Handel im Frühmittelalter

Die Bewegungen und Umwälzungen der Völkerwanderung erstickten in weiten Teilen Europas die zaghaften Anfänge der Industrie und des Verkehrs, die sich auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands durch die Berührung mit den Römern entwickelt hatten. Es dauerte noch einige Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis die Unruhen nachließen, sich die inneren Verhältnisse wieder mäßigten und somit mehr Zeit für friedliche Beschäftigungen vorhanden war.

Der Handel bei Wenden und Friesen.

Viel später als in Italien erwachte in Deutschland eine rege industrielle Tätigkeit; nur die Donau- und Rheingegenden machen in gewisser Hinsicht eine Ausnahme. Von einem Handelsverkehr im Innern Deutschland haben wir nur wenige unzusammenhängende Nachrichten, die durchaus nicht genügende Anhaltspunkte bieten, um eine klare Vorstellung zu gewinnen. Die Wendenstämme an der Ostsee werden in den frühen Zeiten des Mittelalters als Schifffahrt- und Handel treibend geschildert. In der Gegend von Wismar lag der obotritische Handelsort Rereg. In den Elbe- und Saalegegenden fand ein Austausch slawischer und deutscher Produkte statt. Die volkswirtschaftliche Tätigkeit Karls bestimmte vom Ausfluss der Elbe bis in die avarische Mark eine Reihe von Orten, welche dem Verkehr mit den Slaven dienen sollten.

In Bardewik verkehrten „Deutsche“ mit Slaven und Avaren; Magdeburg, Schessel (unweit Lüneburg), Erfurt, Halastadt, Forchheim, Bremberg, Regensburg, Lorsch oberhalb der Ennsmündung werden als Haupthandelsorte genannt, wo Deutsche und Slawen ihre Erzeugnisse gegenseitig austauschten. Nach einer kaiserlichen Bestimmung stand der Handelsverkehr dieser Gegenden unter markgräflichem Schutze. Die Deutschen lieferten Linnen- und Wollenwaren, Eisen, Wein für Vieh, Wachs, Häute, Pelze, Bernstein, Spezereien u. s. w. Verkauf und Ausfuhr von Waffen und Harnischen war untersagt. Die meisten der genannten Städte verloren später ihre Bedeutung.

Die Industrietätigkeit der Friesen wird von den Annalisten hervorgehoben; friesische Tücher von weißer, blauer und bunter Farbe werden von Karl als Geschenke ausersehen, die er der Gesandtschaft Harun al Raschid’s mitgab. Die Friesen stellten sich überall ein, wo Verkehr und Austausch stattfand; von allen Deutschen zuerst befahren sie die Nordsee. Im achten Jahrhundert besuchen sie den Markt von St. Denis und York, die Hauptstadt Northumberlands. Ihr vorzüglichster Handelsort war Dorstadt (Wyk te Duerstade).

In den Rheingegenden ging die schon in der Römerzeit kultivierte gewerbliche Tätigkeit nie ganz unter. Mainz, Köln und Straßburg sind in der Merowinger- und Karolingerzeit vielgenannte Orte.

Der Handel zur Karolingerzeit. Die Normannen.

Der Vertrag von Verdun 843 trennte die deutschen Landschaften von deen Frankenreichs; Ludwig der Deutsche ist der Gründer der deutsch-karolingischen Linie, die bis zum Jahre 911 in Deutschland herrschte. Regensburg, „seit der Absetzung Tassilos der Mittelpunkt der fränkischen Verwaltung über Bayern, und zur Zeit der Avaren noch der dauernde Aufenthalt des königlichen Hoflagers,“ nun die Residenz der Könige, um die sich Arnulf besondere Verdienste erwarb, hob sich. Er erweiterte ihre Mauern und siedelte in einem Viertel Kaufleute an, weshalb das Quartier nach ihnen benannt wurde.

Die Donaustädte nahmen schon um diese Zeit einen hübschen Aufschwung; der Verkehr in diesen Gegenden scheint für die damalige Zeit recht lebhaft gewesen zu sein. Die morgenländischen Waren fanden auf der Wasserstraße oder zu Land durch die Vermittlung der Bulgaren und später der Magyaren ihren Weg nach Lorsch, und nach dessen Zerstörung nach Enns und Passau. Die Keime einer gedeihlichen Tätigkeit in den nördlichen Gegenden Deutschlands vernichteten die Normannen, die aus ihrer skandinavischen Heimat hervorbrechend, die englischen, deutschen und westfränkischen Küsten verheerten. Die skandinavischen Seefahrer waren unter verschiedenen Namen bekannt und gefürchtet; in England als Dänen, in Russland als Waräger, in Westfranken als Nordmannen. Hamburg, von Karl dem Großen gegründet, wurde zerstört. Oft verwüsteten sie die Nordküsten Frankreichs, drangen auf der Seine bis nach Paris vor, ihren Weg mit dem Schutte der Städte bezeichnend.

Die schwachen Karolinger erhandelten meist durch Geschenke den Frieden, bis sie endlich genötigt waren, ihnen die Nordküste Frankreichs (die heutige Normandie) abzutreten. In den deutschen Gebieten errang der kriegerische, wackere König Arnulf einen bedeutenden Sieg bei Löwen an der Dyle 891. Kaum waren diese Feinde beseitigt, als neue Gefahr drohte. Die Magyaren drangen in das südliche Deutschland, in die avarische Mark und Baiern ein, schlugen ein deutsches Heer an der Enns 907, und durchstreiften Thüringen und Sachsen. Der schwache Sohn Arnulfs war nicht im Stande, den Feind abzuwehren. Dass bei diesen Zuständen von einer friedlichen Tätigkeit nicht die Rede sein kann, versteht sich von selbst.

Nur wenige Städte, unter ihnen Regensburg, besaßen für die damalige Zeit nicht unbedeutenden Handel. Der Donauhandel wurde mit ziemlicher Lebhaftigkeit betrieben. Als die gesuchteste Ware wird Salz genannt, außerdem auch Trauben, Wachs und Sklaven, welche auf diesem Wege nach Konstantinopel geschafft wurden; doch scheinen die Deutschen weit hinter den Kaufleuten anderer Völker zurückgestanden zu sein. Die Chronisten erwähnen vorzugsweise Wenden und Juden als Kaufleute; letztere scheinen überhaupt im merowingischen und karolingischen Zeitalter den Haupthandel mit orientalischen Waren betrieben zu haben.

Quelle:

  • Beer, Dr. Adolf. Allgemeine Geschichte des Welthandels. Erste Abtheilung S. 224-241. Verlag von Wilhelm Braumüller. Wien, 1860.

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