Technik im Mittelalter

Ähnlich wie das gesamte Wesen der Wissenschaften steht auch die Technik zu Beginn des Mittelalters auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe als noch zuvor in der Antike. Sie war sozusagen an das Schicksal der Wissenschaften gebunden und wurde von deren Niedergang während den Wirren der Völkerwanderungszeit mitgerissen. Dennoch konnte sich die Technik anhand des wissenschaftlichen Kenntnissstandes frei entfalten, indem sie die technischen Bedürfnisse der Menschen in Beruf und Wirtschaft befriedigen konnte. Und in diesem Sinne war sie sehr wertvoll.
Jedoch wurde die Weiterentwicklung der Technik durch den Stillstand der wissenschaftlichen Forschung im Frühmittelalter stark eingeschränkt. Erst viel später im Mittelalter gab es weitere technische Entwicklungen und Erfindungen.

Die Winde

Die Baukunst war eine der auffallendsten Ausdrucksweisen technischer Entwicklung, denn bspw. die wunderbaren gotischen Dome mit ihren spitzen Fensterbögen und den in den Himmel ragenden Turmspitzen setzten tiefe Kenntnisse der richtigen Technik voraus.
Der Winkel war für den Baumeister ein wichtiges Werkzeug, das er zusammen mit seinen mathematischen Kenntnissen einsetzen musste. Auch das Windenwerk, das das Baumaterial auf die hohen Mauern beförderte, war eine besonders wichtige technische Unterstützung. Die Winde wurde auch bei Krananlagen verwendet, von denen sich mehrere noch teilweise aus mittelalterlicher Zeit erhalten haben. Auf der Langen Brücke in Danzig wurde bspw. 1410 ein massiver Kran errichtet; dieser diente einerseits zur Befüllung und Entleerung der am Kai liegenden Schiffe und andererseits auch zum Einsetzen und Aufrichten der Schiffsmasten.

Die Mühle

Der Betrieb einer Mühle bot viele weitere Möglichkeiten, technische Lösungen einzusetzen. Und tatsächlich nutzte man schon ab dem Hochmittelalter die Naturkräfte Wasser und Wind, um Wellen anzutreiben und somit bspw. Mahlsteine in Bewegung zu setzen. Die ersten Kraftwerke der Menschheit hatten somit auch in Europa Einzug gehalten und blieben bis zur Industrialisierung auch die einzigen Kraftwerke.

Außer der Windmühle kannte man auch die Wassermühle, die durch ein Räderwerk betrieben wurde, das entweder ins fließende Wasser eingelassen wurde (unterschächtiges Räderwerk) oder das mithilfe von herabfallendem Wasser angetrieben wurde (oberschächtiges Räderwerk).

Die ersten „deutschen“ Mühlen im 13. Jahrhundert wurden zum Mahlen von Getreide genutzt. Im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts dehnte sich die Nutzung auch auf den Antrieb eines Sägeblatts und auf die Papierherstellung aus.

Weitere technische Erfindungen

Paternosterwerk

Eine andere technische Ausnutzung des Wassers wurde durch das Schöpfwerk realisiert, auch Paternosterwerk genannt. Dieses wurde zur Bewässerung von Wiesen eingesetzt. Dabei werden mithilfe einer Radanlage kastenartige Gefäße aus dem Wasser gehoben und in einen Graben geschüttet, von wo es über weitere Gräben auf die zu bewässernden Wiesen geleitet wird.

Räderuhr

Auch wenn sich die technische Wissenschaft anfangs nicht weiterentwickelte, gab es dennoch vereinzelt Weiterentwicklungen und Erfindungen wie bspw. bei der Uhrentechnik. Zusätzlich zu den schon bestehenden Uhrenarten – Sonnenuhr, Sanduhr und Wasseruhr – wurde im späten Mittelalter die Räderuhr erfunden, die mithilfe von Zahnrädern die Zeiger antrieb. Während der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit wurde zusätzlich noch die Taschenuhr erfunden.

Buchdruckerkunst

Die größten Umwälzungen im Geistes- und Wirtschaftsleben hatte wohl die Erfindung der Buchdruckerkunst zur Folge. Bevor Gutenberg die Buchdruckpresse entwickelte, gab es schon einige Vorstufen dieser technischen Neuerung. Dazu gehört bspw. der Druck von Holzschnitten, die anfangs nur aus Bildern und später auch aus kurzen Texten bestanden, die auf Papier gedruckt wurden. Ebenso konnte man durch die sogenannten Blockbücher eine Reihe von Buchseiten mit dem selben Inhalt drucken. Diese sahen den Drucken aus dem Pressdruck sehr ähnlich und konnten anfangs nur einseitig, später aber auch beidseitig Seiten bedrucken. Aber erst Johannes Gutenberg ließ sich von der Technik des Stempel- und Münzenschneidens anregen, um später den entscheidenden Schritt zur Herstellung der metallenen Buchstaben (Lettern) zu tun. Der Vorteil dieser einzelnen Buchstaben war, dass sie immer wieder in jeder möglichen Reihenfolge zusammengesetzt werden konnten, um alle möglichen Texte zu erstellen – ohne für jede Textseite eigens einen „Stempel“ herzustellen.

Quelle: 

  •  Herre, Paul. Deutsche Kultur des Mittelalters im Bilde. Leipzig: Verlag von Quelle und Meyer, o. J.

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