Die Krönung Karls des Großen

Einführung

Kurz vor dem Jahre 800 entstanden in Rom gewaltige Unruhen. Die Neffen des vorigen Papstes Hadrian wollten den neuen Papst Leo III. nicht auf dem päpstlichen Stuhl dulden; sie gaben ihm die Schuld für eine Menge Verbrechen, hetzten den Pöbel auf ihn und veranlassten einen Aufstand, in welchem man sich dazu herabließ, den heiligen Vater bei einer Prozession aus dem Zuge heraus zu reißen, zu prügeln und ins Gefängnis zu schleppen.

Er fand aber Mittel zu entfliehen, und flüchtete zu König Karl nach Paderborn. Dort wurde er mit großer Auszeichnung empfangen, und wie ein Gott angestaunt und verehrt. So viel Achtung für seine Person und seine Würde tat ihm ungemein wohl; noch besser gefiel ihm aber Karls Versprechen, dass er sofort nach Italien ziehen, und die Empörer zu strenger Rechenschaft ziehen wolle. Dies geschah auch wirklich; er ließ den Papst vorausgehen, und folgte ihm.

Inhalt

Die Krönung vor dem Volk als Überraschung inszeniert

Die Unruhen in Rom waren nun bald gestillt, und man konnte ungestört das Weihnachtsfest feiern, mit welchem damals das neue Jahr, und zufällig ein neues Jahrhundert anfing. Dieser Umstand, die Anwesenheit des mächtigen Karl und seiner vornehmsten (wichtigsten) Heerführer, welche alle die Kirche zu besuchen versprachen, die Stimme des heiligen Vaters, die sich sollte vernehmen lassen und ein dumpfes Gerücht von einer großen Feierlichkeit, die vorgenommen werden würde – dies alles zusammen genommen, zog eine ungeheure Volksmenge in den Tempel.

Karl erschien mit seinem Gefolge, und kniete, mit einem prächtigen Purpurmantel bekleidet, vor dem Altar nieder, um sein Gebet zu verrichten. Als er ausgebetet hatte, wollte er wieder aufstehen und sich entfernen. Aber siehe da, der Papst trat zu ihm heran mit einer goldenen Krone in den Händen, setzte sie ihm auf das Haupt und rief ihn vor allem Volke als römischen Kaiser im Okzident aus. Sogleich schmetterten die Trompeten, hundert andere Instrumente, auch die Orgeln fielen ein, und ein zahlreicher Chor stimmte feierlich einen Krönungsgesang an.

abb. 3: die kaiserkrönunung karls des großen in rom

Karl stellte sich höchst erstaunt und schien von nichts gewusst zu haben. Wahrscheinlich aber war schon alles vorher zwischen ihm und dem Papste verabredet. Von jener Zeit an führte eine Linie von Karls Nachfolgern in der Regierung, nämlich die deutsche, den Titel römischer Kaiser, der erst in den neueren Zeiten wieder aufhörte, weil Kaiser Franz II. ihn nicht länger führen, sondern lieber Kaiser von Österreich heißen wollte.

Die Krönung vergrößerte die Macht der Päpste

Ihr werdet vielleicht fragen, was hatte denn dieser Papst Leo III. für ein Recht, einen fränkischen König zum Kaiser im Okzident auszurufen? Ich muss euch antworten: keines. Er maßte sich da eine Freiheit an, die ihm nicht gebührte, wenn die Sache nicht vorher schon zwischen ihm und Karl abgeredet war. Karl konnte sich freilich als Herr und Überwinder so gut zum römischen Kaiser als zum römischen Könige erklären; aber der Papst konnte ihm für sich diesen Titel nicht geben.

Auch würde es Karl gewiss nicht zugelassen haben, wenn er hätte voraus sehen können, dass sich von dort an die Päpste das Recht zueignen würden, die deutschen Könige zu römischen Kaisern zu krönen und Kaiser und Könige ein und abzusetzen, wie das in der Folge mehrmals geschehen ist. – Merkt euch, dass Karl mit dem Jahre 800 den Titel eines römischen Kaisers zum ersten Mal annahm.

Quelle:

  • Dr. Georg Ludwig Jerrer: Die Weltgeschichte für Kinder, Band 2, 5. Ausgabe, Nürnberg: Verlag von Friedrich Campe, 1833.
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