Zeitzeugen beschreiben den schwarzen Tod

Einleitende Erklärung

Neben der Beulenpest gibt es noch weitere Pestarten: Wenn der Erreger der Beulenpest (yersinia pestis) direkt in die Lunge eines Menschen gerät, so kann dieser an Lungenpest erkranken und zeigt somit auch die Symptome der Lungenpest. In diesem Fall bleiben die typischen Symptome der Beulenpest, die Karbunkel, aus. Dies wird übrigens primäre Lungenpest genannt. Die sekundäre Lungenpest tritt auf, wenn der Pesterreger über die Blutbahn die Lunge befällt. Bei beiden Erkrankungen jedoch, bleiben die Symptome der Beulenpest aus. Bei den folgenden Schilderungen muss auf die verschiedenen Auswirkungen des Pesterregers geachtet werden. Befällt der Pesterreger zuerst den Körper oder die Lunge? Daneben gibt es noch die seltenere Pestsepsis (Eintritt der Erreger in die Blutbahn) und die Pestmeningitis (wenn der Erreger die Hirnhäute befällt).

Inhalt

Beschreibung des schwarzen Todes durch Covino

Bei Simon von Covino finden sich nur ganz allgemeine Angaben, in denen aber wiederum eine Teilung der Krankheitsfälle in zwei Gruppen stattfindet. Die Verderbnis der Säfte (siehe Säftelehre) erregt zunächst einen heftigen brennenden Schmerz in der Leiste, häufig auch unter den Achseln oder sie ergießt sich über die wichtigsten Lebensorgane, das Herz und die Lungen. An einer späteren Stelle schildert Covino den schwarzen Tod einfach als eine Beulenpest. Das Bluthusten erwähnt er nicht, aber eben so wenig die Petechien, die Karbunkeln und viele anderer Pestsymptome.

Covino bemerkte eine ungewöhnliche Blässe auf den Gesichtern der Menschen, die dem Befall durch die Pest vorausging. Dazu gesellte sich ein übler „bitterer“ Geruch des Atems.

Der Tod erfolgte, wie in allen Pest-Epidemien, urplötzlich durch die lähmende Macht des Entsetzens oder unter den Erscheinungen des Schlaganfalls. So wurde es z. B. in Westphalen und an der Nordsee beobachtet. Unzähligen Anderen brachten Blutungen aus den Lungen oder Nase den Tod, noch bevor sich die übrigen Erscheinungen entwickeln konnten. Wieder in anderen Fällen brach die Krankheit sofort mit ihren bekannten Symptomen aus. „Mitten in den Freuden des Mahles oder des Spieles empfinden die plötzlich Befallenen Schmerz in der Leistengegend; es entsteht Geschwulst, Fieber und unmittelbar darauf der Tod.“ In diese entsetzliche Kürze fasst Covino den Verlauf der Krankheit zusammen.

Sehr häufig entfaltete der schwarze Tod aber auch einen bestimmten Krankheitsprozess. In dieser Hinsicht sind die Angaben Guys von Chauliac über die Epidemie in Avignon die wichtigsten.

Beschreibung durch Guy de Chauliac

Abweichend von allen übrigen Beobachtern unterscheidet Guy von Chauliac die Epidemie in zwei scharf voneinander abgegrenzte Zeiträume. In beiden Perioden bildet ein „anhaltendes Fieber“ die Grundlage der Erscheinungen. In den ersten zwei Monaten war, neben dem Fieber, Blutspucken das auffälligste Symptom; der Tod erfolgte dann nach drei Tagen. Im zweiten Zeitraum gesellten sich zu den Erscheinungen der „Febris continua“ (anhaltendem Fieber) die Symptome der Beulenpest und die Kranken erlagen in fünf Tagen. Die erste Form des Krankheitsverlaufs übertraf aber die zweit Form an Ansteckungsfähigkei.

Eine so scharfe Trennung findet sich ausschließlich bei Guy von Chauliac. Trotzdem können wir sie als zutreffend ansehen, denn der Umstand unter denen der Autor seine Angaben machte, deckt sich mit Beobachtungen aus anderen Gegenden. Denn die Zeit, als Guy de Chauliac die Pest zu Avignon beschrieb, fiel in die Wintermonate, die wahrscheinlich die Auswirkungen der Ansteckung auf die Respirationsschleimhaut begünstigten, so wie sie auch für die Ausbildung der Drüsenaffektionen hinderlich waren. Dieser Umstand deckt sich also mit folgenden Beobachtungen: Die Mehrzahl derjenigen Überlieferungen, in denen als das Hauptsymptom des schwarzen Todes Blutungen aus der Nase und den Lungen hervorgehoben werden, entstanden in kälteren Gegenden, namentlich in England und hauptsächlich in Norwegen und Russland. In England, wo die Hauptverbreitung der Krankheit in den Winter fiel, wurden die Kranken häufig durch Blutspeien oder Blutbrechen entweder sogleich, innerhalb von 12 Stunden oder höchstens zwei Tagen hinweg gerafft. In Norwegen, wo die Epidemie im November ausbrach, schildert Torfaeus den schwarzen Tod als ein durch Lungenblutungen binnen zwei bis drei Tagen tödliches Übel. Ebenso werden in Russland als Haupterscheinungen Lungenblutungen und schwarze Flecken der Haut genannt.

Die Beschreibung von Dionysius Colle

Der Schilderung Chauliacs stellt sich die von Dionysius Colle an die Seite. Dieser Arzt drückt seine Meinung über die Natur der Seuche gleich in den ersten Worten seiner Beschreibung mit Bestimmtheit aus. Die Krankheit ist ihm eine „Pestilenz mit Blutspeien“. Der weitere Zusatz, der in der Krankheit die Merkmale einer bösartigen und ansteckenden Peripneumonie (Erkrankung der Lunge und Umgebung) erkennt, dient nur zur Erläuterung und stammt vielleicht nicht einmal vom Verfasser selbst, sondern vom seinem Herausgeber. Außerdem hält es Colle für nötig, die Zufälle des Grundleidens, der „Febris continua“ im Einzelnen darzulegen: die schwarze und trockene Zunge, die Delirien und die Ausbrüche der Wut; die Angst und die Schmerzen in der Herzgegend, die Beschleunigung des Atems, den Husten, den Auswurf von mancherlei Art; den trüben, häufig schwarzen Harn, die schwarzen Stühle; das schwarze, missfarbige Blut; zu all diesen Erscheinungen treten die eindeutigen Symptome der Pest hinzu: Petechien (kleine Blutungen aus den Zwischenräumen der Haut), Anthraces und Karbunkel (die mit Eiter gefüllten Beulen).

Die Beschreibung von de Mussis

Die Beschreibung de Mussis ist hauptsächlich deshalb wichtig, weil sie lehrt, dass der schwarze Tod schon in der Krim mit den Symptomen der Beulenpest einher ging. Die Krankheit begann nach dieser Beschreibung mit heftigen stechenden Empfindungen, denen ein starker Frost und dann der Ausbruch harter Karbunkeln unter den Achseln und in der Leistengegend folgte. Nun erst entwickelte sich ein überaus hitziges Faulfieber mit heftigem Kopfschmerz und tiefer Betäubung. Hierzu gesellte sich ein unerträglich übler Geruch der Kranken (an den Atem der Kranken gebunden, ein Symptom, das in mehreren Überlieferungen von Laien besonders betont wird). Bei Anderen stellte sich blutiger Auswurf ein, gegen den kein Heilmittel etwas auszurichten vermochte. De Mussis fügt hinzu, dass sich bei Manchen „Anschwellungen“ (wahrscheinlich Karbunkel) in der Nähe der am heftigsten ergriffenen inneren Organe, am Rücken und auf der Brust, ausbildeten. Der Tod erfolgte manchmal schon am ersten oder zweiten, häufiger am dritten bis fünften Tag. Hart bleibende Karbunkel waren immer, tiefe Schlafsucht und das Auftreten des üblen Geruchs in der Mehrzahl der Fälle sichere Vorzeichen des Todes.

Die Beschreibung von Kantakuzenes

Ähnlich wie de Mussis unterscheidet auch Kantakuzenes in seiner überaus wichtigen Beschreibung drei Formen der Krankheit. Bei Einigen trat der Tod schon am ersten Tag, ja sogar in der ersten Stunde ein, ohne dass sich ein besonderes Leiden einzelner Organe ausbilden konnte. Bei Anderen verlängerten sich die Leiden bis zum dritten Tag, unter einer doppelten Reihe von Symptomen. Die Einen litten an dem heftigsten Fieber, verloren die Fähigkeit zu reden und fielen in Schlafsucht. Kamen sie aus der Schlafsucht wieder zu sich (ein seltenes Ereignis), so versuchten sie zu reden, gaben aber bald darauf ihren Geist auf. Bei den Übrigen ergriff die Krankheit nicht den Kopf, sondern die Lungen. Unter heftigen Schmerzen der Brust warfen sie blutgefärbte Stoffe aus. Den inneren Organen entstieg ein ungewöhnlicher und übel riechender Atem. Hierzu traten Austrocknung der Zunge und des Schlundes, unlöschbarer Durst, Schlaflosigkeit und die Qual beängstigender, überall verbreiteter Empfindungen. Bei dieser Form brachen rote und schwarze Flecken und Stippchen in verschiedenen Abstufungen der Dichte und Sättigung hervor. Hierzu kamen Karbunkel an den Armen, den Kiefern und an anderen Körperstellen (die Kantakuzenes, offenbar aus Schicklichkeit, nicht nennt), die, wenn sie reif werden, häufig die Genesung zur Folge hatten. Schließlich führt auch Nicephorus neben den Karbunkeln das Blutspucken an.

Zusammenfassung der Pest-Beschreibungen

Diese Beschreibungen genügen, um das Bild der Symptome zu entwerfen, die die furchtbare Seuche hervorrief. Die Angaben aller übrigen Beobachter stimmen vollständig mit ihnen überein. Man kann höchstens noch anführen, dass nach Angaben von Boccaccio in Florenz und Italien überhaupt, kein Nasenbluten beobachtet wurde, das jedoch im Orient als sicheres Todeszeichen gegolten hatte. Die Neuburger Chronik schildert den schwarzen Tod als eine Beulenpest und als das gefährlichste Symptom derselben das Blutspeien. Die größte Mehrzahl der nichtärztlichen Darstellungen nennt und beschreibt den schwarzen Tod einfach als Drüsenpest.

Als letzte Erklärung von abweichenden Schilderungen soll erwähnt sein, dass einer der zuverlässigsten ärztlichen Berichterstatter, Colle, unter den Erscheinungen des schwarzen Todes Durchfälle, Geschwüre, Anfressungen der Nase und Gangrän der Füße anführt. Hier liegt die Vermutung nahe, dass bei diesen Symptomen, die gerade in Oberitalien, dem Beobachtungskreis Colle’s, eine schwere Hungersnot und die Verunreinigung des Getreides mit Mutterkorn ihren Anteil hat. Diese Vermutung liegt umso näher, da Petrarca und Sigmund von Birken ausdrücklich sagen, es seien gleichzeitig drei Krankheiten aufgetreten: die Pest, die rote Ruhr und das heilige Feuer.

Quelle:

  • Heinrich Haeser: Lehrbuch der Geschichte der Medicin und der Volksrankheiten, ab Seite 262, Jena: Friedrich Mauke Verlag, 1845.

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