d. h. päpstliche Übergewalt über die weltliche vollkommen überzeugt. Man hatte ihn ohne Heinrichs Einwilligung gewählt; er war aber von ihm bestätigt worden. Eines der ersten Geschäfte dieses Papstes war, allen Fürsten und allen Laien (Nichtgeistlichen) überhaupt zu verbieten, ein Bistum, eine Abtei oder sonst eine Pfründe zu verleihen. Er behauptet, dieses Recht stehe den Päpsten allein zu.

Dies wollte sich nun kein Regent, auch Heinrich nicht, gefallen lassen. Er sagte: „In meinen Staaten sind die Bischöfe und Äbte zugleich Fürsten und jeder Fürst muss mir für sein Fürstentum huldigen und mich als seinen Oberherrn anerkennen.“ Er vergab daher nach wie vor die erledigten Pfründen und kümmerte sich wenig um das, was der Papst dazu sagen würde. Die eigentlich Ursache seiner Weigerung aber war, dass er die bedeutenden Geldvorteile, die er mit dem Verleihen der geistlichen Stellen verbundene Verkauf derselben ihm einbrachte, nicht aus den Händen lassen wollte. Diese Simonie, so nennt man das Erkaufen geistlicher Ämter, wollte Gregor hauptsächlich durch seine Verordnungen aufheben.

Unter diesen Umständen erschienen die Abgeordneten der Sachsen mit ihren Beschwerden in Rom. Die konnten zu keiner gelegeneren Zeit kommen. Hildebrand (er hieß als Papst Gregor VII.) freute sich nicht wenig, aus ihrem Mund zu hören, wie allgemein Heinrich gehasst werde und was für mächtige Gegner er unter den deutschen Fürsten habe. Es wurde von dem Papst beschlossen, zwei Legaten (Gesandte) an ihn zu senden und ihn nach Rom vorladen zu lassen, dass er sich vor dem heiligen Stuhl verantwortete. – Einen so frechen Schritt hatte sich vor Gregor VII. kein anderer Papst gegen ein gekröntes Haupt erlaubt.

Heinrich lässt Gregor entführen

Die Legaten wurden von Heinrich mit stolzer Verachtung angehört, schnöde abgefertigt und den Beschimpfungen seiner Dienerschaft Preis gegeben. Bald darauf wurde Gregor in der Kirche, während des Gottesdienstes, von Banditen überfallen, verwundet, fortgeschleppt und in einen Turm eingeschlossen. Der Anführer dieser Schurken hieß Cencius; er war, wie man sagte, von Heinrich, der den italienischen Bischof, nach Gewohnheit der italienischen Großen, bestrafen wollte, zu diesem Bubenstück gedrängt worden.

Gregor belegt Heinrich mit einem Bannfluch

Mit Geld erkaufte sich Gregor seine Freiheit wieder. Heinrich aber versammelte im Jahre 1076 eine Kirchenversammlung und ließ den frechen Papst absetzen. Diese Art der Rache war eines großen Regenten viel würdiger; aber sie führte zu nichts, weil Heinrich kein Heer hatte, die Absetzung zu vollziehen. Es wurde an Gregor bloß geschrieben, dass er seiner Würde verlustig erklärt worden sei und dieser antwortet darauf mit einem Bannfluch und einem Brief folgenden Inhalts: „Im Namen des allmächtigen Gottes und aus eigener päpstlicher Gewalt verbiete ich dem Heinrich, Sohn unseres Kaisers Heinrich, das deutsche Reich und Italien zu beherrschen; ich entbinde alle Christen von dem Eid, den sie ihm geschworen haben oder noch schwören werden und untersage allen und jedem, ihm als König zu dienen.“

Die Verschwörung gegen Heinrich

Heinrich IV. ärgerte sich über dieses Schreiben, aber er kümmerte sich nicht darum. Er wusste noch nicht, was für Folgen es für ihn haben würde, denn es war das erste Mal, dass ein Papst sich erfrechte, einem deutschen Regenten die Krone zu nehmen und seine Untertanen von dem Eid der Treue loszusprechen. Ruhig setzte er daher seine Unternehmungen gegen die Sachsen fort. Während er aber beschäftigt war, neue Bergschlösser zu erbauen, benutzten seine mächtigsten Feinde, Rudolph von Schwaben, Welf von Bayern und Berthold von Kärnthen die Bulle (das Schreiben) des Papstes, um eine Verschwörung gegen ihn einzuleiten.

Als Heinrich bei einer Fürstenversammlung in Oppenheim erschien, wurde er nicht wenig betreten, als man ihm erklärte, dass er durch den päpstlichen Bannfluch die Krone verwirkt habe. Alle seine Einwände waren fruchtlos; man riet ihm, sich nach Speyer zu verfügen und sich aller Ausübung königlicher Gewalt und aller Regierungshandlungen so lange zu enthalten, bis ihm auf einem Reichstag, der zu Augsburg ausgeschrieben sei, sein Urteil würde gesprochen werden. Sollte binnen einem Jahr die päpstliche Absolution nicht erfolgen, so sei man entschlossen, einen anderen König zu wählen.

Der Gang nach Canossa

Jetzt war dem König Heinrich nicht mehr wohl zumute. Er sah, dass er es mit Feinden zu tun hatte, denen an seiner Absetzung sehr viel gelegen war, weil jeder hoffte, Kaiser zu werden. Leicht konnte er also denken, dass sie seine Absetzung mit allen Kräften betreiben würden und das Versprechen des Papstes, selbst nach Augsburg zu kommen, machte sein Unglück noch viel gewisser. Alles wohl erwogen, glaubte Heinrich, auf keine Art möchte das drohende Ungewitter leichter abgewendet werden können, als durch eine Reise nach Rom, damit er persönlich von Gregor die Lossprechung vom Bann bewirken möchte.

Heinrich IV. machte sich also auf, nur von einigen Dienern und seiner treuen Gemahlin mit ihrem Söhnchen begleitet. Er musste einen großen Umweg durch Frankreich und Savoyen über den Mont Cénis nehmen, weil ihm alle anderen geraderen Pässe nach Italien von seinen Feinden belegt waren. Sie wollten nicht zulassen, dass er seine Absolution in Rom holte, weil sie ihn nicht so leicht absetzen konnten, wenn er sie wirklich erlangte. Dies geschah mitten im Winter (1077); und er hatte mit den Seinigen auf den rauen und unwegsamen, von Schnee und Eis starrenden Alpen viel auszustehen. Indes erreichte er doch glücklich die Täler von Piemont und seine Ankunft erregte bei den Italienern allgemeine Freude, denn sie glaubten, er komme, den verhassten Hildebrand zu züchtigen, den besonders in Oberitalien niemand ausstehen konnte.

Gregor und Heinrich begegnen sich in Canossa

Es wäre hier dem Heinrich ein Leichtes gewesen, einen Haufen Mannschaft zusammen zu bringen und den Papst, der schon auf dem Weg nach Augsburg war, damit aufzuheben; aber er sorgte sich, seine Lage durch einen solchen Schritt zu verschlimmern. Daher ließ er sich mit den Lombarden gar nicht ein und eilte nach Canossa, einem festen Schloss, nicht weit von der Stadt Reggio, im Herzogtum Modena, wo der Papst auf seiner Reise bei einer guten Freundin, der reichen Gräfin Mathilde, eingekehrt war.

In dieser Gräfin fand Heinrich zum Glück eine nahe Verwandte, denn sein Vater und ihre Mutter waren Geschwister gewesen; er hoffte daher durch ihre Vermittlung um so leichter seine Lossprechung zu erlangen. Sie nahm sich seiner auch wirklich nach bestem Vermögen an; aber bei einem stolzen, rachsüchtigen und starrköpfigen Mann, wie Gregor VII., war wenig auszurichten. Doch ohne sie hätte er ihn nicht einmal angehört und Heinrich hätte unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurückkehren müssen.

Heinrichs folgenreiche Erniedrigung

Endlich erlangte der unglückliche König die Erlaubnis, Buße zu tun. Er wurde eingelassen in den mittleren Schlosshof, aber ohne Gefolge, ohne Freund. Er musste sein königliches Gewand und sein Schwert ablegen. Dafür wurde er ausgestattet mit einem härenen Hemd, wie die Büßenden es zu tragen pflegen, ohne alle andere Bedeckung. So ließ man ihn nun einsam stehen in dem kalten Monat Januar, mit entblößtem Kopf und bloßen Füßen, auf der gefrorenen Erde, die von Reif starrte. Sehnsuchtsvoll sah er dem Abend entgegen, wo er sich wenigstens Hoffnung auf ein Obdach und ein warmes Lager machte; aber schon fing der kalte Abendwind an, durch das dünne Gewand zu dringen, dass der Frost seinen ganzen Körper durchschauerte und niemand zeigte sich, der sich seiner annahm.

So musste er vom Morgen bis zum Abend drei Tage lang stehen, alles in dem Schloss war gerührt und Gregor schreibt selbst, die Anwesenden, die sich mit vielen Tränen und Bitten für ihn einsetzten, hätten alle die ungewöhnliche Härte seinen Sinnes bewundert, einige sogar ihm ins Gesicht gesagt, sein Betragen sehe eher einer tyrannischen Wildheit und Grausamkeit, als einer apostolischen Ernsthaftigkeit gleich. Mathilde bat mit heißen Tränen, der Papst solle sich erweichen lassen und Heinrich verlangte, man solle ihm wenigstens die Rückkehr erstatten. Endlich wurde ihm, am vierten Tag, das Glück zu Teil, sich dem Barbaren, der ihn so unmenschlich gequält hatte, zu Füßen zu werfen und um Gnade zu flehen.

Heinrich beweist Standhaftigkeit

Er erhielt nun, unter einem stolzen Verweis, die Absolution, doch musste er schwören, den gerichtlichen Ausspruch abzuwarten, der auf dem Reichstag zu Augsburg über ihn ergehen würde. – Bloß dieses Gericht abzuwenden, hatte sich Heinrich einer so tiefen Erniedrigung unterworfen; was war ihm nun damit geholfen? – Doch ja, Gregors übermütige und grausame Behandlung brachte dem beschimpften Heinrich großes Heil, denn sie empörte alle Gemüter gegen den unmenschlichen Tyrannen, der sich eine solche Frechheit gegen ein gekröntes Haupt erlaubt hatte.

Anfangs waren die Lombarder zwar ebenso entrüstet über Heinrich, der sich einer so schimpflichen Demütigung Preis gab, wie über den satanischen Gregor, der sie ihm auferlegt hatte. Als sie aber hörten, wie er durch die Verschwörung der deutschen Fürsten aufs Äußerste gebracht worden war und sich sonst niemals einer so schändlichen Behandlung unterworfen haben würde, wenn er sie hätte ahnen können, söhnten sie sich wieder mit ihm aus und ergriffen die Waffen, ihn zu schützen und zu rächen. Auch in Deutschland fand Heinrich viele teilnehmende Freunde.

Erneuter Krieg zwischen Heinrich und Rudolph von Schwaben

Gleichwohl wurde, während seines Aufenthaltes in Italien, im März 1077 in Forchheim, ein anderer König gewählt und zwar Rudolph von Schwaben, einer seiner bittersten Feinde. Päpstliche Abgeordnet waren, ungeachtet der über Heinrich ausgesprochenen Absolution, bei der Wahl anwesend. Jetzt eilte dieser mit einem Heer nach Deutschland zurück. Viele tausend Deutsche schlossen sich an. Es kam zu einem Krieg. Heinrich schlug seine Feinde und wurde von ihnen geschlagen. Im letzten Treffen ,1080 an der Elster, fiel Rudolph, sein Gegner.

Im Gefecht wurde ihm die rechte Hand abgehauen, die er gegen seinen König erhoben hatte und der berühmte Gottfried von Bouillon, von dem ich euch noch viel erzählen werde, nahm im vollends das Leben. Viele Menschen, die davon hörten, sagten einstimmig, Rudolph habe sein Schicksal verdient. Er soll selbst noch auf dem Totenbett bereut haben, gegen Heinrich angetreten zu sein.

Heinrich rächt sich an Papst Gregor

Nun war Heinrich wieder alleiniger Herr in Deutschland und mächtig genug, den übermütigen Gregor zur Rechenschaft zu ziehen. Er ging mit einem Heer nach Italien und belagerte Rom drei Jahre nacheinander. Im Jahr 1083 bemeisterte er sich der einen Hälfte der Stadt. Er drohte dem Papst, bestach die Vornehmsten im Volk und machte Anstalten zu einem Sturm. Die Bürger warfen sich dem unbeugsamen Gregor zu Füßen und flehte um Schonung der Stadt durch freiwillige Übergabe. „Vor allen Dingen“, sprach der Stolze, „muss Heinrich wieder Buße vor mir tun wie in Canossa, erst dann kann die Rede von dem Schicksal der Stadt“. – Rom wurde nun von den Deutschen vollends erstürmt; Gregor aber hatte sich in die feste Engelsburg geflüchtet und trotzte da seinem Überwinder.

Jetzt ließ Heinrich einen anderen Papst, Clemens IV., wählen und sich von ihm krönen. Da er aber in Rom nicht länger verweilen konnte, drang Robert Guiscard, Herzog von Apulien, mit einem kleinen Heer von Neapel heran, machte den eingeschlossenen Gregor wieder frei und brachte ihn in Sicherheit nach Salerno, wo derselbe das Jahr darauf (1085) starb. – Nach seinem Tod wurde Gregor vom Klerus als heilig erklärt.

Heinrichs Sohn lockt ihn in einen Hinterhalt

Für Heinrich wurde durch diesen Tod wenig gewonnen, denn er bekam an Urban II. einen neuen, gefährlichen Feind, der dessen zwei ungeratene Söhne, Konrad und Heinrich, gegen ihn aufhetzte. Konrad empörte sich zuerst; er wurde aber gedemütigt und starb eines plötzlichen Todes. Glücklicher war sein falscher, heuchlerischer und meineidiger Bruder, der sich schon zu des Vaters Lebzeiten zum König der Deutschen aufwarf.

Unter dem Schein, als wolle er dem Kaiser wieder gehorsam sein und ihn auf einem Reichstag zu Mainz mit der Kirche und den deutschen Reichsfürsten wieder aussöhnen, lockte er ihn an den Rhein und ließ ihn in Bingen gefangen nehmen. Dem unglücklichen Heinrich wurde mit dem Tod gedroht, wenn er die Reichsinsignien nicht herausgeben würde. Er lieferte sie ab und nun wurde er in Mainz von den versammelten Fürsten förmlich abgesetzt und sein schändlicher Sohn als König bestätigt. – Arm und hilflos irrte jetzt Heinrich IV. im Elend umher und starb im folgenden Jahr 1106, in Lüttich im 56. Lebensjahr.

Die Zeit nach Heinrichs IV. Tod

„Gott der Gerechtigkeit“, rief er auf seinem Totenbett, die Hände gen Himmel hebend, „du wirst einst den Vatermord rächen“.

Selbst nach Heinrich IV. Tod hörte seine Verfolgung noch nicht auf. Der Bischof von Lüttich ließ ihn zwar anständig unter der dortigen Domkirche beisetzen; aber auf ausdrücklichen Befehl der päpstlichen Legaten musste der Leichnam wieder ausgegraben werden. Unbeerdigt wurde er nun auf eine kleine Insel in der Maas ausgesetzt. In der Folge führte man ihn nach Speyer und wies ihm eine Gruft im Mariä Münster, einer Kirche an, die er selbst gebaut hatte; aber der fanatische Bischof wollte von nun an keinen Gottesdienst mehr darin halten lassen und ruhte nicht eher, als bis Heinrich zum zweiten Mal aus dem Grab genommen wurde.

Nun musste die Leiche des unglücklichen Regenten noch fünf Jahre lang in einer ungeweihten Kapelle über der Erde stehen bleiben, bis es endlich dem Papst gefiel, ihn von dem Kirchenbann los zusprechen. Jetzt erst durften Heinrichs Gebeine in dem Grab seiner Väter ruhen.

Quelle:

  • Dr. Georg Ludwig Jerrer: Die Weltgeschichte für Kinder, Band 2, 5. Ausgabe, Nürnberg: Verlag von Friedrich Campe, 1833.
  • Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

    *