Festmahle und Völlerei im Mittelalter


Feste und Völlerei

Die Völlerei, auch „Fresserei“ genannt, gehörte im Hochmittelalter zu einer der sieben Todsünden. Vor allem die oberen Schichten wurden mit dem Vorwurf der Völlerei konfrontiert, da die unteren Schichten meist viel zu arm waren, um sich derart große Mengen an Nahrungsmitteln leisten zu können. Die Völlerei galt somit als „Laster der Oberschicht“. Wer ihr nachgab sollte der Kirche nach in „des Teufels Küche“ kommen und im Jenseits mit teuflischer Zwangsernährung bestraft werden. Trotzdem führte die Kirche gegen dieses Laster keinen so großen Kampf wie beispielsweise gegen die Trunksucht. Die Völlerei wurde vielmehr als eine Nebenerscheinung der Trunksucht gesehen.

Obwohl die Kritik der Bevölkerung an Schlemmern und Völlern, besonders durch die Erfahrungen von Hungerszeiten, immer stärker zunahm, änderten die oberen Schichten ihre Ernährungsgewohnheiten nicht. Denn die üppigen Gelage und Feste fanden nicht nur aus purer Lust am Essen statt, sondern waren gleichzeitig auch ein Statussymbol.

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Der Speisesaal

Die höfischen Feste der Adligen unterlagen einem strengen Protokoll, bei dem besondere Regeln, Sitten und Bräuche zu beachten waren. Adlige bevorzugten es, ihre Feste in großen, schönen Räumen zu feiern. Der Speisesaal war entweder ein weitreichender Raum oder eine hohe Halle. Es gab Tische und Bänke, welche mit Tischdecken und Polstern versehen waren. Die verschiedenen Sitzgelegenheiten wurden je nach Stand und Rang zugeteilt. Für die Ehrengäste wurden gepolsterte Sessel zu Verfügung gestellt, während die übrigen Gäste auf einfachen Bänken Platz nehmen mussten. Zudem wurden auf einer Art Büfett, Prunkgeschirr und besonders wertvolle und schöne Kannen, Becher, Krüge und Schalen ausgestellt, welche die Gäste während des Mahls bewundern konnten. Auch wurde der Tisch des Gastgebers und der Ehrengäste manchmal auf ein kleines Podest gestellt um zum Ausdruck zu bringen, dass diese Personen in der Gesellschaft „eine gehobene Position“ einnahmen.


Die Sitzordnung

Der Ehrentisch war daran zu erkennen, dass dort der kostbare Tafelaufsatz stand, bestehend aus Trinkbecher, Serviette, Messer, Löffel und einem teuren Schneidebrett. Der Tafelaufsatz war meist aus Gold oder Silber gefertigt und mit verschiedenen Edelsteinen verziert. Die Gäste am Ehrentisch wurden besonders aufmerksam und zuvorkommend bedient. Dort wurden auch die Platten mit den besten Speisen und den schönsten Stücken Fleisch serviert. Neben den materiellen Vorteilen, die die Gäste am Ehrentisch genossen, fanden diese vor allem an der Auszeichnung gefallen, welche ihnen zuteil wurde, da sie so nah beim Gastgeber saßen. Wer keinen Platz am Ehrentisch bekam, probierte zumindest einen Tisch nicht weit davon entfernt zu bekommen.

Die weniger wichtigen Gäste wurden in einem anderen Raum oder im Freien platziert. Wie am Ehrentisch gab es auch an allen anderen Tischen „gute“ Plätze, mittig oder am Kopf eines Tisches, und „gewöhnliche“ Plätze. Je nach Stand wurden die Gäste also näher oder weiter weg vom Gastgeber platziert. Somit konnte man an der Tischordnung den gesellschaftlichen Rang der Gäste ablesen. Um einen reibungslosen Ablauf der Mahlzeiten zu garantieren, war eine große Dienerschaft notwenig. Oftmals erforderten die Aufgaben bei Tisch Hunderte von Bediensteten. Je höher der Rang eines Gastes war, desto höher war auch der Stand desjenigen, der ihn bediente. Es kam auch gelegentlich vor, dass die Diener auf einem Pferd servieren mussten, wenn die Podeste zu hoch waren, auf denen der Ehrentisch gestellt war. Um eine Vergiftung des Essens von wichtigen Gästen zu verhindern, wurden die Speisen der Ehrengäste in abgedeckten Schüsseln serviert.


Menü und Speisefolge

In den oberen Schichten war es üblich, üppige Speisefolgen zu servieren. Je festlicher der Anlass war, desto mehr Gänge gab es. Ein Gang bestand nicht aus einem einzelnen Gericht, sondern aus mehreren Gerichten. Ein Gang bedeutete damals ein Gang der Dienerschaft in die Küche und wieder zurück, wobei beispielsweise zehn unterschiedliche Gerichte aufgetragen werden konnten. Ein Menü bestand meist aus drei Gängen und somit aus mehreren verschiedenen Speisen. Verschiedenste Fleischsorten, Saucen, Kuchen, Eier, Fische, Vögel, Kaninchen, Wachteln, Orangen, Quitten und vieles mehr deckten bei einem Festmahl die Tafeln.Je größer die Auswahl und der Tisch waren, desto weniger hatte der Einzelne die Möglichkeit alles zu probieren. Man aß nur von den Speisen, die in unmittelbarer Nähe standen, deshalb musste darauf geachtet werden, den Ehrengästen die vornehmsten Speisen zu servieren. Es gab also nicht nur für die Gäste eine Tischordnung, sondern auch für die Speisen, wobei zu beachten war, dass die Gäste die Speisen sehen konnten, auch wenn sie sie nicht aßen. Die Üppigkeit der Speisen hatte weniger mit der Lust des Essens zu tun, sondern meistens vielmehr mit der Lust des Gastgebers seinen Reichtum zu zeigen. So gab es fast bei jedem Festmahl auch „Schaugerichte“, welche mit großem Aufwand hergestellt wurden, aber nicht essbar waren.


Völlerei

Die Völlerei bei diesen Festtagen hatte aber auch etwas mit den damaligen Lebensumständen zu tun, da sich niemand sicher war, „ob er auch morgen satt wird“. Einen Genuss auf spätere Zeiten zu verschieben, schien sinnlos zu sein, da das Leben voller Gefahren und Unsicherheiten steckte. Viel sinnvoller erschien es den damaligen Menschen stattdessen, sich an dem Hier und Jetzt zu erfreuen und das Leben solange auszukosten wie es noch möglich war. Durch reichliches Essen und Trinken fühlte man sich frisch und lebendig und versicherte sich so seines Daseins.

Außerdem wurde Esslust, Völlerei auch noch dadurch begünstigt, dass körperliche Beleibtheit als Ausweis für Macht Reichtum und Stärke galt. Nach Vorstellung des Adels zeichnete sich ein ritterlicher Held beispielsweise auch durch seinen „robusten Appetit“ aus.


Maßhalten

Gegen Ende des Hochmittelalters, änderte sich jedoch das traditionelle Bild des Helden. Die Tugend des „Maßhalten“ gewann in der höfischen Lehre nun immer mehr an Bedeutung. Man fand, dass sich wahrhafte Größe in vornehmer Zurückhaltung widerspiegelte und unmäßiges Essen dem Menschen schade. Besonders von den Dichtern wurde diese neue Tugendlehre aufgenommen und verbreitet. Von „vortrefflichen Rittern“ mit „ehrenvollem Betragen“ war nun die Rede, anstatt detaillierte Berichte über Essen und Trinken zu verfassen. Ein Ritter hatte nicht nur die Aufgabe seinen Hunger maßvoll zu stillen, sondern zeichnete sich auch dadurch aus, dass er die guten von den weniger guten Speisen unterscheiden konnte. Seine adelige Herkunft konnte man also auch damit beweisen, indem man den Wert der Speisen kannte und nur nach den teuersten Nahrungsmitteln griff. Das Verhalten bei Tisch galt also als Indiz für die Herkunft und Lebensführung einer Person. Es wurde zudem verlangt, nicht nur auf das eigene Wohl bedacht zu sein, sondern auch weder zu viel noch zu gierig zu essen. Beim gemeinsamen Essen und Teilen zeigte sich somit, die gesellschaftliche Stellung und der Anstand.


Tischregeln

Aus der mittelalterlichen Art zu speisen ergaben sich zahlreiche „Berührungspunkte“ zwischen den Gästen. Es wurde zu zweit aus einem Becher getrunken, man griff mit den Fingern in die Schüsseln und teilte sich Teller, aus denen man auch Suppen oder Soßen trank. Damals begab man sich beim Essen also in direkten Kontakt zu den Speisen und zueinander. Diese Nähe machte daher bestimmte Verhaltenregeln während des Mahles erforderlich, sodass seit dem 12. Jahrhundert bestimmte Vorschriften für das Benehmen beim gemeinsamen Essen und Trinken entstanden. Die so genannten „Tischzuchten“.

Diese Tischsitten regelten das höfische Verhalten während einer Mahlzeit und berührten drei Aspekte: Reinlichkeit bei Tisch, anständiges Benehmen und die Zügelung der Esslust. Beispielsweise sollte man sich vor dem Trinken aus dem gemeinsamen Becher den Mund abwischen, man sollte sich vor und während des Mahls die Hände in Schüsseln waschen, und es vermeiden, sein Brot in den Wein oder in das Salzfass zu tauchen. Zudem sollte man abgebissene Speisen nicht wieder zurück in die Schüssel legen und seine Finger nicht ablecken oder am Tischtuch abwischen. Auch für die Zurückhaltung beim Essen und Trinken gab es Vorschriften: Man sollte weder gierig über das Essen herfallen, noch als erster in die Schüsseln greifen. Auch dem Ranghöheren sollte man den Vortritt lassen und nicht nach Speisen verlangen, die von der Dienerschaft schon weggetragen wurden. Zu schmatzen und zu schnauben sowie beim Essen einzuschlafen galt ebenso als unhöflich, wie auf den Tisch, anstatt darunter oder an die Wand zu spucken, oder die Ellenbogen auf den Tisch zu legen. Maßlosem Essen und Trinken versuchte man dadurch entgegen zu wirken, indem es hieß, man solle niemals satt von einer Mahlzeit aufstehen. Insbesondere den Frauen erlegte man noch zusätzliche Tischsitten auf. Man legte ihnen nahe, bei Tisch nicht laut zu lachen, und sich vor dem eigentlichen Mahl in der Frauenkammer satt zu essen. Auf keinen Fall durften Frauen aber zu viel und zu hastig trinken.


Festmahl auf dem Dorf

Ganz anderes hielten es dahingegen die unteren Schichten bei einem Festmahl. Auch hier versuchte man natürlich, die Quantität und Qualität der Speisen zu erhöhen und reichhaltige Festmähler aufzutischen. Doch war dies meist nicht in so erheblichem Maße durchführbar wie beispielsweise beim Adel. Vor allem fehlte hier jede Art von höfischem Zeremoniell. Die meisten Feste wurden von der ganzen Dorfgemeinschaft gefeiert und beim Festmahl ging es vorwiegend derb und ausgelassen zu. Höfische Tischsitten waren hier unbekannt und so wurden die Hände beispielsweise einfach am Gewand abgewischt. Sich die Hände zu waschen war für die Bauern eine Rittersitte, welche für die einfachen Dorfbewohner unbekannt war. Letztendlich kann man also sagen, dass die Art und Weise sich insbesondere bei Festessen zu ernähren und zu verhalten, in den jeweiligen gesellschaftlichen Schichten zum größten Teil unterschiedlich waren.

One Comment:

  1. Sehr guter text danke

    Sehr guter text danke

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