Die Bibliotheca Palatina

Die Palatina

In der Renaissance war die Bibliotheca Palatina die bedeutendste deutsche Bibliothek mit vielen mittelalterlichen Handschriften und Inkunabeln. Die Gründung der Palatina geht auf Kurfürst Ludwig III. von der Pfalz zurück. Er errichtete somit den Kernbestand der Stiftsbliothek, die sich in den oberen Stockwerken der Heiliggeistkirche in Heidelberg befand. Die exakten Umstände der Gründung mit Anfangsbeständen liegt aber leider etwas im Dunkeln.

schwarz-weiß-Blick auf die Heiliggeistkirche in Heidelberg, wo die Anfangsbestände der Palatina beherbergt wurden.

Blick auf die Heiliggeistkirche in Heidelberg, die die frühe Palatina beherbergte. Fotografie um 1890

Inhalt

Anfängliche Teilung in die eigentliche Universitäts- und in die kurfürstliche Bibliothek

Schon seit den urältesten Zeiten will man eine zweifache Heidelberger Bibliothek unterscheiden: eine kurfürstliche und eine direkt in der Universität. Die kurfürstliche Bibliothek soll etwas später als die Universität entstanden sein, die Universitätsbibliothek gleichzeitig mit der Universität. Aus beiden Bibliotheken entstand dann die Palatina, die später die Zierde der gelehrten Welt geworden ist. Man will den Pfalzgrafen Rupert I. oder Kurfürst Ludwig III. von der Pfalz als ihren Gründer nennen. Für Rupert I. sprechen die Beweise in der Vorrede zu L. G. Mieg’s und D. Nebel’s Monument "piet et litteraria". Es ist in der Tat wahrscheinlich, dass Ruprecht seiner besonders geliebten Tochter einen so seltenen Besitz, wie Bücher damals waren, als Ausstattung mitgab; aber die neuere Forschung spricht eher für Kurfürst Ludwig III. (siehe Wikipedia). Historische Gewissheit hierüber besteht leider nicht.

Ihr Wachstum durch Schenkungen und Ankauf

Dagegen ist es aus einem alten "Calendarium Academiae Heidelberg" erwiesen, dass die Hohe Schule schon vier Jahre nach ihrer Stiftung, im Jahr 1390, die ganze Büchersammlung des nicht unbekannten Conrad von Geylnhausen, teils durch dessen Vermächtnis, teils durch Kauf erworben hatte. Conrad von Geylnhausen war Kanzler der Universität; diese Würde hatte damals statutenmäßig jederzeit der Domprobst von Worms inne. Aber kaum jemand würde jetzt über die Heidelberger Bibliothek Worte verlieren, wenn ihr Inhalt aus dem ersten bekannten Erwerb gleich geblieben wäre. Sie wuchs also weiter.

Theologischer Dunst, scholastischer Schwulst und kanonisch-papistischer Kram; Siehe da den Inhalt der Erbschaft! Umsonst würde man nach einem Klassiker oder einem Chronographen des Mittelalters fragen. Die zweite, bedeutendere Erwerbung geschah 1396. Marsilius von Inghen, der erste Rektor der Hohen Schule war ein Licht seines dunklen Zeitalters und vermachte seine sämtlichen Bücher der neuen heidelberger Universität.

Von nun an kam das Bücher-Vermächtnis nach Heidelberg ordentlich in Schwung und nach Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts schenkten Johann von Munzinger, Heinrich von Gouda, Johann van Noet, Niklas Prowin, Gerhard Emdissa, ein Cantor Colin vom Kollegiat-Stift St. Paul in Worms *) und Walther Store der neuen Hohen Schule eine große Anzahl Bücher, Fakultätswissenschaften, Scholastik und zum kleineren Teil auch Klassiker.

*) Er schenkte unter anderem einen Pergament-Kodex "Senecae ludus de morte Claudii", der zuerst in Deutschland aufgefunden und wahrscheinlich nach der Heidelberger Handschrift in Basel herausgegeben wurde. Seneka’s Spottschrift auf den Tod des elenden Kaisers Claudius ist auch unter dem Namen Apocolocyntosis bekannt.

Hieraus, also was von Anfang an geschenkt wurde, und aus dem, was vom akademischen Senat im Lauf der ersten Jahre angeschafft wurde, bildete sich ein Büchervorrat, der im ersten Teil der noch vorhandenen alten Universitäts-Matrikel auf siebenhundert geschriebene Bände angegeben und verzeichnet ist. Der Katalog ist jedoch nach damaligem, einfachen Wesen und unwissenschaftlichem Geist mit großer Nachlässigkeit, oft mit unvollständiger Anzeige der Titel, oft mit falschen Titeln gefertigt. So z. B. heißt es darin: "Textas poeticus in pergameno textus Graecistae in pergameno cum Asseribus ligatus; biblia bona et magna" und dergleichen mehr. Dies war der Bestand der alten, ersten Universitäts-Bibliothek und wir werfen nun den Blick auf die von den Pfalzgrafen gestiftete Bibliothek.

Entstehung der kurf. Bibliothek unter ludwig III., und deren Aufstellung im Stifte zum h. Geiste, als sie dem Gebrauch der Universität gewidmet ward. 1421 – 1438

Was Ludwig in seiner "Germania Princeps L. 5. C. t." behauptet, dass der römische König Ruprecht schon aus Griechenland und Rom die vortrefflichsten Manuskripte habe kommen lassen, und dass er hiermit den Grund dieser Sammlung gelegt habe, ist ohne hinreichende historische Beweise. Mit besserem Grund gilt als Stifter der Kurfürst Ludwig der Bärtige. Ein Zwiegespräch mit dem in besserem Jugendunterricht gebildeten Kaiser Sigmund, das über den Wert der Wissenschaften sich verbreitete, befeuerte den kräftigen Pfalzgrafen, der in dem auf körperliche Ausbildung allein bedachten deutschen Ritterwesen seiner Zeit erzogen, schon zu späteren Jahren gekommen war, so sehr, dass er zur Stunde Latein zu lernen begann und mit großer Gier nach dem Erwerb von Büchern strebte. Noch ist das vollständige Verzeichnis seiner Sammlung vorhanden, wie es Kremer in einer Urkunde im I. B. S. 406 der Akten der pfälzischen Akademie der Wissenschaften gab und es zeigt freilich, wie schwach dieser Anfang war. Nicht ein einziger Grieche oder Römer befindet sich darunter; aber eine Menge Bibelglossatoren, theologisch-scholastische Werke, einige Schriften von Galenus und einige Kirchenväter. *)

*) Genauer angegeben bestand diese Büchersammlung aus 89 theologischen, 7 kanonischen, 5 juristischen, 45 medizinischen, 6 astronomischen und philosophischen Werken, was man von den drei letztgenannten Scienzen damals so betitelte.

Wer wollte es aber dem biederen und eifrigen Kurfürsten nicht danken, dass er, was ihm der Geist der Zeit als echtes Gold verkaufte, alle seine im Schloss Jettenbühl oberhalb des neueren Schlosses Heidelberg aufbewahrten Bücher, 152 an der Zahl, wieder im Jahr 1421 als Beweis seiner Liebe für seine hohe Schule, dem Heilig-Geist-Stift in der Stadt vorzüglich zum Nutzen und Gebrauch der Universtiät vermachte? Dort sollten die Bücher nach seinem Tod aufgestellt werden. Nur eine Bibel und ein Psalterbuch, die er sich beide in Paris einst kaufte, nahm er von der Schenkung aus. Der Vormund, Pfalzgraf Otto von Mosbach, erfüllte das Legat gewissenhaft und im Jahr 1438 geschah, was Ludwig verordnet hatte. *)

*) Es ist ein Versehen, dass P. Wundt in seiner Geschichte von Heidelberg 1. Band S. 235 das Jahr 1436 angibt, Kurfürst Ludwig starb erst 1437.

Bau eines eigenen Bibliothek-Gebäudes, für die Universitätsbibliothek 1443.

Mit Recht nimmt man an, dass von diesem Zeitpunkt die Stiftskirche zum Heiligen Geist der Bibliothek zum Aufenthalt gedient habe. Aber immer noch blieb die eigentliche, alte Universitätsbibliothek davon getrennt, so sehr, dass beim allmählichen Anwachsen der Universitäts-Bibliothek die Universität im Jahr 1438 den Beschluss fasste, ein Bibliotheksgebäude zu errichten. Der Bau wurde auch 1443 wirklich im akademischen Garten, wo später die Burse errichtet wurde, vollendet und dort die akademische Büchersammlung in einer oberen und einer unteren Kammer aufbewahrt. *)

*) Nach Wundt’s Bemerkung in seinem Beitrag zur Geschichte der Universität Heidelberg 1786 S. 136 erhellt aus der unten näher zu erwähnenden Reformation der Universität von Kurfürst Otto Heinrich von 1558, dass die Universitätsbibliothek in der Burse, die den Namen "Contubernium majus seu princips" trug, oberhalb des Prytaheums aufbewahrt worden, so wie das Gebäude Lucä im europäischen Helikon beschreibt.

In der unteren befanden sich die Bücher, über die so genannten freien Künste, alle anderen enthielt die obere Kammer. Ob man damit wohl auch eine Rangordnung andeuten wollte? Währenddessen erhielt unter dem Rektor Niklas von Wachenheim die Fakultät der Künste auch die Schlüssel zur oberen Kammer, für alle ihre Doktoren und Magister, die in einer der höheren Fakultäten den Grad des licentiaten oder Baecalaureus erworben hatten. Es sei denn, dass sie unordentlichen Wandels wären. Alle, die Zutritt erhielten, mussten einen Eid ablegen, nie vor einem Dritten aus der Bibliothek zu gehen, den sie hineingeführt hatten, sondern hinter ihm die Türen sorgfältig zu schließen, niemand die Schlüssel anzuvertrauen und wenn sie auf ein Jahr die Universität verließen, die Schlüssel dem Rektor zu überliefern. Seit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts war also die Universität im Besitz einer doppelten Bibliothek, die an zwei verschiedenen Orten aufbewahrt wurde.

Der Gebrauch der Handschriften war indessen durch das Testament Kurfürst Ludwigs III. so viel seine Schenkung anging, sehr beengt; denn er hatte in seinem Testament verordnet, es solle an niemand ein Codex aus der Bibliothek geliehen werden, es sei denn einem Pfalzgrafen und auch diesem nicht länger als einen Monat. Und mit einer für jene Zeit so gewissenhaften Strenge wurde von Seiten der Universität auf der Klausel bestanden, dass, als Kurfürst Philipp einen kleinen Band Schriften aus derHeilig-Geist-Bibliothek geliehen haben wollte, sich die Väter der Hohen Schule erst sein Begehren förmlich vortragen ließen und es nur unter der Bedingung, dass es nicht länger als ein Monat wäre, zugestanden. – Der freisinnige, herrliche Kurfürst Friedrich der Siegreiche dehnte indessen diese Benutzung etwas weiter zum Besten der Wissenschaften aus und gestattete die Handschriften auch zum Abschreiben aus der bibliothek mitzuteilen.

Zur Vermehrung der Schenkung selbst war es dem kriegsbeschäftigten Fürsten aber nicht möglich beizutragen *)

*) P. Wundt in seiner Geschichte der Stadt Heidelberg, S. 236, Mannheim 1805, sagt zwar: "Er verschönerte die öffentliche Büchersammlung." Aber er gibt nicht an, womit und wo der Beweis zu finden sei.

Dagegen gewann die eigentliche Universitätsbibliothek zu dieser Zeit teils durch Legate, so z. B. 1448 von dem Speyrer Bürger Diether Sack, vom Licentiaten Johann von Albich (1452), teils durch Kauf (1456) mehrere bedeutende Werke. Die Schriften des heiligen Chrisostomus, Hieronimus und Augustin, mehrere Schriften von Cicero, Quintilian, Seneka’s Tragödien, Virgil’s Werke und einen Kommentar darüber, Lucan, Terentius; ferner einen Valerius, wie das alles höchst dürftig in den Akten der Hohen Schule T. II. und III. angemerkt ist, so dass man z. B. nicht weiß, welcher Valerius eigentlich gemeint sei, ob Valerius Maximus oder Valerius Martial oder ein verloren geglaubter Schriftsteller.

Große Vermehrung der Bibliothek unter Kurfürst Philipp, und Einverleibung der Dalbergischen und der von Rudolph Agrikola 1476 – 1508

Hauptepoche des wachsenden Reichtums macht die Regierung des Kurfürsten Philipp, mit dem schönen Beinamen des Aufrichtigen, eines Fürsten voll reger Liebe für alles, was Kunst und Wissenschaft betraf; denn sein Leben fiel in die Morgenröte der aus Italien nach Deutschland herüber schimmernden klassischen Kultur und sine glückliche Geistesstimmung wurde von zwei Männern genährt und geleitet, die noch jetzt Deutschland mit dankbarem Andenken feiert. Johann von Dalberg, des Kurfürsten Kanzler und in der Folge Bischof von Worms und Rudolph Agricola, der mächtige Erwecker und Beförderer klassischer Studien im damals eisernen und selbst gegen frühere Epochen zurückgesunkenen Deutschland von Kurfürst Philipp und Dalberg höchst geachtet. Beide wirkten zur Blüte der Bibliothek; denn sie vermachten dem Kurfürsten Philipp, alles, was nur in Deutschland, Italien und anderwärts an guten Schriften aufgetrieben werden konnte, sei es auch mit großen Kosten, an sich zu bringen.

Quelle:Albert Friedrich: Geschichte der nach Rom entführten Heidelberger Bibliothek, Karlsruhe: G. Braun Verlag, 1816

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