Kleidung der Männer im Mittelalter

Einführung

Dieser Artikel beschreibt die Kleidung der Männer aller Bevölkerungsschichten im Mittelalter, bzw. im 12. Jahrhundert. Die Bilder zur Beschreibung der Männerkleidung stammen aus dem Werk „Hortus Deliciarium“ von Herrad von Landsperg. Sie war bis 1195 Äbtissin von Hohenburg und hat uns in ihrem Werk zahlreiche farbige Bilder mit detaillierten Darstellungen der Kleidung der Bevölkerung zur damaligen Zeit hinterlassen. Die präzisen Beschreibungen der Kleidung auf den Bildern stammen von Christian Moritz Engelhardt und wurden von uns nachträglich so bearbeitet, dass wir sie auf „deutschland-im-mittelalter.de“ dem breiten Publikum präsentieren können.

Inhalt

Die Beinkleidung der Männer

Ein Hemd wird von den Männern nicht als Kleidung getragen; dagegen eine Art lange, weite Pumphosen von weißer Farbe und vermutlich aus Leinen, die nicht über die Hüften gehen und um die Lenden in einem faltigen Wulst enden. An der Kleidung wird dieser Wulst durch einen innerhalb durchgezogenen Riemen, dessen Enden herab hängen, fest geschnürt.

abb. 1: die strümpfe als kleidung der männer aus "hortus deliciarum"Jedes Hosenbein ist ganz in den Strumpf hinein geschoben; dies zeigt sich deutlich in der Abbildung des Juden, der in der Geschichte des barmherzigen Samariters von Räubern misshandelt und dem die Kleider ausgezogen werden. In der Abbildung eines Besessenen hat dieser die Pumphosen als einzige Bekleidung an; nur ist bei dem Besessenen das Leinenhemd um die Hüften bloß in einen Knoten gestopft.

Die Strümpfe als Bein-Kleidung der Männer reichen bis über die Mitte der Schenkel und sind vorne mit einem Riemen befestigt; an dem Strumpf hält dieser Riemen so, dass er durch einen kleinen Schlitz durch gesteckt und hinten zu einem Knoten zusammen gebunden ist. Die vermutlich aus Wolle gefertigten Strümpfe sind meist rot, doch sieht man auch andere Farben; einer der drei König hat gelbe mit eingewirkten oder gewebten Rosen. So ist dieses Kleidungsstück sehr farbenfroh.

Die Tunika

Die weitere Kleidung des Mannes im Mittelalter besteht aus der ziemlich engen Tunika; sie schließt oben um die Brust und lässt den Hals frei; die Ärmel der Tunika sind eng und reichen bis an die Handknöchel. Ein nicht immer sichtbarer, lederner, bei Fürsten oft roterabb. 2: die tunika als kleidung des mannes nach herrad von landsperg Gürtel oder Riemen zieht die Tunika um die Lenden zusammen. Bei ganz Vornehmen fällt der Unterteil der Tunika bis auf die Fußknöchel, bei weniger Vornehmen bis auf die Waden, bei noch Geringeren fällt die Kleidung nur bis an die Knie. Reisende tragen die Tunika als Kleidung auf den Seiten weit aufgeschlitzt oder auch nur bis an die Knie gleichförmig aufgezogen. Man findet die Tunika in allen Farben, auch gestreift, getüpfelt und geblumt.

Bei Fürsten und Vornehmen Männern ist die Tunika um den Hals, um die Handknöchel sowie in der Mitte der Oberärmel, manchmal auch in der ganzen Mitte des Vorderteils herab und am Rand des Unterteils mit gestickten oder gewirkten, mehr oder weniger breiten, gelben oder bräunlichen Borten (Saum) besetzt, die bei Fürsten hübsche Arabesken (Verzierung; Muster aus Blumen oder Ranken) zieren; bei Geringeren nur kleine Ringe und Tupfen oder sie haben sie haben sie ganz einfach gehalten. Die Bortenstreife der Tunika um die Handknöchel und auch um die Oberarme ist fast durchgängig auch bei armen Leuten vorhanden; auch hat manchmal, aber eher selten, der Unterteil der Tunika einen Ansatz von einer anderen Farbe.

abb. 3: die tunika von männern getragen

Bei der Figur des Kriegers, der rücklings von der Tugendleiter fällt, zeigt sich die Tunika am Unterteil vorne bis zu den Lenden aufgeschnitten. Zugleich ist sie, was auch noch bei einigen anderen Figuren vorkommt, unterhalb rings herum zur Zierde in tiefe Lappen ausgeschnitten. Genau so die Tunika des Waffenträgers des Königs Pharao, die außerdem durch zwei verschiedene Farben (Violet und Grün) der Länge nach in zwei Hälften geteilt wird. Der kranke Sohn des Hauptmanns von Capernaum hat eine Bett-Tunika mit kürzeren, nur den Oberarm bedeckenden, Ärmeln; andere im Bett Liegende haben die gewöhnliche Tunika. Tunika, Strümpfe und Pumphosen bilden die einzige Kleidung der Ärmeren (von den Pumphosen ist nur der als Schürze herab fallende Mittelteil sichtbar, aber nur dann, wenn die Tunika sehr weit nach oben gezogen ist). Ganz Arme haben auch nur die Tunika und höchstens noch Schuhe als komplette Kleidung.

Der Mantel

abb. 4: der mantel des mannes im mittelalterAlle vornehmeren Männer tragen einen Mantel als Kleidung, der gewöhnlich auf der rechten Schulter durch einen breiten Metallknopf zusammengehalten wird. Die rechte Seite des Mantels fällt frei bis an die Waden oder bei weniger Vornehmen über die Waden oder höher; seltener ist der Mantel auch auf der linken Schulter oder vorne auf der Brust befestigt. Der Mantel ist bei Königen und Fürsten meist rot oder grün; doch sieht man ihn auch in anderen Farben, sogar gestreift oder geblumt. Der Mantel der Fürsten, und überhaupt der ganz Vornehmen, hat fast durchgängig ein weiß und bläulich buntes Futter, manchmal ist das Futter auch weiß und gräulich und seltener weiß und bräunlich; am Kragen eines Mantels stehen deutlich Haare hervor, worauf man schließen kann, dass es sich beim Futter um Pelzwerk handelt.

Die Tunika, die Kleidung der Superbia, ist längs den Seiten des Oberteils mit Streifen von Eisenhütlein verziert. Wie kostbar diese Mäntel waren, ergeht unter anderem daraus, dass ein solches Kleidungsstück unter den Gegenständen abgebildet ist, denen zu Liebe der Krieger und das weltliche Frauen von der Tugendleiter fallen. Die Tuniken und Mäntel waren als Kleidung wahrscheinlich aus Wolle, nur einige kostbare, besonders die gestreiften Mäntel, lassen nach der Schattierung einen feineren Stoff, vielleicht Seide oder Samt, für diese Kleidung vermuten.

So findet sich bei den Männern das spätere römische Kostüm, die Ärmel-Tunika neben der Chlamys oder dem Kriegsmantel, noch als herrschende Tracht in dieser Epoche des Mittelalters (12. Jahrhundert), mit nordischer Beinbekleidung gepaart. Noch bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts bestand diese Tracht ohne erhebliche Änderungen; auch im Manessischen Codex findet man sie überall, so wie in vielen anderen Monumenten.

Die Schuhe, Stiefel und Strümpfe der Männer

Die Schuhe als Kleidung sind aus weichem Leder, bei vornehmeren Männern öfters auf der Fußbeuge stark ausgeschnitten, so dass sie sich nur seitwärts gegen die Fußknöchel erheben, gewöhnlich aber reichen die Schuhe rings um den Fußknöchel herauf, indem sie nur vorne oder an der Seite, manchmal auch gar keinen Einschnitt haben. Die Schuhe der Männer werden mit einer gewöhnlich mehrmals herumlaufenden Schnur befestigt oder sind auch manchmal zusammen geschnürt. Gewöhnlich sind die Schuhe schwarz, bei vornehmeren Männern ist dieses Kleidungs-Stück häufig mit weißer Einfassung oder anderen weißen Verzierungen; außerdem erblickt man weiße Schuhe mit schwarzen Verzierungen oder gelben oder roten usw. bei den Männern.

abb. 5: strümpfe der männer im mittelalter

Lederne Stiefel gibt es nur wenige. Ihre Farbe ist rot oder violett. Die Bekleidung der Männer, die Tunika, fällt über die Stiefel, weshalb man nicht erkennen kann, wie hoch sie reichen und wie ihre obere Form beschaffen war.

Die drei Könige und mehrere andere Figuren haben eine Art Reise-Gamaschen aus kreuzweise geflochtenen Tuchstreifen. Eine einzige Figur, einer der Räuber beim barmherzigen Samariter, hat über den langen, roten Strümpfen noch weiße Strümpfe oder eine Art Gamaschen, die bis ans Knie reichen und dort festgebunden sind.

Kopfbedeckung

Als Kleidung hat fast kein Mann eine Kopfbedeckung. Könige und Fürsten haben eine ziemlich breite, ringförmige Krone mit einigen, etwas in die Höhe ragenden Schildern und Verzierungen. Wenige alte Männer tragen eine raue, spitz zulaufende Mütze in rot oder grün als Kopfbedeckung. Vereinzelt sieht man bei Männern eine runde, steife Mütze in Gestalt der Bäckermützen, oben mit einem Knauf.

abb. 5: kopfbedeckungen im mittelalter

Ein Räuber trägt als Kopfbedeckung einen kleinen, runden Hut mit einem kleinen Rand, vielleicht ist es eher eine kleine, eiserne Sturmhaube (siehe Abb. darüber). Nur die Juden haben durchgängig zum Abzeichen weiße Spitzhüte als Kleidungs-Stück; außer da, wo sie in der biblischen Geschichte vorkommen, mit Ausnahme des Mardachai, der diesen Hut auch trägt; dagegen tragen die Juden diese Spitzhüte überall bei der Darstellung des Antichrists, beim jüngsten Gericht und in dem höllischen Kessel.Nur die jüdischen Priester bei allen diesen Darstellungen haben runde, steife, farbige Mützen, oben mit einem Knopf als Kopfbedeckung, ungefähr wie die oben erklärten. So nimmt die Kopfbedeckung bei den Kleidern einen etwas vernachlässigten Platz im Mittelalter, bzw. im 12. Jahrhundert, ein.

Bei der Passions-Geschichte, besonders wo Christus nachts ergriffen wird, haben viele Juden runde Kapuzen, die gleichzeitig Hals und Schultern kragenförmig bedecken.

An Pilatus und Herodes Boten wird ein weißer oder farbiger, runder Kragen rings um die Schultern bemerkt, von dem vorne auf die Brust ein kleiner viereckiger Lappen als ein Überschlag herabhängt.

Die Kleidung der Geistlichen

Unterschied zwischen Geistlichen und Laien

Was die Form angeht, tragen Weltgeistliche Männer und Laien das gleiche, jedoch ist die Tunika der Laien hellblau; bei einem Laien (der von der Tugendleiter stürzt) hat die Tunika auf der Brust einen Einschnitt oder Schlitz, unter dem sich eine Art Kamisol oder Brustlatz befindet, den man sonst nirgends findet. Sonst tragen sie dieselben roten Strümpfe und schwarze, mit Weiß eingelassene, ziemlich ausgeschnittene Schuhe wie Weltliche. Die geschorene Platte auf dem Schädel unterscheidet sie. Als Kleidung bemerkt man keine Mäntel bei ihnen.

Die Kleidung und die Kutte der Mönche

Sonderbar als Kleidung ist die Kutte der Mönche. Vorne läuft nämlich eine doppelte Reihe Öffnungen herab, um die Arme in verschiedenen Höhen durchstrecken zu können; geschieht dies durch die unterste Öffnung der Mönchskutte, so wird zugleich die Kutte dadurch aufgeschürzt. Etwas anders, ungefähr wie die Kasel, ist der Mantel der Äbte. Oben ist eine sehr spitze Kapuze, die über den Kopf gezogen wird. Man sieht grünliche, rötliche und blaue Kutten. Die Tunika als Kleidungsstück darunter ist gelblich oder weißlich. Sie tragen Strümpfe und dicke, schwarze oder violette Schuhe.

abb. 6: die kleidung der mönche im mittelalter

Die Mönche strengerer Orden sind barfuß, haben keine Kutte als Kleidung, sondern einen blauen oder grünlichen Leibrock ohne Ärmel und eine runde, farbige Kapuze, die sich in eine Art Hals und Schultern bedeckenden Kragen verlängert – ungefähr so, wie die oben bemerkte Kapuze, die Juden in der Passions-Geschichte beigelegt ist. Ein Leibrock ohne Ärmel bildet die Bekleidung der Eremiten; noch häufiger sind sie ganz nackt und haben nur eine Schürze an; einige tragen eine Art Strohmatten als Bekleidung, bzw. als Bedeckung.

Die Kleidung des Papstes

Als Kopfbedeckung erkennt man auf dem Haupt des Papstes eine weiße, Zuckerhut förmige Mütze, unterhalb nur mit einem einzigen, einfachen goldenen, oft auch nur gelb bemalten Reif; die Mütze ist aus viereckigen Stücken weißen Stoffs zusammengesetzt. In dem aus Ivo eingerückten, angeblichen Testament Kaiser Konstantins, wodurch dieser dem Papst die kaiserlichen Insignien zuerkennt, heißt es in Ansehung dieses Kopfschmuckes: der Papst habe sich geweigert, die goldene Krone auf die geistliche Krone, die geschorene Scheitelplatte, zu setzen, weswegen ihm vom Kaiser mit seiner Hand das in weißer Farbe, als Symbol der Auferstehung Christi, glänzende Phrygium aufgesetzt worden sei. Über dieses Phrygium fügt Herrad die Erklärung bei, man nenne Phrygium ein kostbares Gewebe aus weißer Seide und Auriphygium dasselbe, wenn Gold darunter gewirkt wäre.

abb. 7: die kleidung des papstes im mittelalterSonst trägt der heilige Vater als Kleidung das weiße Chorhemd, das wie die gewöhnliche Tunika gemacht ist, mit denselben langen, engen, oft um die Handknöchel mit einer Borte gezierten Ärmeln; um den Hals ist lose ein Halstuch gewunden; die Stola hängt über dem Chorhemd und über beides ist die weiße, kürzere, unterhalb auf beiden Seiten etwas aufgeschnittene Dalmatica gezogen mit weiten, nicht viel über die Ellbogen herabgehenden Ärmeln. Auf den Vorderseiten Dalmatica laufen je zwei Purpurstreifen herab; die Dalmatica ist am unteren Rand, manchmal auch längs der vorderen Mitte, mit breiten, goldenen Borten besetzt, von denen auch zwei mit Quasten auf dem linken Ärmel hängen.

Die nächste Kleidung ist die meist rote, ab und zu mal blaue oder grüne Kasel (casula), in Gestalt eines weiten runden Mantels ohne Öffnung für die Arme. Eine Öffnung an dieser Kleidung gibt es aber für den Kopf, so dass, um die Arme aufzuheben, der ganze Unterteil der Kasel mit hinaufgezogen wird und auf den Armen ruhen bleibt. Schließlich hängt über der Kasel noch das Pallium als breites, weißes Band, das über beide Schultern läuft und ein Kreuz bildet. Es ist stellenweise mit kleinen schwarzen Kreuzen besetzt. Weiße, bis an die Fußbeuge reichende Sandalen, bilden die Fußbekleidung ohne Strümpfe.

Die Kleidung der Bischöfe

abb. 8: kleidung der bischöfe im mittelalter

Die Kleidung, und selbst das Pallium der Bischöfe, stimmt in Form und Farbe mit der Kleidung des Papstes überein; der Unterschied besteht nur in der Bischofsmütze, die sich in zwei, nicht sehr hohe dreieckige Spitzen teilt; diese Mütze ist ebenfalls weiß, nach der Beschreibung aus byssus unten mit einem goldenen Reif, von dem sich ein goldenes Band in der Mitte jedes Dreiecks hinaufzieht. Öfter halten die Bischöfe den Krummstab.

Die Kleidung der Krieger

Ritterrüstung

Die Kleidung der Krieger besteht aus einem Panzerhemd aus eisernem Ringgeflecht (Kettenhemd, cotte de maille), mit eben solchen, bis an die Hände fortlaufenden, Ärmeln. Dieses Kettenemd fällt bis auf die Knie, als eine vorne und hinten etwas gespaltene Schürze; am Oberteil ist eine runde, eiserne Kapuze, die über den Hinterkopf gezogen wird, so dass das Gesicht frei bleibt; oder die Kapuze hängt auf die Schultern herab (so bei Goliath’s Figur). Eben so geflochtene Kettenhandschuhe schützen die Hände (Mehrere Figuren zeigen, dass die Kettenhandschuhe nicht mit den Ärmeln zusammenhängen, sondern für sich allein abgezogen werden konnte).

abb. 9: kleidung der ritter bei einer schlacht im mittelalter

Als Kleidung für die Beine werden die auch so geflochtenen, engen, unter der Panzerschürze fortlaufenden Panzerhosen oder Strümpfe verwendet. Man bemerkt gewöhnlich, dass bei dieser Kleidung, den Panzerhosen- oder Strümpfen hinten und an der Fußsohle das Geflecht nicht ununterbrochen fortläuft, sondern in gleicher Entfernung sieht man stellenweise braune Zwischenräume, vermutlich Leder; Entweder wurde das Eisengeflecht so darauf fest genäht oder nur frei darüber gezogen und zusammengeheftet.

Ritterhelme

abb. 10: kettenhemd und helm der ritterDie eisernen Sturmhauben oder Helme sitzen auf der geflochtenen Eisenkapuze und bedecken nur den Oberkopf; am unteren Rand des Helms verläuft ein gelber, vermutlich messingener Ring herum, von dem sich eine einzelne Schiene über Nase und Mund herab zieht; bei einigen geht, statt der Schiene, ein ganzes Blech über das Obergesicht, doch nicht weit unter die Nase herab und mit einem Ausschnitt für die Augen. Auch am Hinterkopf ist eine verlängerte Schiene. Diese Sturmhauben sind entweder zuckerhutförmig zugespitzt, nur oben etwas nach vorne gebogen, oder zylinderförmig und oben abgerundet, immer ohne Federbusch, Rossschweif oder sonstige Verzierung; nur dass bei Fürsten, statt des einfachen Rings, gewöhnlich das Diadem unten herum läuft. Irgendwo trägt ein Fürst die Ringkrone allein auf der Panzerkapuze, ohne Helm.

Helme, die sich über den Hinterkopf und um das Kinn ziehen, mit Visieren kommen noch gar nicht vor, eben so wenig massive Kürasse und Arm- und Beinschienen. Nur bei dem einzigen allegorischen Wundergesicht des Zacharias verrät sich die spätere Hand, die dort Herrads Zeichnung beendete, so wie durch die Schrift, auch dadurch, dass sie den Kriegern nicht die sonst überall vorkommende Rüstung, sondern eine Art Kürasse gibt.

Ritterschilde

abb. 11: das ritterschild im mittelalterDurchgängig bilden die Schilder ein gebogenes Dreieck von solcher Größe, dass sie vom Hals bis an die Mitte der Schienbeine reichen; (nur Goliath ist mit einem kleinen runden Schild dargestellt). Sie teilen sich durch eine scharfe Kante in der Mitte in zwei Hälften, so dass sie dem Krieger fast beide Seiten bedecken, und sie sind an einem, an zwei innerhalb befindlichen Ringen befestigten, breiten Riemen lose um den Hals oder die Schultern gehängt. Gewöhnlich hängen sie nach vorne, zuweilen auch seitwärts oder über den Rücken geworfen. Nur im Augenblick des Kampfes auf Stich oder Hieb sieht man es vom Krieger vorwärts gehalten. Diese Schilde sind beinahe durchgehend einfarbig und ledig, meist rot, grün, weiß oder, eher selten, violett; Hier und dort kommen einfach geteilte, ledige Schilde vor, wenige mit verzierten Quer- und Schräg-Balken, auch eines mit einer Einfassung. Nur auf der mehr erwähnten heterogenen Abbildung nach Zacharias ist ein besamtes und ein mit Kugeln besätes.

Ritterwaffen

Das breite Schlachtschwert hängt in einer um die Lenden gegürteten Kuppel. Diese, so wie die Gürtel der Tuniken und Gurte beim Pferdegeschirr, sind meist so befestigt, dass das eine in zwei schmale Fortsätze auslaufende Ende der Gurte durch einen Schnitt am anderen Ende derselben durchgesteckt und festgebunden ist. Eigentliche Schnallen mit Ringen bemerkt man noch nirgends, wohl aber mehrere mit rohen Schnallendornen festgesteckte Tunikengürtel und Schwertkuppeln.

Neben jedem Fürsten steht der Waffenträger, das Schlachtschwert aufgerichtet, aber in der Scheide mit lose herabhängender Kuppel, in den Armen haltend (Tafel 4)

In den Gefechten führen die Krieger eben dieses ungeheure Schwert, und zwar mit einer Hand. Die anderen gewöhnlichen Waffen sind Lanzen und Wurfspieße. Bogen, Pfeile und Köcher finden sich nur selten; der Köcher gleicht einem oberhalb ausgebogenen steifen Stiefel.

Weitere Dinge der Ritter

Beim Sturm von Dan in Abrahams Geschichte wird die Stadt mit weißen Fackeln angezündet.

abb. 12: ritter tragen kettenhemden bei einer ritterschlacht

Die Pferde der Krieger sind nicht gewappnet.

Fahnen oder Standarten bestehen entweder in einem kleinen Parallelogramm, dessen eine lange Seite an der Fahnenstange befestigt, oder einem ähnlichen längeren, dessen Vorderseite in mehrere kleine Dreiecke ausgeschnitten ist, oder aber in einem langen, schmalen, in zwei Streifen auslaufenden Wimpel.

Das Herrscherzeichen der Könige und Fürsten ist mal ein ganz einfacher, goldener Stab, mal ein Zepter, oberhalb mit drei goldenen Knöpfen oder Blättern.

Der Übergang vom Kettenhemd zur Ritterrüstung

Wenige Unterschiede gab es zwischen der Wappnung der Krieger zu Herrads Zeit und derjenigen hundert Jahre früher, nach der Tapete der Königin Mathildis, Gemahlin Wilhelms des Eroberers. Vollkommen mit Herrads Zeichnung trifft die Rüstung überein, die Montfaucon aus den Zeiten Ludwigs VII. Und Philipp Augusts, der Äbtissin Zeitgenossen mitteilt, nur ist in Herrads Gemälden alles sehr viel deutlicher zu erkennen. Ähnliche Rüstung haben auch die dänischen Krieger in Ios. Strutts Werk über die alten Kostüme in England, bis auf die, in diesen vermutlich unrichtig gezeichnete, Kapuze des Panzerhemdes.

Eben diese Rüstung des Panzerhemdes aus eisernem Ringgeflecht bestand noch das ganze 13. und einen Teil des 14. Jahrhunderts hindurch, wie alle Monumente belehren. Im Manessischen Kodex ist noch keine andere zu sehen; nur die Helmform erlitt große Abänderung, doch waren auch zu dieser Zeit noch keine beweglichen Visiere, dagegen die abenteuerlichsten Helmaufsätze oder Cimiere, und zwar gewöhnlich die Gestalten der Wapen-Allegorien. Durchgängig sprechen auch alle altdeutschen Gedichte des 12., 13. bis Anfang 14. Jahrhunderts, sofern sie nicht durch spätere Abschreiber verändert wurden, nur immer von in den Kämpfen abgeschlagenen Ringen der Waffenrüstungen.

Erst gegen Mitte des 14. Jahrhunderts sieht man gediegene Harnische und Arm- und Beinschienen sich anfangs unter die Eisengeflechte mischen und mehr und mehr Oberhand gewinnen.

Quelle:

  • Christian Moritz Engelhardt: Herrad von Landsperg, Aebtissin zu Hohenburg, oder St. Odilien, im Elsass, in zwölften Jahrhundert und ihr Werk: Hortus deliciarum: Ein Beytrag zur Geschichte der Wissenschaften, Literatur, Kunst, Kleidung, Waffen und Sitten des Mittelalters … Mit 12 Kupfertafeln in Folio, J.G. Cotta Verlag, 1818.

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