Universitäten im Mittelalter

Die ersten europäischen Universitäten

Die Universitäten im heutigen Deutschland entstanden später als in anderen europäischen Ländern. Der Ursprung der Universitäten liegt nicht in Kloster- und Stiftsschulen, auch nicht in freien Genossenschaften von Zuhörern, die sich um einen angesehenen Lehrer sammelten. Sondern die Gründung der Universitäten wurde von den Mächtigen vorangetrieben, nachdem sich die neuen Gedanken und Weltanschauungen der Kreuzzüge unter den Menschen verbreiteten. Diese Erweiterung des persönlichen Horizonts wurde getragen durch die Ritterorden, die höfische Dichtkunst, die Bettelorden oder den glanzvollen Aufschwung der Städte. In diesem Zuge waren es vor allem Bologna und Paris, die Mittelpunkte des geistigen Lebens in Europa wurden.

Die Universität Bologna

Bologna hatte ursprünglich nur eine Rechtsschule. Sie erlangte eine große Berühmtheit durch Irnerius, der eine tiefe Kenntnis vom alten römischen Recht besaß. Er starb um das Jahr 1138. Das Ansehen der Gelehrten dieser Hochschule war so groß, dass die Worte „Bononia docet“ (Bologna lehrt) jeden Widerspruch verstummen ließen. Um 1150 trat das kanonische Recht, das Gratian zu einer neuen Wissenschaft gestaltet hatte, hinzu. Er hielt zuerst in Bologna darüber Vorlesungen. Einige Jahrzehnte darauf wurden auch Lehrstühle für die Medizin und die „artes liberales“ errichtet. Die Theologie, zunächst in Klöstern gelehrt, reihte Innozenz VI. 1360 ein. Für das Gedeihen der Universität war von großem Nutzen das berühmte Privilegium Friedrichs I. vom Jahre 1158. Der Kaiser nahm darin besonders alle in Schutz, die sich auf dem Weg zu einer Rechtsschule befanden. Sie sollten überall in Frieden reisen können und nirgendwo wegen Vergehen oder Schulden ihrer Landsleute behelligt werden.

Die Universität Paris

Eine neue Lehrweise, die vorzugsweise auch an den Schulen im Gebiet der Kathedrale Notre-Dame geübt wurde, lockte im 12. Jahrhundert Scharen von jungen Männern nach Paris. Hier glänzten als Meister einer vollkommen ausgebildeten Dialektik die Theologen Wilhelm von Champeaux, dann Abaelard und Petrus Lombardus. Die große Anzahl von Lehrern und Schülern brachte es mit sich, dass die Magistri, dem Zuge der Zeit nach genossenschaftlicher Vereinigung folgend, sich um 1200 zu einer Körperschaft zusammenschlossen und schließlich „ein Ganzes“ unter dem Namen der Universität von Paris geschaffen wurde. Ihren Ruhm verdankte sie vor allem der Theologie und den „artes liberales“.

Bologna und Paris, die beiden ersten und ältesten Universitäten, sind gewissermaßen aus sich selbstentstanden; sie wurden auch vielfach das Vorbild der späteren Hochschulen Italiens oder Frankreichs. Doch entwickelten sich bis 1250 nur noch zehn Hochschulen ohne Errichtungsurkunden, alle anderen traten ins Leben aufgrund von Stiftbriefen, die Papst oder Kaiser oder Beide zusammen mit Freuden ausfertigten, um so herrliche Bildungsanstalten zu schaffen, die mit ihrem eigenen Namen in Verbindung gebracht wurden. Und die Städte konnten ebenfalls Stolz sein und damit werben, eine Universität zu beherbergen.

Die Universität Salerno

Ganz im Dunkeln liegt die Gründung der Schule von Salerno. Hier sollen die Benediktiner bereits zur Zeit Karls des Großen die Heilkunde mit großem Erfolg gepflegt haben. Seit der Mitte des 11. Jahrhunderts erlangte die Stadt einen Weltruf. Dorthin eilten dann zu Tausenden die jungen Ärzte aus Europa, Asien und Afrika, um ihre Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. Die Ergebnisse arabischer Forscher, die die griechischen Lehrmeister übertrafen, konnten verwertet werden. Die Medizin der Araber beförderte Konstantin der Afrikaner, ein gelehrter Arzt, der aus seinem Heimatland vertrieben worden war.Er übersetzte den Hippokrates und Galenus aus dem Griechischen ins Lateinische. Die Gesundheitsregeln der Schule von Salerno, deren Glanz erst seit dem 14. Jahrhundert erblasste, waren überall in Geltung.

Dozent an der Universität unterrichtet seine Schüler
Universitätslehrer beim Unterricht, umgeben von seinen Studenten in vornehmer Kleidung.
Bild aus: Emil Reicke: Lehrer und Unterrichtswesen in der deutschen Vergangenheit : mit 130 Abbildungen und Beilagen nach Originalen aus dem fünfzehnten bis achtzehnten Jahrhundert. Verlag Diederichs, Leipzig 1901. Holzschnitt aus: Brunschwig, Chirurgia. Straßburg, Grüninger, 1497. Hain 4017.

Verwaltung der Universitäten

Die mittelalterliche Universität unterschied sich stark von der heutigen. Sie wies nicht nur die Teilung in Fakultäten der Artisten (facultas artium liberalium, heute philosophische Fakultät), Mediziner, Juristen und Theologen auf, sondern auch noch eine Unterscheidung in vier Nationen (bspw. In Paris), die dem Zweck einer besseren Verwaltung diente. Eine solche Ordnung gab es bspw. an der Hochschule in Prag, wo in böhmische, polnische, bayrische und sächsische Nationen unterschieden wurde. Ähnlich war es in Wien und Leipzig.

Das Studium

Die Fakultät der Artisten war die Grundlage für die übrigen Fakultäten: ihr musste jeder angehört haben, der in die drei höheren eintreten wollte. Ein Gegensatz zwischen Lehrern und Studenten, wie wir ihn heute kennen, war nicht so stark vorhanden. Der Student begann durch lernend seine wissenschaftliche Laufbahn. Lernend und lehrend setzte er sie fort; und lehrend schloss er sie ab, um in der Regel das praktische Leben in einem geistlichen Amt fortzusetzen.

Er hatte nämlich als Scholar zuerst an der Artistenfakultät, die etwa die Stellung des heutigen Gymnasiums besaß, zu studieren begonnen. Dabei vertraute er sich der Leitung eines Magisters an. Nach zwei Jahren konnte er die erste Prüfung ablegen und zwar in der Logik, Grammatik und Rhetorik. Er erlangte den Grad des baccalarius, das in etwa mit der Würde eines Gesellen vergleichbar war. Es lag nun an ihm, seine Kenntnisse zu erweitern, insbesondere in Philosophie, Mathematik, Physik und Astronomie, auf dass er nach nochmaligem Ablauf von zwei Jahren „Magister artium“, d. h. Meister, werden sollte. Hatte er darauf zwei Jahre als Lehrer an der Universität gelehrt, so stand es ihm frei, in die Heimat zurückzukehren oder in der gleichen Weise sich der Medizin, den Rechten oder der Theologie zu widmen. Während des Studiums dieser höheren Künste blieb der junge Gelehrte Magister in der Artistenfakultät; aus ihr schied er erst aus, wenn er Doktor in einer anderen Wissenschaft geworden war.

Die Unterkunft

Für die Unterkunft und den Unterhalt der Studenten sorgte der Magister, den sie sich als Führer auswählten. Ihm stand eine Wohnung in den Universitätshäusern selbst zur Verfügung oder er mietete Räume, in denen eine Reihe von Scholaren gegen Entgelt aufgenommen wurde. Eine solche Vereinigung hieß Bursa. Die Anzahl der Mitglieder, der Bursarier (daher der Name Burschen), scheint nicht über zwölf gelegen zu haben. Die armen Studierenden verweilten auch in großen Kollegien, in denen sich gleichzeitig Säle für die Vorlesungen befanden. Das erste dieser Art war die vom Kanonikus Robert um 1257 gegründete Sorbonne in Paris. Ähnliche Einrichtungen haben sich in England in dieser Weise noch bis ins 20. Jahrhundert erhalten. Da die Universitätslehrer meistens in ehelosem Stand lebten, war das Zusammensein mit den Scholaren sehr ungezwungen. Diese bezogen in der Regel frühzeitig, mit 15 oder 16, die Hochschule. Ihr Nutzen leuchtete bald Jedem so ein, dass viele Freunde der Wissenschaft sie sogar finanziell unterstützten.

Stipendien

Im Jahre 1278 stiftete ein Bischof von Avignon sechs Stipendien für drei junge Kanoniker seiner Domkirche und für drei Weltpriester seines Bistums, damit sie fünf Jahre lang Recht in Bologna studieren könnten. Als einige Stipendiaten mehrere Stipendien gleichzeitig an sich reißen wollten und die Sache öffentlich zur Sprache kam, erklärte die Universität in Paris den Besitz zweier Stipendien für sündhaft, wenn eines derselben jährlich 15 Livres eintrage, da eine solche Summe ja ausreiche, selbst einen Doktor der Theologie standesgemäß zu ernähren. So ungeheuer ist seit der Vermehrung der Edelmetalle der Wert des Geldes bis zu unseren Zeiten gefallen.

Teure Bücher

Nur die Bücher kosteten damals große Summen. Als der Kaiser für die Universität in Prag aus dem Nachlass eines Stiftsherrn 114 Bände ankaufte, zahlte er dafür 100 Mark Silber und das galt als ein günstiger Kauf. In Italien verkaufte jemand um dieselbe Zeit in ganzes Landgut für 110 Goldkronen und kaufte sich für dieses Geld das Geschichtswerk des römischen Schriftstellers Livius. Noch mehr als diesen Preis ließ sich im Jahre 1471 die medizinische Fakultät in Paris von dem König Frankreichs zum Pfand geben, als dieser von ihr ein wichtiges Werk zum Abschreiben borgen wollte. Privatleute durften also an die Anschaffung einer Bibliothek gar nicht denken. Die Buchhändler in Bologna und Paris hatten ständig eine große Menge Abschreiber im Gold, und doch bestand ihr ganzer Laden höchstens aus 100 Büchern; und in diesen steckte ein ansehnliches Kapital. Man kann sich denken, mit welchem Entzücken später die Erfindung der Buchdruckerkunst aufgenommen worden sein mag.

Deutschlands älteste Universitäten

Außer den schon erwähnten Universitäten von Bologna, Paris, Salerno und Oxford entstanden im Mittelalter ähnliche Hochschulen in zahlreichen Städten über ganz Europa verteilt. Die ersten deutschen Hochschulen wurden in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts gestiftet. Damit sind gemeint: Heidelberg (1385), Köln (1388), Erfurt (1389), Leipzig (1409) und Rostock (1419). Sie hatten alle Paris als Vorbild. Fast 100 Jahre später, als Karl IV. in der Hauptstadt Böhmens eine Universität ins Leben gerufen hatte, folgte eine zweite Zeit der Gründungen: Greifswald (1456), Freiburg (1457), Ingolstadt (1472), Trier (1473), Mainz (1477), Tübingen (1477), Wittenberg (1502) und Frankfurt a. D. (1506).

Quellen:

  • Annegarn, Josef (Hrsg.); Enck, Dr. August; Huyskens, Dr. Victor. Annegarns Weltgeschichte in 8 Bänden. 9. Auflage. 5. Band: Geschichte des Mittelalters 2. Teil. Münster I. W.: Verlag der Theissingschen Buchhandlung, 1904.

One Comment:

  1. Ich glaube in Oxford gab es auch eine

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