Der Aufstieg des Papsttums

Einführung

Es wird in der Folge oft von den Päpsten und von der Gewalt die Rede sein, die sie über Könige und Fürsten, ja über ganze Völker ausübten. Ich muss euch daher sagen, was sie anfangs waren, und wie sie nach und nach zu ihrer großen Macht gelangt sind.

Ich habe euch schon gesagt, dass die Apostel Bischöfe, das heißt, Oberaufseher über die neu errichteten Gemeinden setzten. Diese Bischöfe kamen wieder unter die Aufsicht noch höherer Geistlicher, Patriarchen genannt, und solche Patriarchen gab es in der gesamten christlichen Welt fünf.

Inhalt

Der Patriarch in Rom

Einer der fünf Patriarchen hatte seinen Sitz zu Rom, und dieser nahm in der Folge den Titel Papst an, und eignete sich den höchsten Rang unter ihnen zu. Er sagte: „Ich bin der Nachfolger des Apostels Petrus, der in den letzten Jahren seines Lebens sich zu Rom aufgehalten hat, und die christliche Gemeinde gegründet hat. Er war der erste römische Bischof; wer darf es wagen, sich über ihn zu erheben?“

Es ist aber gar nicht erwiesen, dass der Apostel Petrus nach Rom kam; deswegen wollte auch der Patriarch zu Konstantinopel dem römischen nie einen Vorzug einräumen, und lebte in immerwährenden Streitigkeiten mit ihm.

Die Geistlichkeit vergrößert ihren Einfluss

Die Regenten von Italien gingen auch mit den römischen Bischöfen nicht anders um, als mit den übrigen Patriarchen und Bischöfen; sie behandelten sie als Untertanen, und oft mit gebieterischer Strenge. Die vorgeblichen Nachfolger Petri mussten vor ihnen zu Gerichte stehen; und wenn sie sich nicht gut benahmen, so wurden sie abgesetzt. Dies taten unter anderem der Kaiser Justinian und sein Nachfolger mehr als einmal.

Gleichwohl griffen die römischen Patriarchen bei der damaligen Unwissenheit und der blinden Verehrung, die der gemeine Mann für sie hegte, immer weiter um sich. Es trat einer auf, der behauptete, der geistlichen Macht gebühre der Vorzug vor der weltlichen, und das Oberhaupt der christlichen Kirche könne gar nicht irren. Er verlangte daher, dass die Kaiser und andere Fürsten sich den höhern Einsichten der Päpste unterwerfen, und ihnen gehorsam sein sollen.

Dies geschah schon zu Ende des fünften Jahrhunderts von Gelafius 1. Im sechsten erschien Gregor der Große, der noch weiter ging, und sich die Obergerichtsbarkeit in geistlichen Sachen zueignete, auch sich anmaßte, allgemein geltende Gesetze in Kirchenangelegenheiten zu geben.

Christliche Anhänger und Reichtum vermehren sich

Je mehr die christliche Religion sich ausbreitete, desto größer wurde das Ansehen und die Macht der römischen Oberbischöfe. Alle deutschen Völker, die nach Italien gekommen waren, die Westgoten, Ostgoten, Vandalen, Langobarden, auch die Franken in Gallien waren Christen geworden. Jetzt wurde auch das Evangelium in England gepredigt, und eine Menge Kirchen und Bistümer errichtet.

Weiterhin kamen von England ans mehrere eifrige Apostel nach Deutschland, aber erst in dem folgenden Zeitraume. Je mehr Völkerschaften die katholische Religion annahmen, desto mehr Untertanen erhielten die römischen Patriarchen. Durch Heere von Mönchen wurden die neuen Christen in blinder Ehrfurcht und Anhänglichkeit für das Oberhaupt der christlichen Kirche erhalten.

Diese Mönche, und die Geistlichen überhaupt, standen damals in sehr hohem Ansehen, weil sich bei der immer mehr zunehmenden Barbarei noch ein Schein von Gelehrsamkeit unter ihnen erhalten hatte, und sie deswegen bei den wichtigsten Angelegenheiten, selbst in Staatsgeschäften, gebraucht wurden. Hierzu kamen dann noch ihre großen Reichtümer, die von den Geschenken frommer Christen herrührten, welche glaubten, kein besseres und dem Himmel angenehmeres Werk tun zu können, als wenn sie den Klöstern einen Teil ihres Vermögens vermachten.

Die Geistlichkeit missbraucht die Religion

Wer aber reich ist, der hat oft hohes Ansehen, wenn er auch sonst nur wenig Achtung verdiente. Noch mehr als Wissenschaft und Geld kam der Geistlichkeit die Religion zugute, denn im Namen der Religion setzte sie alles durch. Wer ihr ihr entgegen stellte, der wurde als ein gottloser Mensch verrufen, verketzert, verfolgt, in den Bann getan; es wurde ihm die Kirche verschlossen und das Abendmahl nicht mehr gereicht. So ward bald die niedere Geistlichkeit im Kleinen, was die Bischöfe, die Oberbischöfe, die Päpste, für die sie arbeiteten, im Großen waren.

Quelle:

  • Dr. Georg Ludwig Jerrer: Die Weltgeschichte für Kinder, Band 2, 5. Ausgabe, Nürnberg: Verlag von Friedrich Campe, 1833.

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