Christentum im Mittelalter

Einführung

Dieser Artikel behandelt die Entstehung des Christentums. Das Christentum entstand zwar vor dem Mittelalter und außerhalb von Deutschland, da es aber im Mittelalter eine besonders einflussreiche Rolle spielte, wollen wir uns sowohl der Entstehung des Christentums vor dem Mittelalter als auch der Entwicklung des Christentums während des Mittelalters widmen. Im ersten Teil wird die Entstehung und die Verbreitung des Christentums beschrieben, noch bevor das Mittelalter beginnt – und zwar von den Vorbereitungen Jesus’ zur Verkündung der christlichen Lehre bis zu den Anfängen des Mönchswesens bis ins Jahr 500.

Inhalt

Grund für die Entstehung des Christentums: Jesus Christus sah, dass die Ausübung der Religion nur Fassade war

Christus sah, dass die Lehrer der Juden nicht wirklich das aus Moses’ Religion lehrten, was die Menschen gut und tugendhaft macht und sie zu frommen Gläubigen erhebt. Er sah stattdessen, dass die Lehrer nur auf die äußere Einhaltung der Zeremonien achteten und den Inhalt der Religion vernachlässigten. Außerdem fand er, dass die Häupter des Volkes, die Pharisäer, Heuchler und Prahler waren. Die Menschen hielten es für sehr fromm, wenn sie zwei Mal pro Woche fasteten und den zehnten Teil ihrer Einkünfte an die Armen abgaben; sie beteten laut auf den Straßen und in den Tempeln, nur um fromm zu erscheinen. Aber sie hielten nicht viel davon, die Allmacht Gottes, seine Weisheit und seine Güte in seiner Schöpfung, zu erkennen und zu bewundern. Sie taten nicht in allen Fällen das, was recht war und gaben sich ihren Lüsten und Begierden hin.

Das schmerzte unseren Heiland Jesus Christus und er beschloss, zu versuchen, seine Volksgenossen von ihrem leeren, eitlen Tun abzubringen und sie zum frommen Vertrauen auf Gottes Vatergüte hinzuführen (Matth. 6. v. 24 – 34.), zu der reinen, uneigennützigen Menschenliebe, die ihn beseelte (Matth. 22. v. 34 – 40.) und zu der Bereitwilligkeit, alles zu opfern und zu tun, was recht ist (Matth. 5. v. 29. 30.). Er sah voraus, dass seine Lehren und die Entstehung des Christentums unter den vornehmen, heuchelnden Pharisäern viele Gegner finden würde, und das noch mehr, weil er nur ein einfacher Zimmermann aus dem verachteten Nazareth war. Daher stärkte er seinen Mut durch strenge Vorbereitungen und festigte seinen Glauben an Gottes weise Vorsehung und Vatergüte durch häufiges Nachdenken in der Einsamkeit. So gestärkt und gefestigt ging er als ein Gesandter Gottes unter sein Volk und pflanzte den Keim für die Entstehung des Christentums.

Jesus‘ Lehre erhält sich bis heute

Seine wunderbaren Taten versammelten Menschen um ihn und seine Lehren wurden gerne gehört. Er kleidete die Lehren meist in Erzählungen und Gleichnisse ein, und noch heute, obwohl schon über 2000 Jahre vergangen sind, schöpfen Millionen von Menschen in allen Gegenden der Erde aus diesen Lehren und Gleichnissen Vertrauen zu Gott; sie lassen sich zur Menschenliebe aufmuntern, warnen vor der Sünde, finden im Unglück trotzdem noch Trost und hoffen auf eine vergeltende Unsterblichkeit nach dem Tod des Leibes. So wunderbar hat Gottes Vorsehung es geleitet, dass die Lehre Jesu, allen Verfolgungen und Verunstaltungen zum Trotz, sich zum Heil der Menschen über zwei Jahrtausende hindurch erhalten hat.

Jesus‘ Apostel verbreiten seine Lehren während der Christenverfolgung

Christus selbst wurde zwar durch die Pharisäer in Jerusalem zum Tode verurteilt, obwohl der römische Statthalter Pilatus (denn Judäa war damals römische Provinz) ihn für unschuldig erklärte, und musste, wie die gewöhnlichen Verbrecher, den schmählichen Tod am Kreuz sterben. Jesus hinterließ aber 12 vertraute Schüler. Diese, gewöhnlich Apostel oder Gesandte genannt, durchzogen Judäa, das Land der Juden, und andere Gegenden außerhalb Judäas und verbreiteten die göttlichen Lehren des gekreuzigten Jesu.

Und obwohl die Juden diese Apostel nicht duldeten und die Christen verfolgten, fanden die Apostel dennoch überall Anhänger und es bildeten sich nach und nach kleine Gemeinden, wo die Apostel sich aufhielten. Außerhalb Palästinas wurde die neue Lehre zuerst besonders durch Paulus verbreitet. Er stiftete Gemeinden in Galatia (eine Landschaft Kleinasiens), in Ephesus (eine berühmte Handelsstadt an der Westküste Kleinasiens), in Philippi (eine Stadt in Mazedonien, wo Brutus, der Mörder des Cäsar, sich getötet hatte), in Korinth und selbst in Rom. Doch waren diese Gemeinden, an die sich noch Briefe von Paulus bis auf unsere Zeit erhalten haben, anfangs sehr klein.

Christenverfolgung: Christen werden als Sekte der Juden angesehen

Zu dieser Zeit verachtete man Juden außerhalb von Palästina, besonders in Griechenland und Rom, weil die Juden dort öfter Auftände machten. Und da man die neuen Christen als eine Sekte der Juden ansah, verachtete man die Chsristen genau so. So kam es, dass Kaiser Nero seine Stadt Rom niederbrennen ließ und behauptete, es seien Christen gewesen. Damit hatte er einen Grund geschaffen, die Christen zu verfolgen und ließ sie mit unmenschlicher Grausamkeit hinrichten. Während der Christenverfolgung nähte man sie in Säcke ein, begoss die Säcke von außen mit Pech und grub sie dann, mit den Füßen voran, wie Pfähle in die Erde. Dann zündete man sie oben an und ließ sie, wie Fackeln, zu nächtlichen Rennspielen leuchten. So ein grausamer Mensch war Nero.

Die Zerstörung Jerusalems

Gerade unter Nero hatten auch die Juden in Palästina aufs Neue einen Aufstand gewagt und es wurde nun beschlossen, mit der strengsten Härte gegen sie vorzugehen. Die Juden aber wehrten sich verzweifelt. Vor einem befestigten Ort, Jotopata, musste das römische Heer sechs Wochen liegen, bevor es ihn erobern konnte. Vierzig Tausend Juden verloren dabei ihr Leben. 40 Juden flohen in eine Höhle und töteten sich lieber selbst, als die angebotene Verzeihung anzunehmen.

Erst einige Jahre später kamen die Römer bis vor Jerusalem. Die Stadt war stark befestigt und mit einer dreifachen Mauer umgeben. Titus, ein menschenfreundlicher, römischer Feldherr, der später einer der besten römischen Kaiser wurde, wollte die Stadt und die Einwohner schonen und bot ihnen seine Verzeihung an. Aber die Juden wollten sich nicht ergeben. Die Belagerung der Stadt Jerusalem fing also an. Jede Zufuhr von Lebensmitteln wurde unterbunden und die Hungersnot in der Stadt stieg so entsetzlich, dass eine Mutter ihr Kind schlachtete und aß. Titus bot erneut Verzeihung an, aber erneut vergebens. Diese Hartnäckigkeit erbitterte ihn und seine Soldaten. Nach einer fünf Monate dauernden Belagerung erstürmten die Römer schließlich, von allgemeiner Wut gereizt, die dreifachen Mauern und ein furchtbares Blutbad begann. Einige Juden flüchteten in einen Tempel und verschanzten sich dort. Selbst in dieser Situation wollten sie sich nicht ergeben. Sie glaubten, ihr Tempel könne gar nicht erobert werden, weil Jehova ihn beschützte. Titus wollte dieses prachtvolle Gebäude erhalten, doch sah er keine andere Möglichkeit, als es anzuzünden, woraufhin der Tempel, die Menschen und die gesamte Stadt in Feuer aufgingen und zu Asche verbrannten.

Mehr als eine Million Juden soll in diesem Krieg ums Leben gekommen sein. Die Gefangenen wurden hart behandelt, ans Kreuz genagelt, wilden Tieren vorgeworfen und die Kinder wurden als Sklaven verkauft. Seitdem hatten die Juden keinen eigenen Staat mehr errichten können, bis im 20. Jahrhundert der Staat Israel erschaffen wurde. Die Nachkommen der damaligen Juden hatten also keinen Staat mehr und verstreuten sich über die ganze Welt.

Durch Märtyrer bekam das Christentum mehr Anhänger

Doch selbst nach ihrer Zerstreuung verhielten sich die Juden nicht ruhig, sondern fingen noch mehrere Aufstände an. Und da man immer noch die Christen für eine jüdische Sekte hielt, trafen alle Verfolgungen, die die Juden züchtigen sollten, auch immer die Christen! Wegen den Christenverfolgungen mussten sie deshalb oft in Höhlen und Gräber flüchten, um ihr Leben zu retten. Manche stellten sich aber auch freiwillig der Obrigkeit zum Tode. Sie erduldeten dann alle Martern, die man sich gegen sie einfallen ließ, mit der größten Standhaftigkeit und erwarben sich dadurch so großes Ansehen bei ihren Mitchristen, dass diese ihren Heldenmut bestaunten und sie unter dem Namen „Märtyrer“ als Heilige verehrten. Selbst auf die Heiden wirkte diese standhafte Ertragung des Todes oft so gewaltig, dass sich am Grab eines Märtyrers Tausende Menschen taufen ließen – trotz der Christenverfolgung – auf die Lehre des gekreuzigten Jesus. Dies begünstigte die Entstehung des Christentums.

Bischöfe werden zum ersten Mal eingesetzt

So vergrößerten sich unter Druck und Verfolgung die Gemeinden der Christen; es wurden mehrere Lehrer nötig, man musste Vorschriften wegen der Kirchengebräuche, der Predigten und des Jugendunterrichtes machen. Um dies zu organisieren, wurden Aufseher benötigt, die mit dem griechischen Namen „Episkopen“ genannt wurden, woraus die deutsche Sprache den Titel „Bischof“ gemacht hat. Solche Bischöfe gab es bald mehrere und so, wie die Dinge liefen, gewannen einige mehr und andere weniger Ansehen.Die mit mehr Ansehen maßten sich dann an, Recht und Gewalt über andere ausüben zu können. Dabei brachten es 4 Bischöfe zu einer gewissen Macht, und zwar die Bischöfe von Rom, Konstantinopel, Alexandrien (in Ägypten) und Antiochien (in Syrien). Diese vier Bischöfe erklärten sich dann aufgrund ihrer Macht als Oberhäupter der gesamten christlichen Kirche und nannten sich ab dann „Patriarchen“ (Erzväter). Trotzdem blieb das Christentum immer noch ein unterdrückter Glaube.

Konstantinische Wende: Das Christentum wird unter Konstantim dem Großen Staatsreligion

Um das Jahr 306 nach Christi Geburt hatte das zerrüttete Römische Reich sechs Kaiser zur gleichen Zeit, von denen der jüngste und schlaueste „Konstantin“ hieß. Seine Pläne, einziger Kaiser zu sein, wurden vom Glück begünstigt: Einer seiner Mitregenten starb, ein anderer wurde hingerichtet, weil er seine Nebenkaiser hatte stürzen wollen. Zwei Nebenkaiser, die sich gegen Konstantin und den mächtigen Licinius verbunden hatten, wurden in der Schlacht geschlagen und getötet. Dann gab es nur noch Licinius und Konstantin als Kaiser. Konstantin siegte über Licinius mit einer List. Er wusste, dass es viele Christen unter der Bevölkerung gab, die sich aber aufgrund ihrer Verfolgungen zurück hielten. Diese wollte er für sich gewinnen. Er erklärte sich also als ein Freund der Christen und gab vor, ihm sei im Traum ein Kreuz mit den Worten erschienen: „In diesem Zeichen wirst du siegen!“ Dadurch gewann er Tausende von Christen für sich, die sich bis dahin verborgen gehalten hatten und für diesen Kaiser kämpfen wollten. So siegte Konstantin nach längerem Kampf und manchem Vergleich, der dazwischen geschlossen wurde, über Licinius, der sich daraufhin ergab und sich Konstantin vor die Füße warf und um sein Leben bettelte. Konstantin versprach ihm die Freiheit, aber schon längst gewohnt, Eide zu brechen, hielt er auch hier nicht sein Wort und ließ Licinius hinrichten. So wurde Konstantin im Jahr 324 der einzige Herrscher, also Kaiser, des römischen Reiches.

Er wollte nicht in Rom wohnen, sondern, um sich durch schöne Gebäude einen Namen zu machen, baute er eine alte Stadt, Byzanz, an der Meerenge, durch die man ins schwarze Meer gelangt, mit einer Pracht aus, die der von Rom gleich kommen sollte. Aus Griechenland und Italien ließ er Kunstwerke in diese neue Stadt bringen und benannte sie ab dann nach seinem Namen in „Konstantinopel“. Da sich andere Städte durch die Pracht ihrer Tempel auszeichneten, sollte seine neue Residenz mit herrlichen Christenkirchen prangen. Und wie sein Hof glänzte, so sollte auch sein Gottesdienst glänzend sein und ab dann sah man die bis dahin armen und demütigen christlichen Lehrer und Bischöfe jetzt in prächtigen Chorröcken; ihre dürftigen Versammlungssäle wurden umgewandelt in prachtvolle Kirchen, die mit Gold, Silber, köstlichen Steinen und Holzarten verziert wurden, die durchräuchert und mit wohlriechenden Wassern besprengt wurden. Die Gemeinden, die sonst in stiller Verborgenheit gelebt haben, hielten jetzt öffentlich feierliche Aufzüge. So wurde das Christentum durch Kaiser Konstantin öffentliche Landesreligion. Konstantin ließ sich erst kurz vor seinem Tod (337) taufen. Seine Nachfolger wollten keine Christen sein und die christlichen Kirchen wurden kurzfristig wieder geschlossen. Trotzdem verlor der alte Götzendienst immer mehr Anhänger und in allen Provinzen des römischen Weltreichs wurde das Christentum die herrschende Religion, besonders ab 400, als alle folgenden Kaiser eifrige Christen waren.

Das Christentum entzweit sich

Leider aber verlor sich seit dieser Zeit allmählich der stille sanfte Geist der Liebe und Demut, den Jesus Christus seinen Jüngern als das Zeichen empfohlen hatte, woran sie einander als seine Anhänger erkennen sollten. Man fing an, über Lehren zu streiten, die Christus nie als Hauptlehren seiner Religion vorgetragen hatte. Sowohl dies als auch das steigende Ansehen und der Rangstreit der Oberbischöfe in Rom und Konstantinopel, die einander keinen Vorzug einräumen wollten, veranlasste schließlich die Spaltung der gesamten Christenheit in zwei verschiedene Kirchen. Die morgenländische christliche Kirche hatte als Oberbischof den Bischof von Konstantinopel und die abendländische christliche Kirche hatte als Oberbischof den Bischof von Rom. Diese Trennung in die „römisch-katholische“ und die „griechisch-orthodoxe“ Kirche besteht noch heute.

Die Entstehung des Mönchswesens

Die Einsiedler (ab ca. 200 n. Chr.)

Eine weitere Erscheinung dieser Zeit ist das Mönchswesen. Eine zu weit ausgedehnte und übertriebene Auslegung der Lehre Christi war, dass man die sinnlichen Begierden in sich töten, die Vernunft über die Lüste des Leibes herrschen lassen und den Geist nur auf die göttliche Lehre und Wahrheit richten müsse. Aus dieser Auslegung heraus wurden zuerst in Ägypten (um 200 nach Christus) einzelne schwärmerische Christen zu dem Entschluss verleitet, allen irdischen Gütern und aller menschlichen Gesellschaft freiwillig zu entsagen, sich in Wüsten und Einöden zu begeben und dort als Einsiedler in stiller Abgeschiedenheit unter Gebet, Fasten, Bußübung und Selbstkasteiung ein beschauliches, gottgeweihtes Leben zu führen. Die Zahl dieser Einsiedler wuchs, je mehr die Macht des Beispiels und der fromme Wahn des Jahrhunderts wirkte; manche Einsiedler lebten wohl selbst in Höhlen und Felsenklüften, in darbender Armut und jeder Witterung ausgesetzt.

Die Einsiedler vereinigten sich

Bald vereinigten sich mehrere Einsiedler zu solchen frommen Zwecken, schieden sich von der Gemeinschaft der Menschen aus, bauten in einsamer Wildnis ihre kleinen, umschirmten Zellen (claustra) nebeneinander und nannten sich Mönche (Monachoi, d. h. einsam Lebende); ihren Vorsteher aber nannten sie nach einem ägyptischen Wort „Abt“ (Vater). Auch Frauen und Jungfrauen folgten diesem Beispiel, traten in solche Vereine zusammen und nannten sich Nonnen (ägyptisch für Mutter). Im vierten Jahrhundert nach Christi Geburt kam das Mönchtum allmählich auch in die Abendländer, zuerst nach Griechenland und Italien, dann auch nach Frankreich, England und Deutschland.

Das Mönchswesen im deutschen Frühmittelalter

Die schweren Kriege, die unaufhörlichen Stürme, Unruhen und harten Schicksale der Völkerwanderung, die ständigen Einfälle wilder Horden in die schönen Länder des südlichen Europas, die immer wieder kehrenden Plünderungen und die daraus entstehende Unsicherheit von jedem Besitz, veranlasste viele, dem unruhigen Weltleben, den Sorgen der Häuslichkeit und überhaupt allem irdischen Hab und Gut zu entsagen, sich hinter die stillen Klostermauern zu flüchten und dort an Gott geweihter Stätte nur für Andacht und himmlische Betrachtung zu leben. Hatten sie hier beim Eintritt das strenge Klostergelübde einmal abgelegt, so war ihnen die Rückkehr in die Welt für immer verschlossen, sie blieben von nun an von Eltern, Schwestern, Brüdern und Freunden für immer geschieden und mussten sich von nun an in all ihrem Tun und Lassen, in Speise und Trank, Fasten und Gebet, in Arbeit und Ruhe, ja selbst im Wachen und Schlafen den strengen Vorschriften ihres Ordens unterwerfen. Die Übertretung der Vorschriften wurde hart bestraft. Ihr Hauptgeschäft bestand in erbaulichen Übungen, in stillem oder lautem Gebet in den Zellen, daneben Arbeit im Garten, im Weinberg oder auf dem Feld und andere Handarbeiten, selbst noch die nächtliche Ruhe wurde vom Klang der Glocke unterbrochen, die wiederum zum Gebet rief. So verfloss ihr Leben denn ziemlich einförmig, unter Andachts- und Bußübungen, unter Fasten und Geißelung.

Mönche bekehrten die Bevölkerung und brachten mildere Sitten

Manche zogen auch von Zeit zu Zeit unter die rohen benachbarten Heiden und versuchten, sie zum Christentum zu bekehren. Durch diese frommen Mönche des Mittelalters sind viele wüste Landschaften und Orte urbar gemacht und der Samen der Religion und milderer Sitten verbreitet worden. Auch unser deutsches Vaterland verdankt ihnen die ersten Keime seiner Bildung und des veredelten Landbaues. Mit unerschütterlichem Mut drangen sie in den folgenden Jahrhunderten in Deutschlands Wälder, unter zahllosen Mühen, Gefahren und Drangsalen stürzten sie den heidnischen Aberglauben, verdrängten die rauen und grausamen Sitten der Vorzeit und gewöhnten das Volk an menschliches Recht und an das göttliche Gesetz.

Die von ihnen gestifteten Klöster wurden die Punkte, von denen das Licht der Religion und einer höheren Sittenbildung ausging und um sie her bauten sich allmählich Ansiedler an. Die Mönche selbst gingen in allem guten Beispiels voran, rotteten Wälder aus, machten Sümpfe und Wildnisse urbar, pflanzten Fruchtbäume und Reben und wurden so für das umwohnende Volk Lehrer und Vorbilder zugleich, bis sie selbst durch Reichtum träge wurden, aller körperlichen Arbeit entsagten und durch den Verfall der alten, strengen Zucht später eine durchgehende Reform nötig machten.

Zustand der Deutschen vor Karl dem Großen

In unserem deutschen Vaterland waren seit dem Jahr 500 die Franken das mächtigste Volk. Sie hatten sich einen großen Teil des westlichen Deutschlands große Teile Frankreichs unterworfen. Diese Vereinigung unter einen Oberhaupt zu einem großen Staat musste natürlich manche Veränderungen in Sitten und Charakter hervorbringen; dennoch blieben die Deutschen ihren alten Sitten viel länger treu, als man es erwarten mochte. Krieg und Jagd waren noch um das Jahr 700 die Hauptbeschäftigungen der Deutschen: für den gestohlenen Jagdhund musste noch doppelt so viel bezahlt werden, wie für eine Kuh oder für ein gutes Pferd; und ein gut abgerichteter Stoßvogel, der einen Kranich fing, stand in gleichem Preis wie ein Pferd.

Doch wurde jetzt allgemeiner schon Ackerbau betrieben: man pflanzte Kraut- und Obstgärten, ja sogar Weinberge; man hatte Scheunen, Kornböden, Keller im Gegensatz zu den alten Deutschen, die ihr Getreide nicht anders zu verwahren wussten, als in Höhlen. Und diese Gebäude bestanden nicht mehr nur aus einer Reihe auf einander gelegter Balken, sondern man fing an, aus Stein und Kalk zu bauen. Ein Wohnhaus, Scheunen und Ställe wurden zusammen mit einem hohen Zaun eingeschlossen und diese Gebäude hießen ein „Hof“. Dachte man zu dem Hof die Felder, Wiesen, Wälder und Seen, so hieß es „Weiler“ (Daher stammen noch Städtenamen wie Rottweil). Aus mehreren Weilern entstand eine Mark. Eine Mark war ein durch ein natürliches Gelände abgegrenztes Gebiet (z. B. ein Tal zwischen Erhöhungen). Aus mehreren Marken entstand ein Gau.

Aus diesen Höfen und Weilern, die weit voneinander entfernt lagen, sind nach und nach unsere Dörfer und Flecken entstanden – und schließlich unsere Städte. Der freie deutsche Mann aber, der sich bloß zum Krieger geboren glaubte, hielt Ackerbau für eine knechtische Arbeit und versuchte, durch Kauf und Raub, Leute zu erhalten, die ihm seine Felder bestellten. Besonders wurden die Kriegsgefangenen dazu benutzt, oft auch Schuldner, die nicht bezahlen konnten; und diese hingen dann ganz von der Willkür ihres Herrn ab. Dies ist der Ursprung der Leibeigenschaft, die einem rauen, kriegerischen Zeitalter angehört und mit Recht jetzt überall in Deutschland aufgehoben ist.

Das Christentum wurde in Deutschland viel durch Bonifacius verbreitet

Die Deutschen an der Donau und am Rhein waren schon früh zur christlichen Religion übergetreten; im übrigen Deutschland herrschten aber noch bis zum Jahr 700 fast allgemein heidnische Gebräuche, Versammlungen in Hainen, Anbetung von Bäumen, Menschenopfer usw. Zwar hatten schon mehrere Abgesandte des römischen Bischofs versucht, unter diesen Heiden die christliche Religion auszubreiten, aber es war ihnen nicht gelungen. 715 aber kam ein englischer Mönch namens Winfried, der das Bekehrungsgeschäft mit großem Eifer trieb und einen großen Teil Deutschlands für die christliche Religion gewann. Anfangs verlief es nicht so glücklich für ihn, denn er begann sein Geschäft oben an der Nordsee bei den störrischen Friesen. Nach und nach aber wurde er zum bekanntesten Bekehrer der Deutschen.

Quelle:

  • G. G. Bredow: Lehrbuch der Weltgeschichte: Umständlichern Erzählungen aus den allg. Weltgesch ab Seite 172; 13. Ausgabe; J. F. Hammerich Verlag, 1852.

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