Die Ritterburg

Einführung Ritterburg

Der Stadtadel in den deutschen Städten hat erst im 13. Jahrhundert angefangen, seine Holz- und Lehmbauten durch Steinbauten zu ersetzen und somit seinen „Höfen“ oder „Gesäßen“ ein stattlicheres Ansehen zu geben. Der Adel auf dem Land dagegen hatte, je nach den Bedürfnissen und Zulassungen seiner Rangstellung und Vermögenslage, schon früher auf die Herstellung möglichst fester Wohnsitze aus Stein geachtet. Selbstverständlich hatten nur Wenige die Möglichkeit, eine Burg erbauen zu lassen, die dann bei reichen, adligen Herrn Hofburgen genannt wurde. Ritterburgen wurden oft vom König oder Kaiser zur Verteidigung des Landes erbaut.

bild 263: eine ritterburg am berghang

Bild 263: Eine Ritterburg, die an einem Steilhang erbaut wurde, um einerseits einen besseren Blick über die umliegende Gegend zu erhalten und um sie andererseits besser verteidigen zu können, indem sie nur aus einer Himmelsrichtung eine Angriffsfläche bietet.

Inhalt

Die Lage der Burg

Den Hauptunterschied in der Anlage von Burgen bestimmte natürlich die Bodenbeschaffenheit. In dem berg- und hügelreichen Mittel- und Süddeutschland wurden demnach viele „Höhenburgen“ erbaut, in den Ebenen und Marschen von Norddeutschland vorwiegend „Wasserburgen“. Bei den Höhenburgen bestand die Bergfähigkeit in der Benutzung von Steilhöhe und Fels, bei den Wasserburgen in der Verwertung von Strom, See oder Moor zu Befestigungszwecken.

bild 264: eine wasserburg im gewässer

Bild 264: Eine Wasserburg, auf die man nur über eine schmale Brücke Zugang findet.

Der Bergfried und soziale Verhältnisse

Zu dieser örtlichen Verschiedenheit der ritterlichen Behausungen gesellte sich eine ebenso beträchtliche soziale Verschiedenheit. Den Kern jeder Burg bildet nämlich ein möglichst massiver Wartturm, der Bergfried (Berchfrit, Berfredus), so genannt, weil er bei Erstürmungsgefahren den Bewohnern eine letzte Zufluchtsstätte bot. Aber während bei vornehmeren Rittersitzen der Bergfried nur ein Teil der Burg war, bestanden andere, einfachere Ritterburgen bloß aus diesem Turm und einer Ringmauer. Das Leben in solchen „Burgställen“ist, vor allem in abgelegeneren Gegenden, das ganze Mittelalter hindurch ärmlich und öde gewesen, kaum unterschiedlich zu dem Dasein der, dem Rittergut, zins- und dienstpflichtigen Bauern.

Im gewöhnlichen Verlauf der Dinge fiel niemals ein Strahl vom Glanz der Romantik in diese engen, finsteren, nur notdürftig ausgestatteten Burgräume, wo die Frauen ein eintöniges, mühsames Dasein fristeten, mit der Sorge für den Haushalt und für die Erziehung der Kinder beladen, während den Burgherren Jagd und Fehde, sowie der Zechverkehr mit den Nachbarn und die Einkehr in gastfreien Klöstern immerhin einige Abwechslung und Zerstreuung boten.

Die Hofburgen

Ganz anders erschien das Rittertum in den „Hofburgen“ oder Pfalzen der großen Barone, der Fürsten, der Fürstbischöfe und Fürstäbte. Selbstverständlich bedingten örtliche Umstände die Grundanlage auch solcher Burgen, wie die Vermögens- und Machtverhältnisse ihrer Besitzer die größere oder geringere Ausdehnung des Bauwerkes, die Kostspieligkeit des Materials und die Abstufungen in der Pracht der inneren Einrichtung. Indessen hatte sich doch ein bestimmter Burgbaustil gebildet, dessen Grundformen immer wiederkehrten. Demzufolge war eine richtige Ritterburg der stattlichen Art so gebaut:

Aufbau einer typischen Ritterburg

Um das ganze Bauwerk herum verlief eine Ringmauer, benannt die „Zingeln“. In diese war das Außentor eingelassen, gewöhnlich von zwei Türmen flankiert und geschützt. Hatte man das Außentor durchschritten, so stand man auf dem „Zwinger“ oder „Zwingelhof“, der auch „Viehhof“ hieß, denn hier befanden sich die Stallungen, die Futtergaden und Getreidespeicher. Hinter dem Zwinger zog sich ein tiefer Graben rings um die eigentliche Burg, zu welcher man mittels einer Zugbrücke – bei Wasserburgen auch mittels einer Fähre gelangte. Jenseits der Brücke war eine Einlasspforte angebracht, die durch Herablassen des Fallgatters gesperrt werden konnte. Die Mauerbekrönung über diesem Tor hieß die „Windberge“, weil dort das zum Aufziehen und Niederlassen der Zugbrücke und des Fallgatters dienende Windewerk verborgen war. Die bedachte Windberge verlängerte sich rechts und links zu einem Söller, der rings um die Burg lief und die „Wehr“ oder die „Letze“ genannt wurde. Hinter dem Zugbrückentor öffnete sich ein freier Platz, der eigentliche Burghof, auch „Ehrenhof“ genannt, mit einem Rasenplatz, mit Blumenbeeten, mit einem Brunnen und mit einer Linde geschmückt, dem Lieblingsbaum unserer Vorfahren, denn sowohl die höfische Kunstdichtung als auch das Volkslied bezeichnen ihn gleichermaßen als Lieblingsbaum. Diesen Hof umschlossen die verschiedenen Burgbauteile. Da waren die Kapelle, die Küche, der Keller, der Bergfried und das „Palas“ (Palais, von lat. palatium).

bild 265: der Ehrenhof einer Hofburg

Bild 265: Der Ehrenhof einer Hofburg. Deutlich zu erkennen ist der prunkvollere Charakter der Gebäude dieser Hofburg, die nicht nur zu Verteidigungszwecken dient.

Das Palas und dessen Einrichtung

Dieses Palas oder „Herrenhaus“ ist die Wohnung der Herrschaft und zugleich der Festraum gewesen. Es enthielt eine große Halle, den Empfangssaal in unserem Sinne, und verschiedene Zimmer, „Kemenaten“. Bei Hochzeiten, d. h. bei Festen – denn jedes Fest hieß bei unseren Ahnen „hohe Zeit“ (Hochzeit) während wir darunter nur noch das Vermählungsfest verstehen, waren die Wände der Halle mit gewobenen Tapeten („Rückelachen“) beschlagen, der Fußboden mit Teppichen belegt und mit Blumen bestreut, auf den längs der Wände stehenden Bänken aber lagen Polster („Kulter“) und Federkissen („Pflumiten“). Die Hausgeräte nahmen selbstverständlich mit dem Fortschritt der Zivilisation an Formen und Zierlichkeit zu. Durchschnittlich ist jedoch auch noch im späteren Mittelalter der Hausrat selbst in reichen Häusern mehr dauerhaft als schmuckhaft aus Hartholz gefertigt gewesen.

Als Prachtstücke fanden sich Lehnsessel, aus Maserholz fein geschnitten und gedrechselt und weich gepolstert. Auch Tische, Stühle, Bänke und Truhen mit reicher Schnitzarbeit fanden sich dort. Das Bett ist im 12. Jahrhundert noch sehr einfach gewesen, wie aus den Bildern des „Hortus deliciarum“ der berühmten Äbtissin von Hohenburg im Elsass, Herrad von Landsbert (gest. 1195), deutlich zu erkennen ist. Das auf vier plumpen Füßen ruhende Bettgestell hat zumeist nur ein Kopfbrett, kein Fußbrett. Das Bett selbst besteht aus einer Matratze, die mit einem weißen oder auch mit einem farbigen Laken umwickelt ist, uns aus einem kleinen viereckigen Kopfkissen. Beim Zubettgehen behielt man das Unterkleid an und deckte sich mit dem Mantel zu. In seinem „Parzival“ hat Wolfram von Eschenbach ein Prachtbett des 13. Jahrhunderts beschrieben. Es bestand aus einer großen, mit Samt überzogenen und mit zwei schneeweißen Leilachen bedeckten Matratze und aus einer kleineren, an das Kopfbrett des Bettgestells gelehnten und mit goldgesticktem Seidenzeug überzogenen Matratze. Auf der letzteren ruhte das mit Linnen bedeckte „Ohrkissen“ und als Decke diente ein mit Hermelin verbrämter Mantel. Genau in demselben Maße, in dem das Bett bequemer und wärmer wurde, vereinfachte sich der Schlafanzug und vom 13. bis ins 15. Jahrhundert gingen Herren und Damen völlig „kleiderbloz“ zu Bett.

Die Kemenate

Abgesehen von der großen Gast- und Festhalle waren die Gelasse in den „Herrenhäusern“ der Burgen zumeist klein, niedrig, mit kalkgetünchten oder mit holzgetäfelten Wänden. Das „Frauenhaus“ oder „Frauenzimmer“ befand sich entweder im Palas selbst oder war an dasselbe angebaut. Der gesamte Raum hieß Kemenate oder auch mittelhochdeutsch „der frouwen heimliche“ und war in mindestens drei Gemächer geteilt: die Werkstatt, wo die Herrin mit dem weiblichen Gesinde die vielfältigen Arbeiten erledigte, worunter auch ihre Pflicht, für die Bekleidung sämtlicher Hausbewohner zu sorgen, fiel. Noch im 12. und 13. Jahrhundert unterzogen selbst fürstliche Frauen sich dieser Pflicht in vollem Umfang, wie man zur Bezeugung im 6. Abenteuer vom Nibelungenlied lesen kann:

„Da ließ der König Gunther seiner Schwester melden, dass er und Sigfried ihr aufwarten wollten. Die Magd empfing die Herren mit Züchten und frug nach ihrem Begehr. Sprach da Gunther: Wir wollen fahren in fremdes Land und bedürfen dazu schmucker Gewänder. Da nahm das edle Königkind die beiden Recken bei den Händen und führte sie zu einem reichen Polstersitz, und als sie da mit ihr saßen, da sagte der König: Vielliebe Schwester, du sollst und helfen. Wir wollen auf Abenteuer fahren nach Brunhilds Land, da müssen wir uns vor der Fraue stattlich sehen lassen. Darum beschafft uns, mir und Sigfried, Dankwart und Hagen, der Anzüge dreierlei, damit wir an Brunhilds Hofe nicht zu schanden werden. Worauf Kriemhild: Ich will für euch tun, was ich kann. Daraufhin nahmen die Herren Urlaub, die schöne Königin aber berief in ihre Kemenate dreißig ihrer Mägde, so zu solchem Werte die wägsten waren. In schneeweiße Seide aus Arabien und in kleegrüne aus Zazamant stickten sie edles Gestein. Mit eigner Hand schnitt die hehre Kriemhild die Gewänder zu, bei deren Fertigung weder Gold noch Hermelin gespart wurde. Binnen sieben Wochen wirkten die waidlichen Jungfrauen das mühsame Werk…“

Die Kleidungsstoffe

Die Kleiderstoffe erfuhren vom 12. Jahrhundert an eine außerordentliche Vermehrung und Verfeinerung; die Einfuhr der Stoffe aus Italien und Spanien, aus Byzanz und Asien spornte auch die einheimische Gewerbetätigkeit an, so dass weiterentwickelt wurde und mehr Wettbewerb aufkam. Beide Geschlechter kleideten sich in Leinwand, Wolle und Seide. Das geschätzteste Linnen war der auf byzantinischen Webstühlen gefertigte Saben. Seidenstoffe von mancherlei Gewebe und Farbe trugen die Namen Pfellel, Baldekin, Siglat, Palmat, Purpur, Zindal. Wollenzeuge waren der Barragan, Brunat, Buderam, Diasper, Fritschal, Kamelot, Scharlach, Sei. Für den sehr starken Verbrauch von Pelzwerk trat der Wildstand unserer Wälder ein, die neben dem Fuchs, Wolf und dem Bären auch der Zobel und Edelmarder durchstreifte, während an den Waldströmen der Biber seine Dörfer baute…

Weiterentwicklung der Ritterburgen

Uns noch einmal flüchtig zum Burgbau zurückwendend, finden wir, dass derselbe erst in der zweiten Hälfte des 14. und im 15. Jahrhundert seine architektonische Vollendung erreichte. In Deutschland gab es viele Hofburgen von großartiger Anlage, künstlerischer Ausführung und reicher Ausstattung. Eine der bedeutendsten war die zwischen 1471 und 1483 erbaute Albrechtsburg zu Meißen. Aber ein verwirklichtes Burgideal und zweifelsohne eine der großartigsten und vollendetsten Bauschöpfungen des Mittelalters überhaupt war das hauptsächlich um 1385 ausgebaute Deutschordensschloss Marienburg in Westpreußen, in dem der Hochmeister seinen fürstlichen Hof hielt, ein eigenartiges Gemisch von Rittertum und Möncherei. Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts fing jedoch die Wohnlichkeit und Behaglichkeit im Innern der Herrenburgen an, der Festigkeit und Stattlichkeit des Äußeren zu entsprechen. War es doch bis dahin selbst für wohlhabende und sogar reiche Leute ein unerschwinglicher Luxus gewesen, Glasfenster anzuschaffen, und zivilisierten sich erst jetzt die ungefügen und unzulänglichen Heizapparate zu Öfen, die sich sehen lassen durften und die Wohnräume behaglich durchwärmen konnten. Ohne gut schließende Glasfenster und ohne gute Öfen ist aber bekanntlich in unserem leidigen, so genannten gemäßigten Klima ein menschenwürdiges Dasein undenkbar.

Schluss

Was auch immer von Seiten der heutigen Lebensgewohnheiten gegen die Behausungen der ritterlich-romantischen Welt auf einer Ritterburg eingewendet werden mag, diese Welt wusste sich darin zu behelfen und sie hat das Leid des Lebens nicht schwerer als wir empfunden, wohl aber die Lust des Lebens unbefangener und frohmütiger genossen als wir. Was die damaligen Menschen zusammen und allen Ausschreitungen zum Trotz gesund erhielt, war der unaustilgbare Familiensinn, der unserem Volk an den gefährlichsten Wendepunkten seiner Geschicke immer wieder aufgeholfen hat. Mit dem Ausgang des Mittelalters und dem vermehrten Aufkommen von Kanonen, gegen die die dicken Burgmauern nicht mehr standhalten konnten, entwickelte sich der Burgenbau wieder zurück bis er schließlich ganz aufgegeben wurde. Heute zeugen nur noch alte Burgen oder deren Ruinen von den längst vergessenen Symbolen des Mittelalters – den Ritterburgen.

Quelle:

  • Johannes Scherr: Germania – 2 Jahrtausende deutsche Kulturgeschichte; Stuttgart: W. Spemann Verlag, 1885.

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