Handel im Spätmittelalter

Der Donauhandel. Regensburg. Wien. Die übrigen Städte des Donaugebietes. Ulm und Augsburg. Nürnberg. Industrie derselben.

Der Umschwung, der in dem Levantehandel durch die Gründung des lateinischen Kaisertums und teilweise schon früher hervorgerufen wurde, traf den Donauhandel empfindlich, da bisher eine große Anzahl orientalischer Erzeugnisse entweder auf der Wasserstraße oder auf dem Landwege direkt von der Hauptstadt des griechischen Kaisertums waren bezogen worden. Regensburg, der bisherige Vorort der österreichischen und bayrischen Städte, war genötigt, seine Handelsverbindungen auf die benachbarten Länder zu beschränken. Trotz einzelner Begünstigungen, welche die Stadt von deutschen Kaisern und ungarischen und böhmischen Königen erhielt, wurde ihr Handel mit der Zeit von anderen Städten überflügelt. Im 13. Jahrhundert erstreckte sich die Handelstätigkeit von Regensburg nach Österreich, Ungarn, Kärnten, Tirol, Italien, Böhmen und endlich durch Baiern und Schwaben an den Rhein. Während gegen Westen und das Innere Deutschlands Regensburgs Handel sich auf einer ziemlich hohen Stufe behauptete, wurden Wiens Kaufleute Vermittler des Waarenum8atzes zwischen Italien und den unteren Donaugegenden. Auch das Emporblühen Ulms, Augsburgs und anderer Städte beschränkte das regensburgische Handelsgebiet.

Unter den übrigen Handelsstädten dieser Gegenden sind die in dem Gebiete der obern Donau liegenden Orte Ulm, Augsburg, Memmingen und Kempten zu nennen, welche als Vermittler des italienisch-deutschen Handels hervorragendere Bedeutung gewinnen, während sie bisher auf den Märkten von Enns und Wien die orientalischen Waren geholt hatten. Die Handelsverbindungen dieser Städte, vorzüglich Ulms und Augsburgs dehnten sich nach Baiern, Österreich, Böhmen, Polen, Ungarn, nach der Wallachei und Bulgarei aus, wohin Kürschnerwaren, Barchent, Leinwand, oberländischer Wein verfuhrt und als Rückfracht Stahl, Eisen, Wein, Ochsenhäute und Salz aufgenommen wurde. Ulm und Augsburg standen mit einander in innigen Handelsbeziehungen. Seit dem 13. Jahrhundert verkehrten diese Städte auch direkt mit Italien; und schon im 14. Jahrhundert waren die Märkte von Venedig und Genua von Kaufleuten derselben zahlreich besucht. Mit dem Handel nach Italien stand der nach Tirol in Verbindung, da eine der drei dahin führenden Straßen über Tirol ging. Bozen war hier der Hauptmarkt. Der Verkehr mit Venedig wurde von König Albrecht begünstigt, der einige Zölle, welche den Handel bisher erschwert, abschaffte. Schon der Transithandel nach Venedig brachte regen Verkehr nach Ulm und Augsburg; die Kaufleute aus Flandern und Brabant, aus den Rheingegenden u. s. w. berührten auf ihrer Reise nach Italien die genannten Orte. Die Handelslinien erstreckten sich nach Oberschwaben, der Schweiz, der Normandie, Champagne, Dauphiné und Katalonien, wo sie eigene Faktoren hielten. Nördlich wurden die Rheingegenden, Holland, die Niederlande und England besucht.

Mit Augsburg und den andern Orten rivalisierte glücklich Nürnberg. Vom Jahre 1062 haben wir die erste Nachricht von dieser Stadt; Heinrich IV. gewährt ihr Marktfreiheit, Zoll- und Münzrecht. Aber erst jm 13. Jahrhunderte nahm die Handelstätigkeit und Betriebsamkeit Nürnbergs einen energischen Aufschwung. Friedrich II. bekräftigt 1219 der Stadt ihre bisherigen Privilegien und verleiht ihr erneute Freiheiten. Im Laufe dieses Jahrhunderts knüpft Nürnberg Handelsverbindungen mit Regensburg und Speyer an, tritt 1256 dem, ein Jahr zuvor gestifteten Rheinbunde bei. Im 14. Jahrhundert zog es jene Verkehrslinien, die es später immer mehr ausprägte und verfolgte. Sehr lebhaft beteiligt sich die Stadt an dem Warenzuge nach Italien, der über Schwaben, Baiern und Tirol ging; im Südwesten besuchten Nürnberger die Märkte von Basel, Solothurn, Bern, Besancon, Lyon; und dehnten ihre Handelsverbindungen nach den Niederlanden und den Hauptstädten von Böhmen, Mähren, Schlesien, Ungarn aus; selbst in Spanien finden wir Nürnberger Händler.

In diesen Städten, Ulm, Augsburg und Nürnberg, war auch ein reger industrieller Geist tätig. Die Weberei in Wolle und Leinen wurde in ausgedehntem Maßstabe betrieben; die Weberherren waren namentlich in Augsburg sehr angesehen, ein deutsches Fürstenhaus ging aus ihnen hervor: die Fugger. Die Färberei wurde in Augsburg schon früh, in Nürnberg seit dem 13. Jahrhundert ausgebildet. Am berühmtesten und gesuchtesten waren jedoch die Metallarbeiten aller Art, die Augsburg und vornehmlich Nürnberg mit großer künstlerischer Vollendung lieferte. Gold-, Silber-, Kupfer-, Eisen- und Holzgerätschaften verfertigte man mit außerordentlicher Geschicklichkeit. Ebenso berühmt waren die Bildhauer und Bildgießer, Goldschläger, Rothschmiede oder Gelbgießer, die Schreiner, Holzdrechsler u. s. w., welche mit ihren Arbeiten die nahen und fernen Märkte überschwemmten. Die industrielle Tätigkeit war hier die Grundlage eines ausgebreiteten Handels, der an Ausdehnung und Intensität alle Binnenstädte der damaligen Zeit übertraf. Die zur Verarbeitung nötigen Naturprodukte holte man aus Tirol, Österreich, Ungarn, Schlesien, Böhmen und Sachsen. „Ein nicht unerheblicher Erwerbszweig war die so genannte Briefmalerei oder das Ausmalen von Bildern in Holzschnitt, abgedruckt auf Blättern in Form der Briefe. Anfänglich waren es lauter Heiligenbilder, später kam die Ausmalung der Blätter zum Kartenspiel hinzu.“ Diese Kunst wurde in Nürnberg mit großer Virtuosität betrieben und die Spielkarten der süddeutschen Städte Nürnberg, Augsburg und Ulm wurden nach Italien geführt.

An die Städte des Donaugebietes schlossen sich, was den Warenzug nach Italien betrifft, die oberalemannischen oder schweizerischen Städte Luzern, Zürich, Bern, Basel, Solothurn und die Bodenseestädte Konstanz, Lindau, Überlingen und Ravensburg an. Auf drei Straßen zog der oberdeutsche Kaufmann nach Italien. Die erste führte von Baiern und Schwaben über die Tiroler Alpen, Füssen und Linsbruck berührend, durch die Klause nach Brixen und Bozen, über Trient und Verona nach der Lombardei. Die beiden anderen Straßen gingen von Mailand durch die schweizerischen Alpen; die eine westlich über den Lago maggiore, von Locarno am nördlichen Ende des Sees über den St. Gotthard, durch das Urserenthal über die Teufelsbrücke in das Schöllenenthal, durch Uri über den Vierwaldstädtersee nach Luzern, von da nach Basel; die andere östlichere Straße zog über den Lago di Como, von Novate und Riva über Chiavenna, Chur, Zürich, Basel; von Chur, wo sich die Straße geteilt, führte ein Nebenarm durch das Rheintal auf dem Flusse hinab an den Bodensee. Die östlichere Schweizer Straße und die Tiroler waren durch Querlinien mit einander verbunden.

Der Handel der oberalemannischen Städte

Hier mögen auch die mit den Donaugebieten in Verbindung stehenden Länder welche heute zur österreichischen Monarchie gehören, ihre Stelle finden. Nach Ungarn trieben vornehmlich Regensburg und Wien ausgedehnten Handel; die Verbindung mit diesem Lande war auch bis ins 13. Jahrhundert in sofern wichtig, als orientalische Waren durch dieses Gebiet nach Regensburg geführt wurden. An diesem Handel nach Ungarn nahmen auch Breslau und Prag teil; Kupfer und andere Metalle wurden aus dem Lande der Magyaren gegen aus Schlesien und der Lausitz eingeführte wollene Tücher exportiert. Hauptplätze des ungarischen Handels waren Pressburg und Ofen. In Ungarn waren es vorzugsweise die dahin verpflanzten deutschen Kolonisten, welche handels- und industrietätig waren. — Siebenbürgen wurde erst seit dem 14. Jahrhundert für den Handel von Bedeutung; Hermannstadt und Kronstadt, von Ludwig dem Großen begünstigt, treten aus der Reihe der Städte hervor. — In den Alpenländern, in Kärnten, Krain und Steiermark wurden die Naturprodukte schon im 12. Jahrhundert ausgebeutet und die Mur- und Draugebiete gewannen, besonders seit der Verkehr mit Venedig viele Kaufleute in diese Gegenden führte. Judenburg hatte schon im 11. Jahrhunderte eine Markt-, Maut- und Zollstätte; im 13. Jahrhundert sind Pettau, Marburg, Grätz, Bruck, Leoben u. s. w. für den Durchfuhrhandel von Wichtigkeit. Bedeutend war der Handel mit Roheisen; die Landesherren und die geistlichen Saalherren waren gleichmäßig tätig diesen Handel zu heben und zu erleichtern. — In Böhmen befand sich der Handel bis ins 11. Jahrhundert größtenteils in den Händen der Ausländer; Juden, Deutsche und Italiener machten sich in Prag ansässig und erwarben große Reichtümer. Im folgenden Jahrhundert hoben sich Landwirtschaft und Gewerbe, die deutschen Kolonien waren auch hier nicht ohne Einfluss. Der Bergbau Kuttenberg’s, von dortigen und Prager Familien ausgebeutet, warf im 14. Jahrhundert großen Ertrag ab; Marktgerechtigkeit besaßen in dieser Periode schon viele Städte, deren Einwohner aus Krämern, Handwerkern und Ackerbauern bestanden. Aktiven Handel betrieben böhmische Kaufleute bloß nach Polen und Ungarn; eingeführt wurden viele Industrieerzeugnisse aus Italien und Deutschland. Der organisierende Geist Karl´s IV., seit 1333 Mitregent seines Vaters, war auch auf Hebung der industriellen und merkantilen Tätigkeit bedacht .

Straßen nach Italien. Die Länder des heutigen Österreich. Die sächsischen Städte: Erfurt, Halle, Leipzig. Bamberg und Würzburg. Frankfurt.

Unter den sächsischen Städten treten Erfurt, Halle und Leipzig hervor. Die Erfurter Tuchmacher und Lohgerber lieferten dem Export mannigfache Arbeiten. Der Handel mit Waid, welcher in der Umgebung der Stadt vielfach angebaut wurde, war schon im 14. Jahrhundert ziemlich beträchtlich. Die Stadt war auch ein bedeutender Stapelort für den Durchfuhrhandel, da sie an, der Verkehrstraße von Süddeutschland nach dem nordöstlichen Gebiete lag. Die Thüringischen Lande brachten hierher ihre Naturprodukte, Korn, Holz und Kohlen, um sie dann weiter zu vertreiben. Halle vermittelte den Handel mit dem slawischen Gebiete, der Betrieb seiner Salinen war schwunghaft, die schon früh vorhandenen Salzstraßen erstreckten sich über Torgau in die Lausitz nach Böhmen, über Zeiz in das Vogtland und Franken; auch Seilerarbeiten, Holz- und Eisengerätschaften waren Gegenstände seines Betriebes. Die Handelsbedeutung der Stadt wurde im 15. Jahrhundert durch das benachbarte Leipzig überflügelt, dessen Neujahrsmessen bald von zahlreichen Kaufleuten besucht wurden; die eifrigen Proteste und Klagen Halles am kaiserlichen Hofe konnten auf die Länge den immer mehr zunehmenden Markt Leipzigs nicht unterdrücken.

Bamberg und Würzburg besaßen einen beträchtlichen Zwischenhandel; doch entwickelte sich in letzterer Stadt auch teilweise ein ganz eigenartiger Verkehr. Gewerbe und Handel traten hier früh hervor „und seine Tätigkeit den Donau- und den Rheinhandel zu verbinden und die Mainschifffahrt zu unterhalten, war stets eine lebhafte.“ Die Märkte zu Frankfurt a. M. erlangten erst am Ende des Mittelalters große Bedeutung. Der Platz wird der Mittelpunkt zwischen dem Nordosten und Südwesten, ein Hauptort für den Geldhandel, wo Kaufleute aus den niederländischen Städten, Sachsen, Thüringen, Böhmen, Mähren, Schlesien und Preußen sich einfanden. Die Frankfurter waren dabei wenig selbsttätig; nur an dem Vertriebe der Rhein- und Mainweine nach Brabant haben sie sich in ausgedehnterem Maßstab beteiligt.

Der Verkehr am Rhein. Köln.

Wenden wir uns zu der zweiten vorzüglichsten Hauptwasserstraße Deutschlands, zum Rhein. Seit dem 10. Jahrhundert erblühten hier Handel und Schifffahrt in großartiger Weise; der Verkehr wurde hier im 11. und 12. Jahrhundert, während der Blütezeit des Donauhandels immer reger und schwunghafter. Die Verkehrsgegenstände waren Produkte, weiche die von Natur herrlich ausgestatteten Gefilde an beiden Seiten des Stromes im reichlichen Maße gewährten, Industrieerzeugnisse, welche die betriebsamen Bewohner der Rheinstädte lieferten und levantinische Waren, die einerseits von der Donau anderseits von Marseille und den Champagner Märkten hierher gebracht und dann weiter verführt wurden. — Unter den Städten hatte Straßburg schon in der Karolingerzeit namhafte Privilegien von den Kaisern erhalten; die Straßburger, von den Rheinzöllen befreit, betrieben die Flussschifffahrt bis an die Mündungen des Stroms. Hauptgegenstand ihres Vertriebes war Elsässischer Wein. Im 12. Jahrhundert hatte die Stadt für den Oberrhein jene Bedeutung, welche Köln allmählich für den Niederrhein erlangt hatte. Die Abschaffung des Strandrechtes durch Heinrich IV. kam vorzüglich den Straßburger Kaufleuten zu Statten. Unter den salischen Kaisern, welche das Emporkommen der Städte so sehr begünstigten, nahm der Rheinhandel zu; Mainz erscheint im 11. und 12. Jahrhundert als die glanzvollste Stadt, Köln und Dortmund gewannen an Bedeutung. Die Tuch- und Wollenwebereien machten den hervorragendsten Industriezweig aus, besonders in Worms, Speyer, und Mainz.

Alle diese Städte traten im Laufe des 13. Jahrhunderts hinter Köln zurück, wo sich das städtische Leben in großartiger Weise entfaltete, so dass es an Einwohnerzahl und Handelsbedeutung die erste Rheinstadt genannt werden muss. Schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts erlangte der Handel Kölns jene europäische Bedeutung, welche er bis gegen das Ende des Mittelalters bewahrt hat Die Handelslinien erstreckten sich nach England, Norwegen, Böhmen und Ungarn. Der Hauptmarkt der Kölner war jedoch London, wo sie ein eigenes Haus, die „Gildehalle“, und von den englischen Königen namhafte und ausgedehnte Handelsprivilegien besaßen. Mit außerordentlicher Klugheit und Verschlagenheit suchten sie ihr Monopol zu bewahren. Das Stapelrecht „der eigentliche Ausdruck für Kölns Handelsherrschaft“ wurde von ihnen mit großer Zähigkeit festgehalten. Die Fremden durften zu Tal nur bis Biel nahe unterhalb der Stadt, zu Berg nur bis Rotenkirchen fahren. Dieses Recht, welches die Stadt 1254 vom Erzbischof Konrad erworben, wurde von Karl IV. 1355 bestätigt. Alle dieses Recht Verletzenden sollte jeder Bürger „Hansen“, d. h. mit Rohr und Binsen binden und zur gesetzlichen Strafe ziehen dürfen; „wer den Halm zerriss, verfiel mit Person und Fracht dem Bürger“. Ferner sollten sich fremde Kaufleute nur sechs Wochen in der Stadt aufhalten und alljährlich nur dreimal wiederkommen dürfen. Die freie Schifffahrt der Kölner auf dem Rhein erstreckte sich allgemach bis nach Mainz und Dortrecht. Letzteres verschaffte sich 1299 das Stapelrecht.Hemmend für die Rheinschifffahrt waren die vielen Rheinzölle, welche geistliche und weltliche Herren als einträgliche Geldquelle gleichmäßig ausbeuteten. Auf der Strecke von Mainz bis Köln waren nicht weniger als 13 Zollstätten. Albrecht I. 1298-1308 versuchte wohl eine Aufhebung derselben, allein später wurden die aufgehobenen Rheinzölle wieder aufgerichtet; Wenzel schaffte 1379 und 1380 die widerrechtlich eingeführten Rheinzölle ab, ohne jedoch ganz durchdringen zu können. Die gänzliche Befreiung der Rheinschifffahrt ist heute noch ein zu lösendes Problem.

Quelle:

  • Beer, Dr. Adolf. Allgemeine Geschichte des Welthandels. Erste Abtheilung S. 224-241. Verlag von Wilhelm Braumüller. Wien, 1860.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*