Ablauf der Völkerwanderung

Einführung

Das sonst so herrliche Römervolk war jetzt so tief herabgesunken, dass die alten Römer ihre ausgearteten Nachkommen gewiss nicht mehr erkannt hätten. Einzelne, kraftvolle Kaiser vermochten nicht mehr, das wankende Reich zu halten. Die Vorsehung hatte beschlossen, das entartete Volk auszurotten und eine neue, bessere Zeit herbeizuführen. Solche großen Veränderungen führen natürlich anfangs zu Verwirrungen; aber nach und nach löst sich unter der Leitung der gütigen Vorsehung alles schön auf. So auch hier. Das Mittel dazu sollte eine große Bewegung unter den Völkern werden, die damals Europa bewohnten. Diese sollten dem römischen Reich ein Ende machen und aus der allgemeinen Verwirrung und Zerstörung eine schönere Zeit hervorgehen. Diese Bewegung nennt man „die große Völkerwanderung“.

Inhalt

Die Hunnen treiben die Völkerwanderung an

Lange schon waren die deutschen Völker in Bewegung geraten und versuchten, die Grenzen Italiens zu überwältigen. Aber jetzt kam ein neuer Anlass dazu und brachte alles zum Überschäumen. Mitten in Asien auf den Hochgebirgen wohnten die „Hunnen“, ein wildes Volk. Plötzlich erschienen diese am Fluss „Don“, der damals Europa von Asien trennte, und drangen über den Fluss in Europa ein. Was sie zu diesem Zug veranlasste, weiß man nicht genau, vermutlich ein Angriff der Chinesen. Die Hunnen werden uns von einem Zeitgenossen als ein äußerst wildes Reitervolk geschildert *):

*) Die folgende Schilderung zeigt ein zu negatives Bild der Hunnen. In ihr schwingt noch der Hass mit, den die Völker Europas aus ihrer Angst vor den Hunnen entwickelten. Manche Fakten sind jedoch belegt.

Zeitgenössische Beschreibung der Hunnen

„Ihre Glieder sind fest und untersetzt, ihre Hälse dick, ihr ganzer Körperbau so unförmig und plump, dass man sie für zweibeinige Tiere oder für Pfosten an Brückengeländern halten könnte. Gleich nach der Geburt zerfetzt man den Kindern Wange und Kinn mit tiefen Schnitten, damit der Bartwuchs unterdrückt werde. Dabei sind sie so roh, dass sie kein Feuer zur Zubereitung der Speisen bedürfen. Denn sie leben von Wurzeln oder von dem rohen Fleisch des erstbesten Tieres. Haben sie ein Stück rohen Fleisches, so legen sie es statt des Sattels auf den Rücken des Pferdes und machen es durch einen tüchtigen Ritt mürbe; so essen sie es. In Häuser gehen sie ungern und nur, wenn die größte Not sie dazu treibt, denn sie betrachten sie wie als Gräber der Lebendigen. Dafür aber lieben sie es, Berge und Täler wild zu durchstreichen und so gewöhnen sie sich von Kindheit an an Frost, Hunger und Durst.

Ihre Kleidung besteht aus leinenen Kitteln oder aus Pelzen von zusammengenähten Fellen der Waldmäuse. Auf dem Kopf tragen sie eine Mütze mit überhängender Krempe und die Beine sind mit Bockfellen umwickelt. Ihre Stiefel sind höchst ungeschickt und erschweren ihnen das Gehen; daher fechten sie auch ungern zu Fuß und sind von ihren Pferden unzertrennlich. Die Pferde sind zwar klein und hässlich, aber ausdauernd und auf ihnen verrichten sie alle ihre Geschäfte. Die Schlacht beginnen sie mit einem fürchterlichen Geheul. Wie der Blitz fliegen sie herbei, aber im selben Augenblick verschwinden sie auch schon wieder, um schnell wieder zurückzukehren und ehe man sie bemerkt, erstürmen sie durch ihre große Schnelligkeit schon die Umschanzung (Schutzwälle) und plündern das Lager.

Die Hunnen betreiben keine Feldwirtschaft, sie haben keine feste Wohnung, keine Heimat, kein Gesetz und keine feste Sitten – so streifen sie auf ihren Pferden und Planwägen umher. Ihre schmutzigen Weiber wohnen auf den Wägen, wo sie ihre groben Kleider weben und ihre hässlichen Kinder groß ziehen. Treu und Glauben sind bei ihnen unbekannte Dinge; wie die unvernünftigen Tiere wissen sie nichts von Recht und Unrecht und sind so veränderlich, dass sie ebenso ohne Grund ihre Genossen anfallen und sich dann wieder mit ihnen versöhnen.“

So werden uns die Hunnen beschrieben.

Die Westgoten bekämpfen die Griechen

Im Jahr 374 drangen sie also über den Don vor und rissen zunächst die dort wohnenden Alanen mit sich fort. Beide warfen sich dann auf die Goten, ein großes, ursprünglich deutsches Volk, das aber damals an den Ufern der unteren Donau wohnte und sich in Ost- und Westgoten teilte. Viele der Goten wurden erschlagen; die Westgoten baten den griechischen Kaiser Valens um Aufnahme ins Römische Reich jenseits der Donau und um Lebensmittel; dann wollten sie ihm beistehen gegen die Hunnen.

Der Kaiser ging auf den Wunsch ein, aber seine Leute handelten treulos gegen die Westgoten und verkauften ihnen viel zu teuer Hundefleisch und schlechtes Brot; ja Manche mussten vor Hunger die eigenen Kinder für Brot verkaufen. Aus dieser Not heraus griffen die Westgoten zu den Waffen, verbrannten römische Dörfer bis hin zu Adrianopel, wo Valens damals wohnte. Valens starb in einer Hütte, in der er verbrannte. Nun baten die Griechen um Frieden mit den Westgoten und beide Völker wohnten friedlich nebeneinander über 30 Jahre.

Die Westgoten ziehen gegen Rom

Aber ums Jahr 408 wurde Alarich, ein mutiger, kühner Mann, König der Westgoten. Der oströmische Kaiser Arcadius wollte ihn aus seiner Nachbarschaft loswerden; darum überredete Arcadius ihn, nach Italien zu ziehen und das Reich seines Bruders Honorius zu erobern. Dieser Vorschlag gefiel Alarich. Er erschien an den Grenzen Italiens und ließ Honorius ausrichten: „das Volk der Westgoten ist mit Weibern, Kindern und Herden gekommen und bittet um Land. Wenn es der Wunsch des Kaisers ist, so kann er einen Tag bestimmen, an dem sich Goten und Römer in offener Feldschlacht messen können.“

Honorius ließ ihm antworten: „Ich erlaube euch, in Gallien und Spanien Land einzunehmen.“ Das war aber ein Betrug; denn dort hausten bereits mehrere deutsche Völker. Die Goten wussten das nicht und zogen ruhig durch Oberitalien bis an den Fuß der Seealpen, die Italien von Frankreich trennen. Als die Goten friedlich das Osterfest feierten, erschienen plötzlich die treulosen Römer, die ihnen heimtückisch nachgeschlichen waren, und fielen sie an. Aber die Goten entbrannten vor Zorn, griffen schnell zu ihren Schwertern und schlugen die Römer zurück. Nun aber wandten sie sich, um die Tücke der Römer zu bestrafen, und zogen schnell auf Rom los.

Alarich nahm die Stadt ein, plünderte das Kaiserschloss und die Häuser der Großen, ließ aber kein Blut vergießen und auch nicht die Stadt anzünden; denn er war schon ein Christ und das Christentum hatte selbst diese wilde Nation milder gemacht. Auch die Kirchen rührte er nicht an. Nach 6 Tagen zog er wieder ab und wollte auch Sizilien erobern; aber er starb unterwegs. Da leiteten seine Goten einen Fluss um, begruben Alarich auf dem trocken gelegten Flussbett und ließen dann das Wasser wieder darüber strömen, damit niemand seine Grabesruhe störte.

Rom muss seine Provinzen aufgeben

Solche Angriffe auf Italien zwangen die Römer, ihre Soldaten, die sie sonst in den entfernten Provinzen stehen gehabt hatten, nach Italien zu ziehen und nun brach unaufhaltsam der wilde Strom vieler deutscher Völker über den Rhein nach Gallien. Hier wohnten schon die Franken, (von ihnen hat Frankreich seinen Namen) die etwas früher von Deutschland aus dort eingezogen waren. Sie wurden bald über den Haufen geworfen und nun drängten sich die Völker hin und her.

Die Franken blieben oben in Frankreich wohnen; die Alemannen blieben im jetzigen Württemberg und Baden sitzen; die Burgunder nahmen das südliche Frankreich an der Rhone ein; die Westgoten errichteten ein Reich auf beiden Seiten der Pyrenäen und drängten die Sueben und Vandalen, auch deutsche Völker, bis nach Spanien. Da blieben die Sueben wohnen; die Vandalen aber, die wildesten unter allen, setzten nach Afrika über und errichteten, wo früher Karthago lag, ein mächtiges Reich. Das geschah alles in den ersten 30 Jahren des 5. Jahrhunderts.

Erneute Angriffe der Hunnen unter Attila

Aber was war aus den Hunnen geworden, die ja zu der großen Bewegung den ersten Anstoß gegeben hatten? – Sie waren in Ungarn sitzen geblieben und jagten oder weideten ihre Herden fünfzig Jahre lang, ohne sich um andere Völker viel zu bekümmern. Um das Jahr 450 erhoben sie sich aufs Neue und das Land bebte unter ihren Schritten.

Sie hatten damals einen König, Attila, einen wilden Menschen, der sich selbst „Die Geißel Gottes“ nannte und von dem die Hunnen rühmten, wenn er nur sein Schwert in die Erde stoße, würden hundert Völker erzittern und Rom und Konstantinopel in ihren Grundfesten erbeben. Er war klein vom Körperbau, aber breitschultrig, hatte einen großen Kopf, eine breite Brust, eine stolze, gebieterische Haltung und seine kleinen, wild funkelnden Augen, die er stolz umher warf, kündigten den Herrscher an. Er selbst war mäßig, sprach wenig und trank aus einem hölzernen Becher; aber seine Gäste speisten von silbernem und goldenem Geschirr und er sah es gern, wenn sie laut um ihn herum jubelten und tobten.

Dieser Attila erhob sich 450 mit 700.000 Barbaren und flutete, alles verwüstend, durch Süddeutschland hindurch in Richtung Rhein. Wie entsetzt der römische Kaiser war! Er schrieb eilig an den König der Westgoten in Toulouse: „der Hunnenkönig will alles unterjochen. Stehe auf, edler Fürst der Westgoten! Streite für uns und für dich!“ – „Ja! Das werde ich. Nie hat es einen gerechteren Krieg gegeben. Das ganze Volk der Westgoten greift freudig zu seinen siegreichen Waffen.“ Alle Völker, die in Frankreich wohnten, traten zusammen und bei Chalons an der Marne trafen sie auf das Hunnenheer. Attila ordnete seine Scharen, sammelte die Heerführer um sich und sprach kurz, aber gebieterisch: „Seid Männer! Greift an, brecht ein, werft alles nieder! Fallt an! Fallt an! Müsst ihr sterben, so werdet ihr sterben, auch wenn ihr flieht! Seht nur auf mich! Ich schreite voran; wer mir nicht folgt, ist des Todes!“ Nun begann die Schlacht. Es war ein entsetzliches Gemetzel; aber Attila konnte nicht vordringen; er brach am nächsten Tag auf und zog nach Ungarn zurück.

Im folgenden Jahr zog er wieder aus, dieses Mal nach Italien. Er verlangte Schwester des Kaisers zur Frau und große Schätze als Mitgift. Natürlich wurde ihm dies abgeschlagen. Daraufhin zog Attila gegen die Städte Italiens; alle Städte gingen in Feuer auf, wer flüchten konnte, floh. Einige retteten sich auf die kleinen Inseln oben im adriatischen Meer und legten dadurch den Grund zu der später so herrlichen Stadt Venedig. Attila kam bis nach Ravenna. Hier kam ihm der Bischof von Rom, Leo, mit vielen großen Adligen entgegen, brachte ihm Geschenke und ermahnte ihn, nicht nach Rom zu kommen: „Bedenke, dass der erste Apostel Rom in seinen Schutz genommen hat. Auch Alarich kam nach Rom und hat daher früher den Tod erlitten. Hüte dich, zu kommen!“

Die ehrwürdige Gestalt des greisen Bischofs mit silberweißem Bart machte Eindruck auf den wilden Attila; vielleicht wirkten auch die Geschenke. Er ließ sich jedenfalls besänftigen und kehrte zurück. Bald darauf starb er plötzlich in Ungarn. Die Hunnen legten ihn in einen goldenen Sarg; diesen setzten sie in einen silbernen Sarg und den wiederum in einen eisernen Sarg. So begruben sie ihn mit seinem Pferdegeschirr, seinen Waffen und anderem Gerät. Diejenigen aber, die das Grab gemacht hatten, wurden erschlagen, damit keiner wissen konnte, wo der große Hunnenkönig lag.

Die Angelsachsen bevölkern Britannien

Im selben Jahr eroberten die Angelsachsen Schottland. So lange die Römer Schottland besetzt hielten, wurden die wilden Bewohner Schottlands, die Pikten und Scoten, in Zaum gehalten. Aber als die Römer ihre Truppen nach Italien zurück zogen, konnten sich die Briten nicht mehr gegen die wilden Nachbarn wehren und wandten sich an Rom, um nach Hilfe zu rufen: „Von der einen Seite treiben uns unsere Feinde ins Meer; von der anderen wirft uns das Meer wieder zurück in die Hände unserer Feinde. Wir haben nur die Wahl, ob wir in den Wellen oder durch das Schwert der Feinde umkommen wollen.“

Aber die Römer wiesen sie ab: „Wir können euch nicht helfen!“ hieß es. Da wandten sich die Briten an die Angelsachsen, ein deutsches Volk im jetzigen Westfalen. Von diesen Angelsachsen setzte ein Schwarm unter Hengist und Horfa 450 nach England über, jagte die Pikten und Scoten nach Schottland zurück, setzte sich aber nun selbst fest und machte sich zum Herrn Englands. Und die armen Briten? Die mussten sich unterwerfen; viele aber wanderten in die Berge von Wales oder setzten nach Frankreich in die Bretagne über. In beiden Ländern wohnen ihre Nachkommen heute noch.

Die Vandalen unter Genserich zerstören Rom

Fünf Jahre darauf wurde die Stadt Rom, wie Attila schon gedroht hatte, von einem Barbarenhaufen überfallen und ausgeplündert. Es ist schon gesagt worden, dass die Vandalen sich an der Nordküste von Afrika niedergelassen hatten. Ihr König um die Mitte des 5. Jahrhunderts hieß Genserich oder Geiserich. Zur selben Zeit war in Rom eine Kaiserin, die Eudoria hieß. Ein General hatte ihren Mann, den Kaiser, totgeschlagen und zwang sie nun, ihn selbst zu heiraten. Das rachsüchtige Weib dachte nur daran, ihrem weiten Mann, den sie zu Recht verabscheute, den Untergang zu bereiten. Dabei hätte sie aber nicht gedacht, dass sie sich selbst und ihre ganze Stadt unglücklich machte und lud Genserich ein, nach Rom zu kommen und sie von ihrem Mann zu befreien.

Genserich kam 455, eroberte Rom und verwüstete die herrliche Stadt so fürchterlich, dass man noch heutzutage einen schlimmen Rabauken Vandale nennt. Nicht einmal die Tempel und Kirchen wurden verschont. So hauste er 14 Tage lang; dann packte er seine Schätze in die Schiffe, nahm Eudoria samt ihren Töchtern mit und kehrte nach Afrika zurück.

Ende der Völkerwanderung

Nach dieser Zeit regierten noch einige Kaiser nacheinander; dann setzte man Romulus Augustulus, einen guten aber schwachen Knaben, auf den Thron. Die Heruler und Rugier, ein paar Stämme aus der Gegend des heutigen Pommerns, die als Söldnertruppen (bezahlte Berufskrieger) unter dem Kaiser dienten, verlangten ein Drittel aller Äcker in Italien und, da ihnen das nicht bewilligt werden konnte, so wurden sie aufständig. Odoaker, ein tapferer Feldherr, führte sie an. Er setzte den unschädlichen Romulus ab, gab ihm ein Landgut, um da in der Stille zu leben und machte sich selbst – zum Kaiser? – Nein, der Kaisertitel war ihm zu verächtlich. Er begnügte sich, König von Italien zu sein, ohne sich so zu nennen und so hatte also das abendländisch-römische Reich ein Ende. Dies geschah 476. Hiermit endet die Geschichte der Antike und wir gehen nun zur Geschichte des Mittelalters über.

Quelle:

  • Friedrich Nösselt: Lehrbuch der Weltgeschichte für Töchterschulen und zum Privatunterricht heranwachsender Mädchen: Mit Stahlstichen, Band 2, Ausgabe 14, Max Verlag: 1867.

3 Comments:

  1. also ich finde es sehr gut

  2. Lol „deutsche Völker“, „entartete Nachkommen“? Der Text ist ein absoluter Witz, das hat nichts mit Geschichte zu tun sondern ist Propaganda aus dem 19. Jh. um die Schaffung eines Nationalstaats zu legitimieren.

    Wäre es eventuell möglich ein Buch aus diesem Jahrhundert zu verwenden, wenn man sich schon einbildet, man müsse anderen Leuten Geschichtsunterricht erteilen?

  3. Ein sehr detaillierter Beitrag zur Völkerwanderung

    hä mir hat das super geholfen keine ahnung was die hir wollen von wägen „ähh propangas“ ich find den text echt geil und hat voll gute note gebracht

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