Bauern im Spätmittelalter

Einführung

Wenige Jahrzehnte nach Neidhart, so ab 1300, war in denselben Gegenden Deutschlands der Idealismus des Rittertums, höfische Sitte und seine Form verloren: Aus einem großen Teil der Edelleute waren Räuber und Wegelagerer geworden. Unaufhörliche und schmerzliche Klagen des besseren Adels bezeugen, wie arg das Treiben der Mehrzahl der Adligen war. Solchen Gesellen gegenüber durfte der Bauer mit Stolz sein Leben als das bessere betrachten, obwohl die Adligen trotzdem noch mehr Rechte hatten.

Inhalt

Wernher der Gärtner

Es war der Anfang einer schweren Zeit, in die der Bauer noch mit dem Gefühl des Wohlstandes und der Kraft trat. In dieser Zeit hat ein fahrender Sänger, Wernher der Gärtner, das Leben der Bauern beschrieben; besonders reich an Charakterzügen ist es ein Zeitgemälde von höchstem Wert und eine Dichtung von großer Schönheit. Leider kann hier der Inhalt nur kurz zusammengefasst werden, aber selbst dieser Auszug gewährt einen überraschenden Einblick in das Leben des Landvolkes um 1240. Das Gedicht „Helmbrecht“ ist von Moriz Haupt nach den Handschriften herausgegeben in Band IV. der Zeitschrift für deutsches Altertum.

Der junge helmbrecht, ein Bauerssohn, kommt durch glückliche Umstände zu einer wertvollen Kappe. Daraufhin träumt er davon, ein Ritter zu werden. Er zieht in die Welt und schließt sich Raubrittern an, die Bauern überfallen. Sie werden von Ordnungshütern gejagt. Am Ende werden alle Kameraden von Helmbrecht getötet, der Vater verleugnet seinen schandvollen Sohn und Helmbrecht stirbt alleine gelassen, bzw. wird ermordet von wütenden Bauern.

So endet die Geschichte vom jungen Helmbrecht, der ein Ritter werden sollte. Und so ungefähr dürfen wir uns Lage und Stimmung der freien Bauern zu Beginn der langen Auflösungsperiode vorstellen, die den Zusammenhang des deutschen Reiches lockerte. In dieser Auflösungsperiode wurde die Hausmacht der großen Fürstengeschlechter gegründet, die Bürgerschaften der ummauerten Städte wurden reich und mächtig, die wilde Zeit der Selbsthilfe fing an und die Städte und der Adel verbrüderten sich frei.

Aufstände der Bauern

Die Wandlungen aber, die der deutsche Bauer von 1250 bis 1500 durchmachte, sind für uns in ihren Einzelheiten nicht mehr genau erkennbar. Die wilden Gewalttaten und der Druck des räuberischen Adels treiben viele Hilfe Suchende in die Städte und Unternehmende in die Fremde. Noch immer ist Gelegenheit, unter dem Kreuzzeichen gegen Slawen, Wenden und Polen zu kämpfen und im Osten der Elbe öffnen sich weite Länder für die Waffen und den Pflug des deutschen Landmanns. Auch in den Geistern arbeitet eine Aufregung. Der neue Despotismus der römischen Päpste und der fanatischen Bettelorden drängt am Rhein die Kartharer, in Niedersachsen die Stedinger bis zum Abfall von der Kirche. Wo die freien Bauern dicht zusammen sitzen und durch die Natur ihres Landes begünstigt werden, erheben sie sich in Waffen gegen den Druck der feudalen Herren. In den Tälern der Schweiz, in den Marschländern der Nordsee erkämpfen die Landgenossen Siege über die gepanzerten Reiter, die noch jetzt zu den glorreichen Erinnerungen desVolkes gehören.

Der deutsche Bauer wird schwächer

Aber im Inneren Deutschlands wird der Bauer unter steigendem Druck, den der Adel und eine entartete Kirche auf ihn ausüben, schwächer, untüchtiger und roher. Immer mächtiger erheben sich über ihn die Burgherren, selbst der alteingesessene Freibauer der Niedersachsen wird tief herabgedrängt von der Ehrenstelle, die er einst über dem ritterlichen Dienstmann hatte. Auch der Städter gewöhnte sich im Gefühl einer höheren Bildung und kunstvolleren Sitte an, den Landmann zu verhöhnen und seine Esslust, plumpe Einfalt und betrügerische Pfiffigkeit mit endlosem Spott zu verhöhnen.

Der Bauer im 15. Jahrhundert wird roher

Und doch war dem Landmann noch im 15. Jahrhundert viel von guter, alter Sitte und einiges von der alten Kraft geblieben. Noch stellt er in seinen Liedern den eigenen Beruf hoch und ist geneigt, mit Laune das unstete Treiben der Anderen zu betrachten. Von drei Schwestern heiratet, in einem bekannten Volkslied, die eine den Edelmann, die andere den Spielmann und die dritte den Bauer; die beiden Schwäger kommen mit ihren Frauen zum Besuch auf den Bauernhof, „da spielte der lustige Spielmann, da tanzte der hungrige Edelmann, da saß der Bauer und lachte.“

Und am Ende des 15. Jahrhunderts schildert das Gedicht eines Städters eine Tanzszene in einem hessischen Dorf mit ähnlichen Bräuchen wie in den Zeiten Neidhart’s, nur wilder und roher. Die stolzen Knechte kommen von verschiedenen Dörfern bewaffnet mit Hellebarden und Spießen unter die Linde zum Tanz, die Parteien sind durch Abzeichen gekennzeichnet, Weiden und Birkenreiser und Hopfenblätter an der Schulter und auf der Mütze, aus dem einen Dorf sind alle vierundzwanzig Knechte in rotes, lundisches Tuch gekleidet, mit gelbem Wams und Hosen. Eine schöne Dirne, beliebte Tänzerin, will nur mit der einen Partei tanzen, so kommt es zu Sticheleien, die Waffen werden gezogen, der Städter wird als Schreiber mit so nachdrücklicher Stachelrede verfolgt, dass er sich den wilden Gesellen durch feige Flucht entzieht.

Die Bauer fangen an, sich gegen die Herren aufzulehnen

Noch war das Leben des Landmanns innerhalb der Dorftore reich an Festen und an poetischen Bräuchen; sein Recht, soweit es nicht durch Gewalt gekreuzt wurde, war ihm heimisch und wertvoll und jede Tätigkeit seines Lebens durch Zusammenkommen und Etikette, durch Repräsentationen und dramatisches Zusammenwirken mit seinen Dorfgenossen befestigt.

Aber bis zum Unerträglichen fühlbar wurde ihm der Druck, unter dem er stand. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts begann er in gewalttätigem Widerstand gegen seine Herren aufzustehen.

Es ist allerdings wahrscheinlich, dass die großen Erschütterungen des europäischen Geldmarktes dazu beitrugen, den Landmann aufzuregen. Das Sinken der Metallwerte seit der Entdeckung von Amerika wurde von den Produzenten zunächst als ein dauerndes Steigen der Getreidepreise empfunden. Dem Bauer wurde jeder Scheffel Getreide, und damit auch seine Arbeit, wertvoller; in demselben Maß erhielt beides für den Grundherrn höhere Bedeutung. Es war natürlich, dass der Bauer eben so sehr an eine Befreiung oder eine Ablösung der Lasten dachte, während das Interesse des Grundherrn wurde, die Dienste zu erhalten oder gar zu steigern.

Die Vorboten der Bauernkriege

Dennoch wird man die große Bewegung nicht vorzugsweise auf solche Ursachen zurückführen. Der Siegesstolz der Schweizer, die die Ritter Burgunds zu Boden geschlagen hatten, das Selbstgefühl der neuen Landsknechte und vor Allem die religiöse Bewegung und die soziale Wendung drangen tief in die Seele des Bauern. Zum ersten Mal wurde seine Lage von den Gebildeten mit Anteilnahme betrachtet. Der Landmann wurde fast plötzlich auch in der Literatur urteilend und mitredend eingeführt. Seine Beschwerden gegen die Geistlichkeit, aber auch gegen die Grundherren, wurden mit viel Geschick in populärer Sprache immer wieder vorgetragen. Wenige Jahre zuvor hatte er bei den Fastnachtspielen der Nürnberger die stehende Rolle eines Tölpels gespielt, jetzt schrieb sogar Hans Sachs Dialoge in herzlichem Mitgefühl mit seiner Lage und die Figur des einfachen, verständigen und arbeitsamen Bauern, des Karsthans, wurde wiederholt in Anspruch genommen, um das gesunde Urteil und den Witz des Volkes gegen die Pfaffen auszudrücken.

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