Das Ritterwesen

Ursprung des Ritterwesens

Der Ursprung des Ritterwesens gehört noch zu dem Sittengemälde jener Zeit. Es entstand unter den Unruhen des Faustrechts und gestaltete sich noch bestimmter durch die Unruhen im elften Jahrhundert.

Mehrere gut denkende Edelleute, die die Greuel, die damals begangen wurden, nicht mehr länger mit ansehen konnten, verbanden sich zum Schutz der öffentlichen Sicherheit; sie gelobten einander, sich aller Verdrängten, besonders der Witwen und Waisen, treulich anzunehmen, den Armen zu helfen, fromm zu sein und niemandem Unrecht zu tun.

Inhalt

Die Aufnahme in den Ritterstand

Der Gedanke, sich auf solche Art der Gottheit wohlgefällig zu machen und den Heiligen nachzuahmen, begeisterte sie bald zu einer schwärmerischen Tapferkeit. Sie glaubten für Gott selbst zu streiten und sahen ihren Bund als etwas Heiliges an. Deswegen wurde auch festgesetzt, dass die Aufnahme in ihre Zunft nicht ohne fromme Feierlichkeiten und andere Zeremonien geschehen sollte. Wer sich wollte zum Ritter schlagen lassen, der musste sich erst durch Fasten, Beichten und Kommunizieren gehörig dazu vorbereiten und eine Nacht in voller Rüstung unter den Waffen verbringen. Man wählte ihm, wie bei der Taufe, einen oder mehrere Paten, lud eine Menge Zeugen zu der Feierlichkeit ein und veranstaltete ein glänzendes Fest.

Der künftige Ritter durfte aber nicht mit am Tisch sitzen. Es wurde ihm ein besonderes, kleines Tischchen gedeckt, an dem er ganz allein saß; auch war ihm nicht vergönnt, während der Mahlzeit zu sprechen oder zu lachen, nicht einmal zu essen. Den Tag darauf führte man ihn in die Kirche. Er hatte das Schwert nicht an der Seite, sondern am Hals hängen. Es wurde erst ein Hochamt gehalten, dann segnet der Priester ihn ein. Er kniete nieder vor demjenigen, der ihn zum Ritter schlagen sollte. Normalerweise tat es ein tapferer Krieger mit drei Schwertschlägen, die er ihm im Namen Gottes, des heiligen Michael und des heiligen Georg auf den Hals gab. Die Vornehmsten unter den anwesenden Gästen schnallten ihm hierauf die Sporne an die Füße und legten ihm den Panzer oder das Panzerhemd, die Arm- und Beinschienen und die Panzerhandschuhe an.

Nun erst begannen die Feste und öfters glänzende Turniere. Noch gewöhnlicher aber wurde der Ritterschlag an den Höfen der Könige bei großen Feierlichkeiten in Gegenwart einer Menge Fürsten, hoher Geistlichen, Ritter und Edelfrauen vorgenommen. War der junge Ritter der Sohn eines Fürsten, so schlug er, um Gebrauch von seinen Rechten zu machen, gleich wieder einige andere zum Ritter.

Die Voraussetzungen, um Ritter werden zu können

Wer den Ritterschlag erlangen wollte, der musste mindestens 21 Jahre alt sein und vorher als Bube und Knappe die Ritterkünste an dem Hof eines Fürsten oder Ritters, fern vom väterlichen Hause, erlernt haben. Bis zum 14. Lebensjahr hießen solche Jünglinge Buben, dann wurden sie Knappen und besorgten als solche die Pferde und die Waffen des Ritters, dem sie dienten; sie wurden seine Stall- und Reitknechte, begleiteten ihn auf seinen Zügen und führten ihm sein Streitross nach, bis sie endlich das Alter erreicht hatten, in dem sie selbst Ritter werden konnten. Früher war es ihnen nicht vergönnt, mit anderen Rittern die Lanze zu brechen.

Die ersten Ritterzünfte bildeten sich wahrscheinlich in Frankreich oder Spanien. Wer darunter aufgenommen werden wollte, der musste von gutem Adel, das heißt, ein Schloss- oder Burgbesitzer oder ein hoher Kronbeamter sein oder von einem solchen abstammen, denn von Adelsbriefen wusste man bis zum 12. Jahrhundert noch nichts. Auch musste ein unbescholtener Ruf vor ihm hergehen.

Das Leben des Ritters

Das Ritterwesen fand großen Beifall. Überall standen die Ritter in hoher Achtung. In ihren Burgen lebten sie wie kleine Könige und als unumschränkte Herren in Pracht, Reichtum, Liebe und heiterem Lebensgenuss. Ritten sie zur Jagd oder zu einer Fehde aus, so zogen sie alle Augen auf sich durch ihre guten Waffen und ihre glänzende Rüstung; hausten sie in ihren Schlössern, so wurde täglich gezecht und geschmaust. Mit dem besten Wein waren ihre großen Humpen bei festlichen Gelagen gefüllt. Man lebte da selig, wie im Himmel. Es wurden im Land Erzählungen und romantische Gesänge von frommen Helden bekannt, die in der weiten Welt umher gezogen waren, Räuber bestraft, Gefangene befreit, Riesen, Helden und Zauberer getötet und eine Menge Wundertaten verrichtet. Von der Art war die Geschichte des fabelhaften Königs Artus mit seinen vielen Rittern, mit denen er nach jedem rühmlichen Abenteuer an einer runden Tafel schmauste und zechte, damit kein Rangstreit unter ihnen entstehen konnte. Auch von Karl dem Großen und seinen zwölf Pairs erzählte man viele ritterliche Taten, die von den jungen Edelleuten mit Entzücken angehört wurden und sie mächtig zur Nacheiferung entflammten.

Noch höher wurde der romantische Geist, der sie belebte, durch die Gelübde und feierlichen Schwüre gestimmt, die ihnen öfters bei ihrer Aufnahme in den Ritterstand die Geistlichkeit abnahm und zu deren Erfüllung sie keine Gefahr scheuen durften. Bald wurden junge schwärmerische Köpfe durch die Kreuzzüge noch mehr begeistert. Gegen die Ungläubigen zu Felde zu ziehen, das heilige Land den Händen der Muselmänner zu entreißen, für Gott und den christlichen Glauben, für Ruhm und Vaterland zu fechten – dieser Gedanke erhob alle Herzen. Man sah den Himmel offen und die Augen aller Heiligen zur Erde auf die Taten gerichtet, die Gott zu Ehren verrichtet werden sollten.

bild 89: Kreuzritter geraten in Hinterhalt

Bild 89: Kreuzritter im heiligen Land geraten in einen Hinterhalt. Man sieht noch den Pfeil in der Brust des vordersten Reiters stecken. Aufgescheucht reiten die Pferde weiter.

In Kriegszeiten führten die Bürger die Waffen. Wenn ein Feind in das Land eindrang, verließen sie ihre Mauern, waren flink hinter seinem Nachtrab her, töteten ihm eine Menge Leute, nahmen seine Wagen, sein Gepäck weg und wenn er mit Macht gegen sie zurückschlug, zogen sie sich in ihre Städte zurück.

Die romantischen Ritter kommen im 13. Jahrhundert auf

Nach den Kreuzzügen, im 13. und 14. Jahrhundert, kamen aus Spanien und Italien neue Erzählungen von anderen Rittern, die in der Welt umher gezogen waren und eine Menge kühner Taten verrichtet hatten, die ihnen von ihren Damen waren aufgetragen worden. Sie kämpften, um ihren Schönen zu gefallen, gegen hundert anderen Rittern, mit Riesen und Feuer speienden Drachen. Man staunte über ihre Abenteuer und brannte vor Verlangen, es ihnen nachzumachen. So gesellte sich nun, bei den neueren Rittern, zu Ruhm und Andacht, auch noch Galanterie. Hier taten sich besonders die französischen Ritter hervor, die sich durch Leichtigkeit, Gewandtheit und feine Sitten vor den Deutschen auszeichneten, die noch größtenteils ihre alte Rohheit und Ungeschliffenheit, aber auch einen höheren Ruhm der Treue, der Tapferkeit und des Glaubens beibehalten hatten.

Wie der Ritter um die Gunst seiner Angebeteten kämpfte

Die Liebe nahm jetzt eine schwärmerische, dichterische Gestalt an. Ehe ein Ritter um ein Fräulein freite, spielte er vorher einen langen Liebesroman mit ihr; sie ließ ihn viele Jahre über ihre Strenge seufzen und stellte seine Treue und Standhaftigkeit auf harte Proben. Er musste auf gefährliche Abenteuer ausgehen, um ihre Gegenliebe zu verdienen und alle anderen Ritter zwingen, zu bekenn, dass sie schöner als deren eigene Liebchen sei.

In dieser Absicht beschenkte sie ihn mit ihrem Bild, das er am Hals trug und mit einem anderen Zeichen ihrer Gunst, einer Leibbinde, einem Federbusch oder einem Band, das ihn an sie erinnern und in Stunden der Gefahr ihm zur Stärkung und Ermunterung dienen sollte. Auch gab sie ihm einen Wahlspruch mit auf den Weg, den er beständig im Mund führte, z. B. „Alles für Liebe und Treue“ usw. Auf solche Art entstanden die so genannten „irrenden Ritter“ und die vielen Romane, in welchen ihre Taten beschrieben sind.

Schlusssatz

Viele hätte man auch „bettelnde Ritter“ nennen können, denn sie zogen bloß in der Welt herum, damit sie auf Ritterburgen, wo sie als Gäste einkehrten oder in reichen Klöstern mit ihrem Ross gefüttert wurden, weil sie ohne Eigentum waren und nicht wussten, wie sie sich anders helfen sollten.

Dieses Ritterwesen dauerte bis zur Erfindung des Schießpulvers und der Feuergewehre, von welcher Zeit an die Kriegskunst eine andere Gestalt annahm. Einige neue Ritterorden aber, die durch die Kreuzzüge entstanden waren, wie z. B. der Malteser- oder Johanniter-Orden und der deutsche Ritterorden, haben sich bis auf unsere Zeiten erhalte.

Quelle:

  • Dr. Georg Ludwig Jerrer: Die Weltgeschichte für Kinder, Band 2, 5. Ausgabe, Nürnberg: Friedrich Campe Verlag, 1833.

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