Handel im Hochmittelalter

Der Handel unter den salischen Kaisern. Aufblühen der Städte.

Die glänzende Regierung der salischen Kaiser war dem Emporkommen der Städte ungemein förderlich. Dieses kraftvolle Kaiserhaus hat nicht bloß auf die äußere und innere Gestaltung Deutschlands mächtig eingewirkt, dem deutschen Namen nach allen Seiten hin große Geltung verschafft, auch in den Verkehrsverhältnissen ist ihre Zeit Epochen machend. Das von Konrad II. ursprünglich für Italien erlassene Gesetz der Erblichkeit der niederen Lehen wirkte dort fruchtbringend auf den Ackerbau und war auch nicht ohne Rückwirkung auf Deutschland, indem auch hier der König einzelnen niedern Lehnsträgern ihr Besitztum erblich zusicherte. Im Wendenlande wurde das Deutschtum in Folge vieljähriger blutiger Kriege befestigt, dem Christentum mehr Eingang als bisher verschafft und nach Süden hin ein neues Land, Burgund, dem Reiche eingefügt. Auf dem betretenen Wege schritt Konrad’s großer Nachfolger Heinrich III. fort. Ungarns König musste die deutsche Oberherrlichkeit anerkennen, der Wendenfürst Gottschalk wurde Lehensmann des deutschen Reiches. Die Macht des deutschen Königtums erlangte überdies durch die Besetzung des päpstlichen Thrones ihren Höhepunkt.

Der Handel, dessen Aufschwung seit dem elften Jahrhundert beginnt, bewegte sich in freiem Bahnen. Die Magdeburger Kaufleute erhielten Zollfreiheit im gesamten Reiche, außer zu Köln, Mainz und Bardewik; später erlangten die Quedlinburger ähnliche Vorrechte. Wichtige Märkte wurden allmählich die von Mainz, Köln, Dortmund, Magdeburg, Goslar und Bardewik; ihre Marktordnungen dienten als Muster für anderweitige Verleihungen. Die Rheinstädte, für den Handel ungemein günstig gelegen, zeichneten sich durch ein reges und rühriges Leben aus. Die gesteigerte Tätigkeit, welche sich in den Städten entfaltete, lockte viele Landbewohner an. Die zahlreichen Einwanderungen, zum Teile auch um der drückenden Hörigkeit auf dem Lande zu entgehen, dauerten bis ins 14. Jahrhundert, was die Vergrößerung der Städte zur Folge hatte. Magdeburg, Köln, Frankfurt, Straßburg, Regensburg, Worms und Basel erweiterten den Umfang ihrer Mauern.*)

Der zunehmende Handel war eine Hauptquelle des Reichtums und Wohlstandes. Das Kraft- und Selbstständigkeitsgefühl der Städter erwachte, und das Streben, die Entwickelung einer freien Stadtverfassung, die Emanzipation von der bischöflichen Herrschaft anzubahnen, regte sich… Die politische Mündigkeit der Städte reifte unter jenen unseligen Kämpfen, welche das deutsche Reich während Kaiser Heinrichs IV. Regierungszeit (1056-1106) in zwei große Heerlager spalteten. Die meisten Städte standen auf Seiten des Kaisers gegen seine Hauptfeinde, die Bischöfe, und legten bei jeder Gelegenheit ihre innige Anhänglichkeit und ausdauernde Treue dem. König an den Tag; Worms unter den Rheinstädten, Regensburg unter den Donaustädten obenan. Scharen von Kaufleuten fochten für Heinrich IV; selbst als das gesamte Reich, seinen Sohn Heinrich an der Spitze, sich in offenem Aufstande gegen den Kaiser befand, reichten ihm die Bürger hilfreiche Hand. Die inneren Kämpfe wirkten wohl nachteilig auf den Wohlstand der Städte ein, beschleunigten aber andererseits das Wachstum des Freiheitsmutes, da die Bürger zum Bewusstsein ihrer Kraftfülle gelangten, welche sodann ein selbsttätiges politisches Leben erzeugte. Ihren Einfluss auf die Reichsangelegenheiten zeigten sie bei der Wahl Konrad’s III. (1138), der seine schnelle Anerkennung teilweise den Städten zu danken hatte *).

*) Fichard, Entstehung von Frankfurt S. 25 ff. Ochs. Geschichte von Basel, I. 8. 242 ff. Rathmann, Gesch. von Magdeburg, I. 8. 149 ff. Vrgl. Arnold I. 8. 141 ff.

Der Handel während der Kreuzzüge

Die beginnenden Kreuzfahrten trafen mit diesen Bestrebungen zusammen. Die Donaustädte gewannen gleich beim Beginne derselben; die Flussschifffahrt steigerte sich, die Donau war mit Schiffen bedeckt, die nicht im Stande waren, die Massen der Kreuzfahrer weiter zu befördern. Regensburg wurde um diese Zeit, allmählich die am meisten bevölkerte und wichtigste Stadt Deutschlands. Von hier aus unternahm Konrad III. seinen Kreuzzug (1147), und später Heinrich der Lowe seine Wallfahrt nach Jerusalem, 1172. Regensburg vermittelte den Verkehr zwischen dem Osten und Westen, dem Süden und Norden. Die Blüte dieser Verkehrstätigkeit ist jedoch in eine spätere Zeit zu setzen. Der Warenzug vom Norden nach Süden ging von Kiew und Danzig bis nach Venedig. Trentschin an der Oberwaag war ein Hauptruhepunkt; hier liefen drei Straßen zusammen, aus Preußen, Polen und seit dem 12. Jahrhundert aus Russland; letztere ging wahrscheinlich über Lemberg an die Donau. Regensburger hatten in Kiew Handelshäuser und bezogen auch den von weit und breit besuchten Markt daselbst. Auch den Handel nach Italien vermittelten die Regensburger *). Am Ende des 10. Jahrhunderts waren die nach Italien führenden Straßen schon von zahlreichen deutschen Kaufleuten besucht Der Handelsweg ging anfangs über Aquileja, welches durch seine Safranmärkte berühmt war. Im 12. Jahrhundert scheint auch nach dem Westen ein lebhafter Verkehr stattgefunden zu haben, der sich vielleicht einerseits bis an den Oberrhein und Straßburg ausdehnte, andererseits über Frankfurt an den Niederrhein ging.

Neben Regensburg steht Wien, durch die babenbergischen Herzöge unterstützt, unter den Donaustädten obenan, welches bald mit jenem wetteiferte. Auch Haimburg und Enns, damals zu Steiermark gehörig, besaßen eine Zeit lang selbstständigen Handelsbetrieb. Haimburg wurde von Wien gänzlich überflügelt; der Ostermarkt zu Enns war von vielen Kaufleuten aus Ungarn, Böhmen, Polen, Russland und fast allen deutschen Gebieten besucht. Die Handelsgegenstände waren Getreide, Holzwaren, Obst, Wein, Metalle, Schlachtvieh, Seidenzeuge, Gewürze u. a. m.Seit Wien die bleibende Hofstadt der babenbergischen Herzöge geworden war, wurde es für den Landhandel durch die Ausbeutung seiner für denselben günstigen Lage von hervorragender Bedeutung; Regensburg wurde allmählich verdrängt. Das älteste Stadtrecht Wiens, von Leopold dem Glorreichen 1198 erteilt, enthält einige Verordnungen, welche auf die Hebung des Verkehrs günstig wirkten. Eine Behörde von 24 Bürgern sollte den Handelsverkehr beaufsichtigen, eine andere von 100 Männern „aus allen Gassen, wo die Verständigern wohnten,“ wurde eingesetzt. Zwei aus ihrer Mitte sollten zugegen sein, wenn etwas verkauft, verpfändet oder verschenkt wurde. Der Gebrauch falscher Maße, Gewichte und Ellen wurde bei Geldstrafe verboten. Der wichtige Grenzort Enns erhielt 1212 ein Stadtrecht. Der Monopoliengeist der Bewohner Österreichs rief einige den Verkehr mit Fremden hemmende Beschränkungen hervor. Bei Strafe von zwei Mark Gold war es fremden Kaufleuten „Schwaben“ — wie alle Deutschen jenseits Passau und Regensburg genannt wurden, — verboten über Wien hinaus ihre Waren zu verführen. Auch durften sie sich nur zwei Monate in Wien aufhalten und ihre Waren nur Wiener Bürgern verkaufen. Der Kauf von Gold und Silber wurde verboten. Der günstigen Lage hatte es Wien zu danken, dass der Handel einen fortwährenden Zuwachs erhielt und der Wohlstand immer mehr zunahm. Jedoch bildeten „gemäß den bürgerlichen und polizeilichen Satzungen, weichliche, üppige Sitten, nicht ohne stolzes Selbstgefühl auf ein in Hülle und Fülle ausschießendes Leben; Sorglosigkeit, sinnlich derbe Genusssucht …. den hervorstechenden Charakter des frühesten mittelalterlichen Wiens“*).

‚) In Regensburg war freilich der Bischof ein Anhänger des Kaisers. *
*) Ueber den deutsch-italienischen Verkehr: Erdmannsdorf er, De commercio quod in ter Venetos et Germaniae civitates medio aero intercessit. Leipzig 1858; über Regensburgs Thfitigkeit S. 11. Vgl. Hüllmann, Städtewesen I. S. 347.

Quelle:

  • Beer, Dr. Adolf. Allgemeine Geschichte des Welthandels. Erste Abtheilung S. 224-241. Verlag von Wilhelm Braumüller. Wien, 1860.

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